6. Family Reunion
Die vornehmste und ehrenvollste Aufgabe, die uns das Leben auferlegt, ist das Heranziehen der nächsten Generation. Eine glückliche Kindheit ist eines der schönsten Geschenke,
die Eltern zu vergeben haben.
Beides konnte ich nicht erfüllen. Zumindest nicht bei Antonella. Weder durfte ich sie mit erziehen, noch konnte ich ihr eine glückliche Kindheit bescheren. Ich wusste nichts von ihr, mal abgesehen von den offensichtlichen Dingen.
Es bestand für mich keinerlei Zweifel, dass Bella ihr dies nicht alles geboten hatte. Jedoch wäre dies auch meine Aufgabe gewesen. Soviel hatte ich verpasst, was nicht mehr aufzuholen war. Das Einzige, was ich meiner großen, erwachsenen Tochter jetzt noch bieten konnte, waren grenzenlose Liebe und das Gefühl, dass ich für sie da sein würde, wann immer sie mich brauchte.
Sie in meinen Armen zu halten, sie fest an meinem Herzen zu spüren war überwältigend. Es war wie ein Meer voller Emotionen, dessen Wellen auf mich nieder schlugen und deren Kraft mich alles andere um uns herum vergessen ließ. Nur meine Tochter und ich waren da. Sie, die mir durch meine große Liebe geschenkt wurde, mir einen Funken meiner Gewissheit zurück gab, dass Bella und ich für einander bestimmt waren.
Der Duft, der sie umhüllte und mich stark an ihre Mutter erinnerte, kroch in meine Nase und tief sog ich ihn ein. Antonella klammerte sich eisern an mich, grub ihre Fingernägel tief in den Stoff meines Hemdes und vergoss Tränen in Strömen. Einen Augenblick lang fühlte ich mich hilflos, weil ich ihr soviel sagen wollte, sie trösten wollte, doch ich konnte nicht. Sie selbst musste es mir sagen. Mir endlich erzählen, wer sie wirklich war.
Die Sehnsucht, die mich in dem Moment zu übermannen drohte, war fast übermächtig. Bilder, wie alles hätte sein können, erschienen wie eine Diashow in meinem Kopf, was mich ehrlich lächeln ließ. Wie lange wir so ineinander verwoben in dem Büro standen, konnte ich nicht sagen, aber es war lange und es fühlte sich so wahnsinnig gut an.
Irgendwann löste sich meine Tochter von mir. Sofort breitete sich diese wohlbekannte Leere in mir aus, die ich jahrelang gefühlt hatte und durch meine Töchter zu einem kleinen Stück wieder ausgefüllt wurde. Es gab nur einen einzigen Menschen in meinem Leben, der mich wirklich vervollständigen konnte, der mein verletztes Herz heilen würde.
Bella
Antonella sah mir angsterfüllt ins Gesicht. Hatte sie Angst vor mir? Oder eher vor meiner Reaktion, bezüglich der momentanen Situation? Eine schwarze Spur ihrer restlichen Schminke zierte ihre Wangen und sie zitterte wie Espenlaub. Erneut wollte ich sie in den Arm nehmen, aber ich hielt mich selbst zurück, da ich mir nicht sicher war, wie sie sich womöglich verhalten würde. Stattdessen holte ich aus meiner Hosentasche ein Papiertaschentuch, welches ich ihr reichte. Kurz zögernd starrte sie zuerst auf meine Hand in der ich das Tuch hielt, dann in mein Gesicht und wieder zurück, bevor sie es mit einem leise gemurmelten „Danke“ annahm.
Antonella schnäuzte sich, trocknete ihre Augen und ohne mich nochmal anzusehen, entschuldigte sie sich bei mir für ihren Ausbruch. Alles in mir hoffte und betete dafür, dass sie endlich die Wahrheit sagen würde. Mein Herz klopfte immer schneller, sobald sie ein Wort anfing zu sprechen. Dennoch erwähnte sie mit keiner Silbe das, was ich hören wollte. Ich haderte mit mir, ob nicht vielleicht doch ich derjenige sein sollte, der den Mund aufmachen müsste. Und gerade als ich mich dazu entschlossen hatte, klingelte ein Handy. Antonellas Handy…
Sie zuckte merklich zusammen, als sie die Melodie erkannt zu haben schien. Es war ein anderer Song als der, den ich das letzte Mal hörte. Diesmal war es Sex on Fire von Kings of Leon. Tony rannte an mir vorbei zum Schreibtisch, wo ihre Tasche oben auflag, durchwühlte sie hastig und nachdem sie ihr Handy gefunden hatte, drückte sie den Anrufer schnell weg. Dann seufzte sie schwer und warf mir einen entschuldigenden Blick zu. Ehe ich etwas sagen konnte, verkündete sie, dass bis Vierzehn Uhr das von mir verlangte Vermarktungskonzept fertig sein würde, kam auf mich zu und schob mich aus dem Büro. Dabei entschuldigte sie sich nochmals immer und immer wieder. Ich hingegen war so perplex von dieser seltsamen Wandlung, dass ich mich nicht wehren konnte oder gar Einspruch erhob. Ich ließ es einfach geschehen.
Nun stand ich hier, vor der Tür ihres Büros, starrte mit gerunzelter Stirn auf das Holz, überdachte das eben passierte.
Mit den Händen in den Hosentaschen wandte ich mich ab, lief wie ferngesteuert den Gang entlang und grinste dümmlich vor mich hin. Ignorierte Alice Blicke, die auf mir lagen und Skepsis beinhalteten.
Wieder allein in meinem eigenen kleinen Reich, brach ich in schallendes Gelächter aus. So suspekt die Sachlage eben gewesen sein mochte, war sie dennoch auf ihre eigene Art witzig. Wenn man bedachte, dass Antonella vor noch wenigen Minuten tieftraurig in meinen Armen lag und sich innerhalb von Sekundenbruchteilen wieder zu dieser taffen Person, die mir Paroli bot, entwickelt hatte, so konnte man sich nur darüber amüsieren. Solch einen heftigen Stimmungswechsel kannte ich nur von mir selbst. Und ja, es machte mich glücklich zu erkennen, wie viel sie doch mit mir - ihrem Dad- gemein hatte. Je mehr ich sie kennenlernte, umso mehr Gemeinsamkeiten bemerkte ich. Konnte sowas wirklich vererblich sein?
~*~
Der Vormittag verging schnell, zu schnell, doch meine Laune war gut und das, obwohl noch immer diese Komödie zwischen mir und meiner Tochter stand. Sicherlich wäre es toll gewesen, wenn das Geheimnis endlich gelüftet wurden wäre, aber ich war mir auch bewusst, dass dieses Spiel nicht mehr lange gehen konnte. Alleine schon ihr Ausbruch hatte mir gezeigt, dass sie das Ganze seelisch belastete. Es war nur noch eine Frage der Zeit und Geduld war hier wohl der Schlüssel zum Tor der Wahrheit.
Einen Blick auf die Uhr werfend schnappte ich mir meinen Mantel. Emmett mein Cousin hatte mich vor nicht ganz einer halben Stunde angerufen und mich gefragt, ob wir gemeinsam zu Mittag essen könnten, da er eine Bitte an mich hätte. Und da ich ihn schon seit Wochen nicht mehr zu Gesicht bekam wegen der vielen Arbeit, stimmte ich dem zu.
Mit schnellen Schritten verließ ich das Büro, klärte Alice über mein Vorhaben auf, mich mit Em zu treffen und dass ich bis halb Zwei wieder in der Firma wäre.
Als ich wieder in dem langen Flur vor dem Aufzug stand, überlegte ich kurz, ob ich noch einmal bei Tony vorbei sehen sollte. Einfach nur schauen, ob es ihr gut ging.
Ständig blickte ich zwischen dem Fahrstuhl und dem Gang zu ihrem Büro hin und her. Sollte ich? Die Entscheidung wurde mir abgenommen, als sich die Aufzugtüren öffneten und die Stimme von Anne an mein Ohr drang.
„Tanya, warte!“, rief sie. Ich fuhr herum und stieß direkt mit meiner kleinen Tochter zusammen.
„Hey…wo willst du denn hin?“, fragte ich lächelnd und hielt sie dabei an den Schultern fest, da sie sonst zurück getaumelt und womöglich gestolpert wäre.
Große blaue Augen musterten mich freudestrahlend.
„Dad! Wir wollten dich zum Mittagessen abholen.“ Ich stutzte, sah auf meine Uhr am Handgelenk und wieder zu Tanya.
„Wieso bist du nicht in der Schule?“ Eine Augenbraue hochziehend, wartete ich auf eine Antwort.
„Weil unsere Lehrerin krank geworden ist und die letzten zwei Stunden ausgefallen sind.“
„Stimmt das, Anne?“, wandte ich mich an das Au-Pair Mädchen, welches mittlerweile direkt neben mir stand. Sie nickte.
„Tut mir leid, Edward. Ich wollte mit ihr nach Hause, aber Tanya wollte unbedingt hier her zu Ihnen.“ Fügte sie hinzu. Nachsichtig Lächelte ich beide an. Dann nahm ich Tanya hoch und drückte sie fest an mich. Sie gab mir einen leichten Kuss auf die Wange
„Und? Gehen wir nun essen, Dad?“
„Natürlich Prinzessin, wo möchtest du denn hin, hm?“ Das Funkeln ihrer Augen wurde stärker und da wusste ich, was sie wollte.
„McDonalds“ war ihre schlichte Antwort, was mich den Kopf schütteln und aufstöhnen ließ.
„War ja klar!“ Anne neben mir kicherte. „Bloß nichts Gesundes, huh?“
„Daaad, das schmeckt halt einfach nicht so gut“, erwiderte meine Kleine augenrollend und Achselzuckend. Ich lachte laut auf.
„Ok, dann muss ich aber deinem Onkel Emmett Bescheid sagen.“ Ich stellte Tanya wieder auf ihre Beine und zückte mein Handy, wählte seine Nummer und nach dem zweiten Klingeln nahm er ab.
„Cullen!“, begrüßte er mich abwesend wirkend.
„Ebenso“, kicherte ich.
„Hey Ed, was ist los? Willst du mich hängen lassen?“
„Nein, es gibt nur eine kleine Planänderung.“ Mit einem Finger drückte ich die Taste des Fahrstuhls, der wieder nach unten gefahren war. „Wir treffen uns im Mcdonald in der Whittaker Avenue.“
„Ahh, Tanya ist dabei, huh?“, fragte er, dabei konnte ich das Grinsen aus seiner Stimme hören.
„Ja du hast es erfasst. Also bis gleich!“ Dann legte ich auf und betrat mit Anne und meiner kleinen Prinzessin den Aufzug.
Zu dritt spazierten wir die Straße entlang, da besagtes Fast-Food- Restaurant gleich um die Ecke meiner Firma lag. Den ganzen Weg dorthin veranstalteten Tanya, Anne und ich eine kleine Schneeballschlacht und lachten. Wir benahmen uns wie kleine Kinder. Es war schön, einfach mal nicht darauf achten zu müssen, die Etikette zu wahren. Allerdings machte es mich auch ein wenig traurig. Der Wunsch, Antonella auch mit hier zu haben wurde übermächtig, sodass ich einige Schritte hinter meiner kleinen Tochter und ihrer Au-Pair, zurückfiel. In Gedanken versunken, trottete ich hinterher und erst als wir direkt vor dem Laden standen, riss mich die Stimme von Emmett wieder heraus.
„Hey, Engelchen“, begrüßte er Tanya, die er sofort packte und mit ihr eine 360° Grad Drehung vollzog.
„Onkel Em, schön dich mal wieder zu sehen…“
„Ja, das finde ich auch“, unterbrach ich meine Tochter und überbrückte die minimale Distanz zwischen ihnen und mir. Zur Begrüßung schlug ich meinem Cousin leicht auf die Schulter. Mit Tanya auf dem Arm zog er auch Anne in eine Umarmung, die danach mehr als verblüfft aussah. Ich grinste.
Nach dem ganzen Begrüßungsgeplänkel betraten wir gemeinsam den McDonalds, wo wir gleich einen Tisch in der Mitte des Raumes aufsuchten. Während Emmett sich mir gegenüber setzte, drückte ich Anne einen Fünfzig Dollarschein in die Hand, damit sie mit Tanya Essen holen konnte. Ich wollte lediglich einen großen Kaffee und einen Cheeseburger. Wohingegen Em den beiden mitteilte, dass sie ihm doch bitte ein BigMac Menü mit Coke, einen Royal Ts und zusätzlich noch drei Cheeseburger mitbringen sollten.
„Und? Was ist der Anlass für dieses Treffen?“ Mein Cousin, der wie gebannt den beiden Mädels hinterher starrte, ob sie auch das richtige bestellten, zuckte zusammen.
„Achso, ja.“ Er rieb sich mit der Hand über den Nacken, wirkte dabei irgendwie nervös.
„Na, spucks schon aus, so schlimm kann es ja wohl kaum sein“, hakte ich nach.
„Also du weißt ja, Carlisle und Esme sind gerade auf einer Kreuzfahrt.“
„Jaaah und weiter?“
„Rose und ich müssten ab morgen für ein paar Tage geschäftlich nach Vancouver. Dort findet eine Messe statt, die für uns wirklich von Bedeutung ist, da sowas nur einmal im Jahr…“
„Und ich soll eure Tochter in der Zeit nehmen?“, fragte ich ihn mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
„Ähm…genau. Wir wollten ja Mrs. Benson fragen, aber die liegt mit Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus.“ Soweit ich wusste, war Mrs. Benson die Nachbarin, die meist nachmittags auf meine Nichte aufpasste, wenn die beiden noch arbeiteten.
Rosalie, meine Schwägerin, war eine leidenschaftliche Autobastlerin, hatte ihre eigene Autowerkstatt und mein Cousin übernahm die Buchhaltung. Die beiden waren nun seit gut sechzehn Jahren ein Paar. Ich verstand Emmett, weshalb er sich in sie verliebte. Schließlich traf man nicht alle Tage eine Frau, die auf Autos abfuhr und dazu noch aussah wie ein Model, das die Pariser Laufstege im Sturm erobern könnte. Auch charakterlich war sie einzigartig. Sie nahm kein Blatt vor den Mund, sagte ihre Meinung offen und direkt, blieb dabei aber immer freundlich.
„Hey, es ist okay. Tanya würde sich sicher freuen, wenn sie ein paar Tage mit ihrer Cousine verbringen kann.“ Entgegnete ich.
„Was würde mich freuen?“ Meine Tochter stand mit einem Tablett voller Burger neben unserem Tisch. Ihr Blick wanderte neugierig zwischen ihrem Onkel und mir hin und her.
„Wenn deine Cousine ein paar Tage bei uns wohnt“, antwortete ich ihr. „Wo hast du Anne gelassen?“
„Die bezahlt gerade und wartet noch auf den Rest, müsste gleich da sein.“ Dabei warf sie einen Blick über ihre Schulter in in Richtung der Kassen. „Damla kommt uns also besuchen? Find ich cool, Dad.“ Sie schob das Tablett auf den Tisch und ließ sich dann neben mir auf den Stuhl fallen.
Ich lächelte und wandte mich dann wieder Emmett zu. „Also?“, fragte ich, während ich das Papier vom Burger entfernte. „Wann bringst du sie vorbei?“
„Mhmh“, machte Emmett. „Na ja …. heute Abend?“ Es klang eher wie eine Frage. Verunsichert blickte er mich an und ich seufzte tief.
„Dass du immer alles auf den letzten Drücker machen musst“, brummte ich und zupfte an dem Cheesburger herum. „Na ja, vorbei bringen kannst du sie jedenfalls.“
„Danke, Mann“, meinte er erleichtert. „Du warst einfach unsere letzte Hoffnung.“
„Klar, kein Problem“, zuckte ich lediglich die Achseln. „Du weißt, ich kann gut mit ihr.“ Emmett lachte laut auf.
„Jaaah, das stimmt. Sie ist nicht immer einfach, aber dich vergöttert sie regelrecht.“
Damla war genau wie ihre Mum. Auch wenn sie ihr nicht sehr ähnlich sah – sie kam vollkommen nach ihrem Dad, wilde, lange Locken und dunkle Augen – glich ihr Charakter dem Rosalies doch eins zu eins. Obwohl sie gerade erst 14 war, war sie nicht auf den Mund gefallen und konnte klar und deutlich sagen, was sie wollte. Emmett hatte Recht, manchmal schien sie sehr anstrengend zu sein, aber man durfte nichts auf sie kommen lassen. Sie war der Augapfel ihrer Mutter. Nicht, dass Emmett sie nicht genauso sehr liebte, doch manchmal hatte ich ehrlich das Gefühl, dass die beiden Damen sich gegen ihn verschworen.
„Ist doch praktisch. Ihr könnt nach Vancouver und Tanya hat ein wenig Gesellschaft in nächster Zeit.“ Ich blickte erneut zu meiner Tochter, die mich nun anstrahlte. Sie lächeln zu sehen erfüllte mich jedes Mal mit Stolz und einer unglaublichen Freude.
„Es sind ja auch nur vier Tage“, wandte Emmett ein. „Und wenn was ist-“
„-ruf ich an“, unterbrach ich ihn augenverdrehend.
„Jaah, nur ruf dann auch rechtzeitig an. Du weißt, wie Rose werden kann, wenn es um sie geht.“ Ich kicherte und nickte zustimmend.
„Gut. Ich bin froh, dass wir das geklärt haben“, sagte er und seine Schultern sackten leicht zusammen. So, als hätte das schon viel zu lange auf ihm gelastet. Ich schmunzelte amüsiert und biss in meinen Burger.
„Rose hat dich ganz schön unter dem Pantoffel, weißt du?“, bemerkte ich grinsend.
„Halt die Klappe, Ed“, grummelte mein Cousin verärgert und runzelte leicht die Stirn.
„Okay“, lachte ich. „Bin schon ruhig.“
Als ich wieder zu Tanya blickte, puhlte sie gerade mit einem leicht angeekelten Ausdruck im Gesicht, die Gürkchen von ihrem Essen. Das tat sie immer – dabei spitzte sie die Lippen leicht an und verengte die Augen zu Schlitzen. Wieder lachte ich leise in mich hinein. Anne kam zu uns an den Tisch zurück und ließ sich seufzend auf einen freien Stuhl fallen.
Wir verfielen in ein lockeres Gespräch und ich war gerade dabei meinen Kaffee zu genießen, als ich sie sah. Antonella.
Einen Moment erstarrte ich in meiner Position, hatte mich allerdings schnell wieder gefangen. Sie sah ziemlich gehetzt aus – zwischen ihrem Ohr und der Schulter klemmte ihr Handy, unter dem rechten Arm und ihrer Taille ein dicker Ordner und in der linken Hand, hielt sie ihre Handtasche, in der sie mit der Freien herumwühlte. Sie redete leise, verdrehte aber immer wieder die Augen. Als sie letztendlich den Tresen erreichte, warf sie den Ordner darauf und zog ihren Geldbeutel aus der Tasche, ehe sie das Telefon wieder in der Hand hielt und sich mit der anderen durch das Haar fuhr. Sie seufzte immer wieder. Mit wem sie wohl gerade sprach?!
Als ein lautes „Jay, lass das!“ wurde meine bis dato unbeantwortete Frage auch sofort beantwortet. Aber wer war Jay? Was war das überhaupt für ein Name? Hatte sie einen Freund?
All diese Fragen verpufften, als ich ihr wütendes Gesicht sah.
Ich grinste. Das Temperament hatte sie eindeutig von ihrer Mutter. Bella … bei dem Gedanken durchfuhr mich ein leichter Stich. Es fühlte sich so … unbeschreiblich merkwürdig an, eine Tochter von der Frau zu haben, die man liebte und immer lieben würde und sie nicht einmal aufwachsen gesehen zu haben. Wie viel hatte ich verpasst … Und nun stand sie da.
Wunderschön, selbstbewusst und intelligent.
„Warum grinst'n du so, Ed?“, riss Emmetts laute Stimme mich aus den Gedanken. Ich trank einen weiteren Schluck von meinem Kaffee.
„War nur in Gedanken“, winkte ich schnell ab. Anne lächelte mich leicht an, während meine kleine Tochter hundertprozentig auf ihr Essen fixiert war. Em ließ das Thema auf sich beruhen und tat es mit einem Achselzucken ab.
Mein Blick wanderte wieder zu Tony, welche in diesem Moment das Handy zuklappte und es in ihre Handtasche warf. Dann nahm sie sich ihren Ordner, klemmte ihn wieder unter den Arm, schulterte ihre Tasche und umfasste mit beiden Händen anschließend das Tablett, was mit Essen beladen war. Ich schmunzelte, als ich sah, wie sie vor sich hin fluchte, da sie einen Teil der Coke auf dem Tablett verschüttet hatte. Zwischen ihren Brauen, lag eine tiefe Falte und ihre intensiven grünen Augen schossen Feuerpfeile auf den Pappbecher ab. Ihr Gesichtsausdruck amüsierte mich so sehr, dass ich das Lachen, welches förmlich in meiner Kehle steckte, nicht mehr zurückhalten konnte und dann brach es aus mir heraus.
Ich lachte laut und deutlich auf. Selbst Tanya zuckte zusammen, da ich sie offenbar aus den Gedanken gerissen hatte und Emmett sah mich an, als hätte ich ihm gerade offenbart, dass seine Mum ein Dinosaurier wäre und mit Obama um den Weltfrieden kämpfte. Just in diesem Moment schoss Antonellas Kopf in meine Richtung und ihre Augen weiteten sich überrascht. Ich gluckste noch immer.
Tony schnaubte und setzte ihren Weg dann fort – direkt in unsere Richtung. Augenblicklich blieb mir das Lachen im Halse stecken. Oh, ihr Gesichtsausdruck versprach nichts Gutes.
„Mister Cullen, Sie auch hier?“, fragte sie mich zuckersüß. „Darf ich fragen, was Sie so amüsiert? Doch nicht etwa ich, oder?“ Ihre Finger schlossen sich fester um die beiden Ränder des Tabletts. Ihre Augen funkelten mich mit einer Mischung aus Belustigung und Wut an. Es war so unglaublich, wie sehr sie Bella und mir glich. Vor allem, wenn man Bella so gut kannte, wie ich es tat, fielen einem die Ähnlichkeiten zu Antonella und ihrem Verhalten unmissverständlich auf. Vorsichtig wandte ich den Blick zu den anderen am Tisch, die nun alle mit buchstäblich aufgeklappter Kinnlade meine …. Tochter anstarrten. Offenbar waren ihnen die Details – wie zum Beispiel die Augenpartie, die sie ohne jeden Zweifel von mir hatte – ebenfalls aufgefallen.
Emmett sah aus, als wolle er etwas sagen, doch sein Mund öffnete und schloss sich lediglich immer wieder, ohne dass ein Ton hinaus drang. Tanya hatte den Kopf schief gelegt und drehte geistesabwesend eine Pommes in ihren Händen hin und her, während Anne – genau wie Em – nur starren konnte.
„Ehhm ...“, murmelte ich nun und strich mir über den Nacken. Meine Hände waren plötzlich schweißnass. „Darf ich vorstellen? Das hier ist A…Maria“, stieß ich schließlich hervor.
„Sie ist die neue Marketingleiterin in der Firma …“ Tony warf mir einen kurzen, undefinierbaren Blick zu, ehe sie sich an Emmett wandte.
„Freut mich...“, warf sie in die Runde und hob fragend eine Braue.
„Emmett“, stellte er sich selbst vor. „Emmett Cullen.“ Seine Stimme hatte noch immer einen ziemlich verdutzten Unterton und seine Augen waren unverändert weit aufgerissen.
„Cullen?“, fragte Tony nun und ihr Grün funkelte neugierig. Klar, sie wollte mehr wissen – von ihrer Familie, den Mitgliedern, die sie nie kennenlernen durfte. Gott, es war so schwer so zu tun, als wüsste ich nichts von der Tatsache, dass sie mein eigen Fleisch und Blut war.
„Mein Cousin“, lächelte ich sie nun an. „Emmett ist mein Cousin. Und das hier ist Anne, das Kindermädchen von Tanya“, erklärte ich und deutete zuerst auf Anne und dann auf meine jüngere Tochter neben mir, welche Tony nun mit einer Mischung aus Verwirrung und Bewunderung anstarrte. Faszination, die sie sich zweifellos verdient hatte. Sie war eine einzigartige, wunderschöne, junge Frau.
„Das ...“ Tony stutzte und nun waren es ihre Augen, die sich weiteten. „DAS ist Tanya?!“, brachte sie mühevoll hervor.
„Ich uhm ...“, begann ich verwirrt, nicht wissend, worauf sie hinaus wollte. „Ja, das ist Tanya. Meine Tochter“, nickte ich schließlich. Antonella starrte Tanya gefühlte Stunden an, musterte jeden Millimeter ihres Gesichts, als wolle sie Ähnlichkeiten und Antworten finden. In ihr, ihren Augen, Gestiken und der Mimik.
„Das ist Tanya ,..“, murmelte sie nun mehr zu sich selbst und runzelte die Stirn. Ihre Lippen umspielte ein zaghaftes Lächeln. „Freut mich, Tanya“, wandte sie sich direkt an die kleine Blonde neben mir. Mein Herz schwoll augenblicklich an. Die zwei Menschen die mir – abgesehen von Bella – alles bedeuteten, so nahe bei mir zu haben, war fast zu viel auf einmal. Und es tat so unglaublich gut … Am liebsten hätte ich ihr sofort die Wahrheit ins Gesicht geschrien, ihr gesagt, dass ich es wusste …aber nein. Lange würde sie es sowieso nicht mehr aushalten, also musste ich mich gedulden.
„Hi“, grinste meine Tochter Antonella an.
„Du ...“, mischte Emmett sich nun ein, der sich offenbar von seinem Schock erholt hatte. „Entschuldigung, ich meine Sie. Irgendwie erinnern sie mich an-“
„Eeeehm ja!“, unterbrach ich hastig. „Maria, Ihr Essen wird kalt.“ Tony blickte verwirrt von mir zu Emmett und dann auf ihr Tablett, ehe sie tief seufzte.
„Richtig“, meinte sie. „Ich … na ja, wir sehen uns dann später, Mister Cullen.“ Sie schenkte den Anderen noch ein Lächeln, ehe sie sich herum drehte und mit langsamen Schritten und – das konnte ich unschwer erkennen – wackligen Beinen, zu einem Tisch etwas abseits von uns schlenderte. Trotzdem hatte ich sie noch perfekt im Blick. Es tat mir Leid, sie woanders platz nehmen zu lassen, schließlich war sie mein Kind und sollte bei mir und ihrer Familie sitzen. Doch solange sie das Geheimnis bewahrte, welches ich nicht lüften konnte, war es einfach nicht möglich. Antonella sah traurig und abwesend aus, als sie ihr Essen auspackte und hinein biss. Worüber sie wohl nachdachte?
„Ed, ist dir klar, dass sie genauso aussieht wie-“, flüsterte Emmett, der sich nun leicht über den Tisch in meine Richtung gebeugt hatte.
„Ja“, unterbrach ich ihn abermals seufzend. „Ich weiß, Em.“
„Wovon sprecht ihr?“ fragte Tanya, die meinem Blick folgte.
„Ach nichts, mein Spatz, iss bitte.“, versuchte ich abzulenken. „Wir unterhalten uns später“, sagte ich dann zu meinem Cousin und warf ihm dabei einen flehenden Blick zu. Ich wusste, wen er meinte und ich würde es ihm erklären. Vielleicht konnte er mir einen Rat geben, wie ich mich verhalten sollte.
~*~
Nachdem wir alles geklärt, fertig gegessen und uns nochmals von meiner großen Tochter verabschiedet hatten, verließen wir den Laden. Emmett wollte mit zu mir ins Büro kommen, da er vor Neugierde zu platzen drohte. Tanya und Anne machten sich auf den Weg nach Hause. Meine Prinzessin wollte mich zwar dazu überreden, den Tag heute blau zu machen, aber da sich die Ordner auf meinem Schreibtisch stapelten und ich unbedingt etwas tun musste, konnte ich sie darauf vertrösten, dass ich eher nach Hause kommen würde.
Als mein Cousin und ich gemeinsam den Gang zu meinem Büro entlang liefen, hielt ich Ausschau nach Alice, denn wenn ich schon erzählte, was ich wusste, könnte ich sie auch gleich mit einweihen. Meine beste Freundin und Sekretärin saß wie gewohnt an ihrem Schreibtisch, knabberte an einem Schinkenbagel und las nebenbei ein Modemagazin. Ich schmunzelte.
„Hey, Al…“ sprach ich sie an, holte sie dadurch scheinbar aus ihren Gedanken heraus, denn sie erschrak und verschluckte sich. Schnell lief ich um den Tisch herum und klopfte ihr sachte auf den Rücken. „Geht’s wieder?“, fragte ich nachdem sie mit Husten fertig zu sein schien.
„Was ist los Alice, haben dich die Schuhe zum träumen gebracht?“ stichelte Emmett. Sie warf ihm einen bösen Blick zu und wandte sich dann an mich. „Danke Edward.“
„Kein Problem“, erwiderte ich. „Ähm…hättest du ein paar Minuten Zeit?“
„Sicher, um was geht’s denn?“
„In meinem Büro. Em und ich gehen schon mal vor.“ Während ich ihr antwortete, packte sie den Bagel zurück in eine Folie, säuberte sich die Hände mit einem Feuchttuch und stand dann sogleich neben mir.
„Fertig. Wir können!“, kicherte sie fröhlich. Wir beiden Männer stimmten mit ein. Alice war immer so erfrischend, natürlich.
Gemeinsam gingen wir in mein Büro. Ich setzte mich wie gewohnt in meinen Sessel hinter dem Schreibtisch und bat die beiden, davor platz zu nehmen.
Beide sahen mich erwartungsvoll an. Ehe ich zu sprechen begann, atmete ich noch einmal tief durch, fuhr mir durch die Haare und ließ meine Finger knacken.
„Ok, also was ich Euch zu sagen habe ist eine ziemlich heftige Geschichte und bevor ihr fragt, lasst mich erst einmal ausreden.“ Alice und Emmett nickten synchron.
„Alice ich hatte dich ja gestern gebeten, mir Informationen zu Isabella Swan zu besorgen….“
„Du hast was getan?“, plapperte mein Cousin geschockt dazwischen, verstummte jedoch, als er meinen Blick bemerkte, den ich ihm zuwarf. „Ok red weiter, Mann!“
„Danke“, erwiderte ich kurz und sah dann wieder zu meiner Freundin.
„Der Grund ist: Bella…“ ihren Namen zu sagen war ein völlig anderes Gefühl, als ihn nur zu denken. Es war intensiver und irgendwie machte es die Sache noch realer. „…ist die Frau, die mir alles bedeutet und sie ist die Mutter von Antonella….meiner Tochter.“ Alice sah mich nur mit hochgezogenen Augenbrauen an, bei Emmett jedoch sah das ganze etwas anders aus.
Ihm waren alle Gesichtszüge entgleist und er starrte mich mit offenem Mund an. Einige Sekunden vergingen, bis mein Cousin sich wieder unter Kontrolle hatte.
„Du…du..hast eine Tochter mit Be…Bella?“ stotterte er unbeholfen.
„Ja Em, habe ich.“
„Aber…aber wieso hast du nie was gesagt? Wieso…ich versteh das nicht.“ Er stand auf, tigerte in meinem Büro umher und krallte seine Hände ständig in seine braunen Locken.
„Ich habe es selbst erst gestern erfahren.“ Erklärte ich ruhig. Eigentlich hätte ich die Nervosität in Person sein müssen, doch ich war es nicht. Es war seltsam, aber ich hatte mich damit abgefunden. Hatte es endlich vollkommen realisiert und es machte mich unheimlich stolz und glücklich.
„Maria“ murmelte Alice als wenn sie sich die Antwort auf eine unausgesprochene Frage selbst gegeben hätte. Ihr Kopf ruckte nach oben und ihre Augen schienen mich zu durchbohren.
„Es ist Maria…nicht wahr?“, wiederholte sie ihre Vermutung, die ich lediglich mit einem Kopfnicken bestätigte. Emmett, der noch immer hin und her stapfte, stoppte und sah uns beide nacheinander an.
„Maria? Du…du meinst?“
„Ja, genau.“ Bestätigte ich seine unvollendete Frage.
„Ich wusste es!“, stieß Alice laut hervor. „Diese Augen, dieses Lächeln….irgendwas musste euch verbinden, ich war mir nur nicht sicher“, schlussfolgerte sie.
„Sie weiß nicht, dass du es weißt?“ Emmett kam wieder auf meinen Schreibtisch zu und setzte sich erneut in den Stuhl. Offenbar wollte er nun die ganze Geschichte hören. „Bist du dir denn sicher, dass sie deine Tochter ist?“ fragte er mit ernster Miene. Abermals nickte ich. Dann erklärte ich den beiden, was ich wusste und welche Vermutungen ich hatte, bat sie gleichzeitig Stillschweigen zu bewahren, da ich wollte, dass Antonella aus freien Stücken zu mir kam, um zu erzählen, wer sie wirklich war.
Nachdem Alice und Emmett fast alle Details kannten, bis auf die Sache mit meinem Vater, gingen sie wieder ihrer Arbeit nach. Meine beste Freundin erklärte sich bereit, weiterhin ein Auge auf Tony zu haben werfen, beäugte mich allerdings kritisch und bevor sie mein Büro verließ, sagte sie noch: „Dieses Theater muss enden, Edward. Sie sollte erfahren, dass du es weißt.“ Woraufhin ich nur seufzte und erwiderte, dass ich ganz ihrer Meinung war. Aber ich konnte Tony doch nicht mit einem Geständnis überfahren. Wenn sie so war wie ihre Mutter, meine Bella….und dies war augenscheinlich der Fall, dann würde sie sich zurückziehen und erst einmal vollkommen abblocken. Und das wäre das letzte, was ich wollte.
~*~
Der weitere Tag verging ziemlich schnell. Mittlerweile war es sieben Uhr Abends und ich saß mit Tanya und Anne am Esstisch. Wir aßen unseren Gemüseauflauf und warteten auf Emmett und seine Familie. Kaum, dass ich den Gedanken an sie zu Ende gedacht hatte, klingelte es auch schon an der Tür. Sofort sprang mein blonder Engel vom Tisch auf und rannte in die Eingangshalle, in die ich ihr folgte. Sie hatte bereits die Tür geöffnet, als meine Nichte Damla an ihr vorbei rauschte mit den Worten: „Hey Cousinchen, hey Onkel Ed. Sorry ich muss ganz dringend wohin.“ Beide starrten wir ihr hinterher und stellten mit einem Grinsen fest, dass sie die Tür zur Gästetoilette aufstieß, wie ein Stier der Rot sah.
„Hey, Tanya Süße“ hörte ich die Stimme von Rosalie. Meine Aufmerksamkeit wandte ich wieder der Haustür zu, wo sie mit Emmett zusammen stand und Tanya gerade in eine Umarmung zog. Mein Cousin kam derweil an meine Seite, warf mir einen alles und nichtssagenden Blick zu. Nachdem sich Rosalie von Tanya gelöst hatte, öffnete sich die Tür hinter der meine Nichte verschwunden war. Leise Fluchte diese vor sich hin.
„Verdammte Scheiße. Verfluchter Mist aber auch.“ Waren noch die harmlosesten Beispiele. Völlig geschockt sah ich zu ihr, dann zu Em und wieder zurück. Rose verdrehte nur die Augen und lief auf ihre Tochter zu, drängte sie zurück in die Toilette und dann war es mucksmäuschenstill. Tanya zuckte mit den Schultern und kam zu mir. Zu dritt machten wir uns auf ins Wohnzimmer, setzten uns auf die Couch und verfielen in ein lockeres Gespräch.
„Sag mal wo hat Damla eigentlich diese ganzen Ausdrücke her“, fragte ich ihren Vater, der mit meinem Engel rumalberte.
„Frag lieber nicht. Das ist der neue Slang in ihrer Schule. Du kannst froh sein, dass Prinzessin hier…“, er machte eine Pause und fing an meine Kleine durch zu kitzeln, diese krümmte sich vor Lachen.“…noch so unschuldig ist.“, führte er seinen angefangenen Satz weiter.
„Worüber redet ihr?“ Rosalie kam gerade mit Damla über die Schwelle und hatte ein breites Grinsen im Gesicht.
„Da seid ihr ja.“ Kam es vom Emmett und mir gleichzeitig. Wir starrten uns an.“Jinx“ wieder gleichzeitig, was uns alle losprusten ließ.
Als wir uns alle wieder beruhigt hatten, setzte sich Rose zu Em und Tanya auf die Couch. Dieser legte einen Arm um seine Frau und nahm sogleich ihre Lippen in Beschlag. Es war ein schöner Anblick, allerdings wirkte es so intim auf mich, dass ich den Kopf senkte. Sofort wanderten meine Gedanken zu Bella. Was gäbe ich dafür, sie so halten zu können. Ihren weichen Mund zu liebkosen und einfach nur mit ihr zusammen zu sein. Damla und Tanya tuschelten unterdessen irgendwas. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie beide kicherten. Neugierig beäugte ich sie.
„Na, was gibt es denn da zu flüstern?“
„Damla ist nun eine richtige Frau, Dad“, zuckte mein Engel mit den Schultern. Mit in die Höhe gezogenen Augenbrauen musterte ich sie.
„Sie hat ihre erste Periode bekommen, Edward“, hörte ich Rosalie kichern. Oh! Ohhh! Räuspernd wandte ich mich an meine Nichte.
„Herzlichen Glückwunsch, Große.“ Was hätte ich sonst sagen sollen? Diese Veränderung des weiblichen Körpers war ein großer Schritt im Leben eines Mädchens ... und mir furchtbar unangenehm. Ich hoffte, dass dies bei meiner Kleinen noch ein Weilchen dauern würde, bis es bei ihr passierte. Um das Thema zu wechseln, rief ich nach Anne, die innerhalb weniger Minuten ebenfalls den Raum betrat.
„Sie haben gerufen?“
„Ähm…ja. Würdest du bitte mit Damla und Tanya nach oben gehen?“ Sie nickte.
„Wieso denn Onkel Eddie?“, „Warum Dad?“ fragten mich die beiden mit zum Schmollmündern verzogenen Gesichtern. „Weil ich mit Emmett und Rose noch etwas besprechen möchte. Also wärt ihr so nett? Außerdem ist morgen wieder Schule“, begründete ich mein Handeln. Tanya stand auf, kam zu mir auf den Schoß und drückte mir einen Kuss auf die Wange.
„Gute Nacht, Dad“, sagte sie mit traurigem Blick. „Gute Nacht, Prinzessin. Übrigens ich liebe dich so sehr, wie es Sterne am Himmel gibt.“ Lächelte ich sie an. Bevor sie von meinen Beinen hüpfte, erwiderte sie diese Geste. „Ich liebe dich auch, Dad. So sehr, wie deine neue Mitarbeiterin hübsch ist.“ Dann rannte sie mit Damla, die ein einfaches „Nacht Mum, Nacht Dad und Nacht Onkel Eddie“ in den Raum rief, nach draußen und Anne hinterher.
Ich hingegen starrte mit leicht geöffnetem Mund auf die Tür hinter der die drei verschwunden waren. Langsam drangen die Worte, die Tanya als letztes zu mir gesagt hatte, in mein Bewusstsein vor. Sie fand Tony hübsch. Sehr hübsch sogar, sonst hätte sie diesen Vergleich nicht angestellt. Und sie schien sie zu mögen. Voller Stolz schwoll meine Brust an. Wie schön wäre es, eine große, glückliche Familie zu sein?! Bella und meine beiden Töchter, die miteinander gut klar kamen. Gedankenverloren grinste ich vor mich hin.
„Also Edward. Was willst du tun?“, hörte ich Rose fragen. Kurz schreckte ich aus meinen Gedanken gerissen zusammen. „Bitte? Was?“
Genervt rollte sie mit den Augen. Emmett und sie saßen immer noch innig auf der Couch, hielten Händchen und durchbohrten mich mit ihren Blicken.
„Na, wegen deiner Tochter?“ hakte sie nach.
„Wieso was soll ich denn wegen Tanya tun?“ Ich hatte keinen blassen Schimmer, was Rosalie eigentlich von mir wollte.
„Träumst du oder was?“, giftete sie. Emmett fing an zu glucksen. „Ich kann mir schon vorstellen von was.“ Jedoch wurde er sofort wieder ernst.
„Wieso ist das mit dir und Bella eigentlich auseinander gegangen? Ich mein offensichtlich scheinst du sie…“
„HÖR AUF, EM!“ schrie ich ihn an. Er und Rose zuckten zusammen, sahen mich mit völlig geschockten Gesichtern an. „Es..tut mir leid. Ich…ich wollte nicht schreien“, entschuldigte ich mich sofort wieder. „Ich…“, die Haare raufend suchte ich nach einer passenden Erklärung für meinen kurzen Aussetzer. „…er hat unsere Beziehung nicht geduldet.“ Beantwortete ich seine Frage.
„Wer er?“ wollte mein Cousin genauer wissen. Rose stützte ihre Unterarme auf den Knien ab und hörte gespannt zu, was ich zu sagen hatte.
„Na wer wohl? Kannst du es dir nicht denken?“
„Dein Vater?“ Unglauben schwang in seiner Stimme mit.
„Ja, wer denn sonst?“ Ein hysterisches Lachen entwich meiner Kehle.
„Der ist aber seit sieben Jahren tot. Wieso bist du dann nicht…“
„Nachdem was ich Bella angetan habe? Ich bitte dich. Was würdest du denn machen, wenn Rose ohne Erklärung gegangen wäre und erst nach zwölf Jahre wieder vor dir gestanden hätte?“ fragte ich ihn ehrlich interessiert.
„Also ich würde dich erhängen, erschießen, vier teilen und danach wieder zusammenflicken, um das ganze zu wiederholen“, entgegnete mir Rosalie. Genau das war es, was ich erwartet hatte. Mein Gesicht in meine Hände legend, sank ich noch tiefer in meinem Sessel zusammen. Selbst wenn das Geheimnis mit Antonella gelüftet würde, stünde ich trotzdem noch vor dem Scherbenhaufen mit Bella. Wie sollte ich das jemals kitten können? Würde sie die gleichen Gedanken haben wie Rose? Nein, nicht meine Bella…obwohl ich ja nicht wirklich wusste, wie sehr ich ihr geschadet hatte. Das Gespräch mit dieser Leo war zu kurz gewesen, als dass ich hätte alles erfahren können. Das Einzige, was klar war, war die Reaktion von Bella auf meinen Anruf. Er hatte sie so geschockt, dass sie gleich einen Nervenzusammenbruch erlitt.
Abermals durchbrach ein Geräusch meine Überlegungen. Es war schon seltsam, wie oft ich in meine Gedankenwelt eintauchte seitdem Tony in mein Leben getreten war. Die Glocke der Haustür klingelte unerbittlich weiter. Langsam erhob ich mich, entschuldigte mich kurz bei Emmett und Rosalie und lief mit schnellen Schritten in die Eingangshalle. Ein Blick auf meine Uhr am Handgelenk sagte mir, dass es bereits nach halb neun war. Besuch erwartete ich keinen mehr, nicht um diese Uhrzeit.
Mit einem Ruck riss ich die Tür auf und erstarrte. Meine Atmung erhöhte sich, genau wie mein Puls. Meine Augen waren Schock geweitet und ich musste hart schlucken.
Da stand SIE….
Mittwoch, 26. Mai 2010
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