Hallo, das ist der Blog von meiner Fanfiktion "Family Affairs"

Ok eigentlich weiß ich nicht wirklich, was ich hier schreiben soll, aber wir machen das jetzt mal ganz easy.

Disclaimer: Also die Figuren gehören Stephanie Meyer, bis auf die, die ich erfunden oder aus der realen Welt, in meine Story, involviert habe.

Ein genaues Genre kann ich nicht angeben, da wirklich alles darin vereint ist. Wir hätten Liebe, Drama und sogar ein bisschen Humor.

So dann sag ich mal....Have Fun...beim lesen *gg*

Mittwoch, 26. Mai 2010

6. Family Reunion

6. Family Reunion

Die vornehmste und ehrenvollste Aufgabe, die uns das Leben auferlegt, ist das Heranziehen der nächsten Generation. Eine glückliche Kindheit ist eines der schönsten Geschenke,
die Eltern zu vergeben haben.

Beides konnte ich nicht erfüllen. Zumindest nicht bei Antonella. Weder durfte ich sie mit erziehen, noch konnte ich ihr eine glückliche Kindheit bescheren. Ich wusste nichts von ihr, mal abgesehen von den offensichtlichen Dingen.
Es bestand für mich keinerlei Zweifel, dass Bella ihr dies nicht alles geboten hatte. Jedoch wäre dies auch meine Aufgabe gewesen. Soviel hatte ich verpasst, was nicht mehr aufzuholen war. Das Einzige, was ich meiner großen, erwachsenen Tochter jetzt noch bieten konnte, waren grenzenlose Liebe und das Gefühl, dass ich für sie da sein würde, wann immer sie mich brauchte.

Sie in meinen Armen zu halten, sie fest an meinem Herzen zu spüren war überwältigend. Es war wie ein Meer voller Emotionen, dessen Wellen auf mich nieder schlugen und deren Kraft mich alles andere um uns herum vergessen ließ. Nur meine Tochter und ich waren da. Sie, die mir durch meine große Liebe geschenkt wurde, mir einen Funken meiner Gewissheit zurück gab, dass Bella und ich für einander bestimmt waren.
Der Duft, der sie umhüllte und mich stark an ihre Mutter erinnerte, kroch in meine Nase und tief sog ich ihn ein. Antonella klammerte sich eisern an mich, grub ihre Fingernägel tief in den Stoff meines Hemdes und vergoss Tränen in Strömen. Einen Augenblick lang fühlte ich mich hilflos, weil ich ihr soviel sagen wollte, sie trösten wollte, doch ich konnte nicht. Sie selbst musste es mir sagen. Mir endlich erzählen, wer sie wirklich war.

Die Sehnsucht, die mich in dem Moment zu übermannen drohte, war fast übermächtig. Bilder, wie alles hätte sein können, erschienen wie eine Diashow in meinem Kopf, was mich ehrlich lächeln ließ. Wie lange wir so ineinander verwoben in dem Büro standen, konnte ich nicht sagen, aber es war lange und es fühlte sich so wahnsinnig gut an.

Irgendwann löste sich meine Tochter von mir. Sofort breitete sich diese wohlbekannte Leere in mir aus, die ich jahrelang gefühlt hatte und durch meine Töchter zu einem kleinen Stück wieder ausgefüllt wurde. Es gab nur einen einzigen Menschen in meinem Leben, der mich wirklich vervollständigen konnte, der mein verletztes Herz heilen würde.

Bella

Antonella sah mir angsterfüllt ins Gesicht. Hatte sie Angst vor mir? Oder eher vor meiner Reaktion, bezüglich der momentanen Situation? Eine schwarze Spur ihrer restlichen Schminke zierte ihre Wangen und sie zitterte wie Espenlaub. Erneut wollte ich sie in den Arm nehmen, aber ich hielt mich selbst zurück, da ich mir nicht sicher war, wie sie sich womöglich verhalten würde. Stattdessen holte ich aus meiner Hosentasche ein Papiertaschentuch, welches ich ihr reichte. Kurz zögernd starrte sie zuerst auf meine Hand in der ich das Tuch hielt, dann in mein Gesicht und wieder zurück, bevor sie es mit einem leise gemurmelten „Danke“ annahm.

Antonella schnäuzte sich, trocknete ihre Augen und ohne mich nochmal anzusehen, entschuldigte sie sich bei mir für ihren Ausbruch. Alles in mir hoffte und betete dafür, dass sie endlich die Wahrheit sagen würde. Mein Herz klopfte immer schneller, sobald sie ein Wort anfing zu sprechen. Dennoch erwähnte sie mit keiner Silbe das, was ich hören wollte. Ich haderte mit mir, ob nicht vielleicht doch ich derjenige sein sollte, der den Mund aufmachen müsste. Und gerade als ich mich dazu entschlossen hatte, klingelte ein Handy. Antonellas Handy…

Sie zuckte merklich zusammen, als sie die Melodie erkannt zu haben schien. Es war ein anderer Song als der, den ich das letzte Mal hörte. Diesmal war es Sex on Fire von Kings of Leon. Tony rannte an mir vorbei zum Schreibtisch, wo ihre Tasche oben auflag, durchwühlte sie hastig und nachdem sie ihr Handy gefunden hatte, drückte sie den Anrufer schnell weg. Dann seufzte sie schwer und warf mir einen entschuldigenden Blick zu. Ehe ich etwas sagen konnte, verkündete sie, dass bis Vierzehn Uhr das von mir verlangte Vermarktungskonzept fertig sein würde, kam auf mich zu und schob mich aus dem Büro. Dabei entschuldigte sie sich nochmals immer und immer wieder. Ich hingegen war so perplex von dieser seltsamen Wandlung, dass ich mich nicht wehren konnte oder gar Einspruch erhob. Ich ließ es einfach geschehen.

Nun stand ich hier, vor der Tür ihres Büros, starrte mit gerunzelter Stirn auf das Holz, überdachte das eben passierte.
Mit den Händen in den Hosentaschen wandte ich mich ab, lief wie ferngesteuert den Gang entlang und grinste dümmlich vor mich hin. Ignorierte Alice Blicke, die auf mir lagen und Skepsis beinhalteten.
Wieder allein in meinem eigenen kleinen Reich, brach ich in schallendes Gelächter aus. So suspekt die Sachlage eben gewesen sein mochte, war sie dennoch auf ihre eigene Art witzig. Wenn man bedachte, dass Antonella vor noch wenigen Minuten tieftraurig in meinen Armen lag und sich innerhalb von Sekundenbruchteilen wieder zu dieser taffen Person, die mir Paroli bot, entwickelt hatte, so konnte man sich nur darüber amüsieren. Solch einen heftigen Stimmungswechsel kannte ich nur von mir selbst. Und ja, es machte mich glücklich zu erkennen, wie viel sie doch mit mir - ihrem Dad- gemein hatte. Je mehr ich sie kennenlernte, umso mehr Gemeinsamkeiten bemerkte ich. Konnte sowas wirklich vererblich sein?



~*~



Der Vormittag verging schnell, zu schnell, doch meine Laune war gut und das, obwohl noch immer diese Komödie zwischen mir und meiner Tochter stand. Sicherlich wäre es toll gewesen, wenn das Geheimnis endlich gelüftet wurden wäre, aber ich war mir auch bewusst, dass dieses Spiel nicht mehr lange gehen konnte. Alleine schon ihr Ausbruch hatte mir gezeigt, dass sie das Ganze seelisch belastete. Es war nur noch eine Frage der Zeit und Geduld war hier wohl der Schlüssel zum Tor der Wahrheit.

Einen Blick auf die Uhr werfend schnappte ich mir meinen Mantel. Emmett mein Cousin hatte mich vor nicht ganz einer halben Stunde angerufen und mich gefragt, ob wir gemeinsam zu Mittag essen könnten, da er eine Bitte an mich hätte. Und da ich ihn schon seit Wochen nicht mehr zu Gesicht bekam wegen der vielen Arbeit, stimmte ich dem zu.

Mit schnellen Schritten verließ ich das Büro, klärte Alice über mein Vorhaben auf, mich mit Em zu treffen und dass ich bis halb Zwei wieder in der Firma wäre.
Als ich wieder in dem langen Flur vor dem Aufzug stand, überlegte ich kurz, ob ich noch einmal bei Tony vorbei sehen sollte. Einfach nur schauen, ob es ihr gut ging.

Ständig blickte ich zwischen dem Fahrstuhl und dem Gang zu ihrem Büro hin und her. Sollte ich? Die Entscheidung wurde mir abgenommen, als sich die Aufzugtüren öffneten und die Stimme von Anne an mein Ohr drang.
„Tanya, warte!“, rief sie. Ich fuhr herum und stieß direkt mit meiner kleinen Tochter zusammen.
„Hey…wo willst du denn hin?“, fragte ich lächelnd und hielt sie dabei an den Schultern fest, da sie sonst zurück getaumelt und womöglich gestolpert wäre.
Große blaue Augen musterten mich freudestrahlend.
„Dad! Wir wollten dich zum Mittagessen abholen.“ Ich stutzte, sah auf meine Uhr am Handgelenk und wieder zu Tanya.
„Wieso bist du nicht in der Schule?“ Eine Augenbraue hochziehend, wartete ich auf eine Antwort.
„Weil unsere Lehrerin krank geworden ist und die letzten zwei Stunden ausgefallen sind.“
„Stimmt das, Anne?“, wandte ich mich an das Au-Pair Mädchen, welches mittlerweile direkt neben mir stand. Sie nickte.
„Tut mir leid, Edward. Ich wollte mit ihr nach Hause, aber Tanya wollte unbedingt hier her zu Ihnen.“ Fügte sie hinzu. Nachsichtig Lächelte ich beide an. Dann nahm ich Tanya hoch und drückte sie fest an mich. Sie gab mir einen leichten Kuss auf die Wange
„Und? Gehen wir nun essen, Dad?“
„Natürlich Prinzessin, wo möchtest du denn hin, hm?“ Das Funkeln ihrer Augen wurde stärker und da wusste ich, was sie wollte.
„McDonalds“ war ihre schlichte Antwort, was mich den Kopf schütteln und aufstöhnen ließ.
„War ja klar!“ Anne neben mir kicherte. „Bloß nichts Gesundes, huh?“
„Daaad, das schmeckt halt einfach nicht so gut“, erwiderte meine Kleine augenrollend und Achselzuckend. Ich lachte laut auf.
„Ok, dann muss ich aber deinem Onkel Emmett Bescheid sagen.“ Ich stellte Tanya wieder auf ihre Beine und zückte mein Handy, wählte seine Nummer und nach dem zweiten Klingeln nahm er ab.

„Cullen!“, begrüßte er mich abwesend wirkend.
„Ebenso“, kicherte ich.
„Hey Ed, was ist los? Willst du mich hängen lassen?“
„Nein, es gibt nur eine kleine Planänderung.“ Mit einem Finger drückte ich die Taste des Fahrstuhls, der wieder nach unten gefahren war. „Wir treffen uns im Mcdonald in der Whittaker Avenue.“
„Ahh, Tanya ist dabei, huh?“, fragte er, dabei konnte ich das Grinsen aus seiner Stimme hören.
„Ja du hast es erfasst. Also bis gleich!“ Dann legte ich auf und betrat mit Anne und meiner kleinen Prinzessin den Aufzug.


Zu dritt spazierten wir die Straße entlang, da besagtes Fast-Food- Restaurant gleich um die Ecke meiner Firma lag. Den ganzen Weg dorthin veranstalteten Tanya, Anne und ich eine kleine Schneeballschlacht und lachten. Wir benahmen uns wie kleine Kinder. Es war schön, einfach mal nicht darauf achten zu müssen, die Etikette zu wahren. Allerdings machte es mich auch ein wenig traurig. Der Wunsch, Antonella auch mit hier zu haben wurde übermächtig, sodass ich einige Schritte hinter meiner kleinen Tochter und ihrer Au-Pair, zurückfiel. In Gedanken versunken, trottete ich hinterher und erst als wir direkt vor dem Laden standen, riss mich die Stimme von Emmett wieder heraus.

„Hey, Engelchen“, begrüßte er Tanya, die er sofort packte und mit ihr eine 360° Grad Drehung vollzog.
„Onkel Em, schön dich mal wieder zu sehen…“
„Ja, das finde ich auch“, unterbrach ich meine Tochter und überbrückte die minimale Distanz zwischen ihnen und mir. Zur Begrüßung schlug ich meinem Cousin leicht auf die Schulter. Mit Tanya auf dem Arm zog er auch Anne in eine Umarmung, die danach mehr als verblüfft aussah. Ich grinste.

Nach dem ganzen Begrüßungsgeplänkel betraten wir gemeinsam den McDonalds, wo wir gleich einen Tisch in der Mitte des Raumes aufsuchten. Während Emmett sich mir gegenüber setzte, drückte ich Anne einen Fünfzig Dollarschein in die Hand, damit sie mit Tanya Essen holen konnte. Ich wollte lediglich einen großen Kaffee und einen Cheeseburger. Wohingegen Em den beiden mitteilte, dass sie ihm doch bitte ein BigMac Menü mit Coke, einen Royal Ts und zusätzlich noch drei Cheeseburger mitbringen sollten.

„Und? Was ist der Anlass für dieses Treffen?“ Mein Cousin, der wie gebannt den beiden Mädels hinterher starrte, ob sie auch das richtige bestellten, zuckte zusammen.
„Achso, ja.“ Er rieb sich mit der Hand über den Nacken, wirkte dabei irgendwie nervös.
„Na, spucks schon aus, so schlimm kann es ja wohl kaum sein“, hakte ich nach.
„Also du weißt ja, Carlisle und Esme sind gerade auf einer Kreuzfahrt.“

„Jaaah und weiter?“
„Rose und ich müssten ab morgen für ein paar Tage geschäftlich nach Vancouver. Dort findet eine Messe statt, die für uns wirklich von Bedeutung ist, da sowas nur einmal im Jahr…“
„Und ich soll eure Tochter in der Zeit nehmen?“, fragte ich ihn mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
„Ähm…genau. Wir wollten ja Mrs. Benson fragen, aber die liegt mit Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus.“ Soweit ich wusste, war Mrs. Benson die Nachbarin, die meist nachmittags auf meine Nichte aufpasste, wenn die beiden noch arbeiteten.

Rosalie, meine Schwägerin, war eine leidenschaftliche Autobastlerin, hatte ihre eigene Autowerkstatt und mein Cousin übernahm die Buchhaltung. Die beiden waren nun seit gut sechzehn Jahren ein Paar. Ich verstand Emmett, weshalb er sich in sie verliebte. Schließlich traf man nicht alle Tage eine Frau, die auf Autos abfuhr und dazu noch aussah wie ein Model, das die Pariser Laufstege im Sturm erobern könnte. Auch charakterlich war sie einzigartig. Sie nahm kein Blatt vor den Mund, sagte ihre Meinung offen und direkt, blieb dabei aber immer freundlich.

„Hey, es ist okay. Tanya würde sich sicher freuen, wenn sie ein paar Tage mit ihrer Cousine verbringen kann.“ Entgegnete ich.
„Was würde mich freuen?“ Meine Tochter stand mit einem Tablett voller Burger neben unserem Tisch. Ihr Blick wanderte neugierig zwischen ihrem Onkel und mir hin und her.
„Wenn deine Cousine ein paar Tage bei uns wohnt“, antwortete ich ihr. „Wo hast du Anne gelassen?“
„Die bezahlt gerade und wartet noch auf den Rest, müsste gleich da sein.“ Dabei warf sie einen Blick über ihre Schulter in in Richtung der Kassen. „Damla kommt uns also besuchen? Find ich cool, Dad.“ Sie schob das Tablett auf den Tisch und ließ sich dann neben mir auf den Stuhl fallen.

Ich lächelte und wandte mich dann wieder Emmett zu. „Also?“, fragte ich, während ich das Papier vom Burger entfernte. „Wann bringst du sie vorbei?“
„Mhmh“, machte Emmett. „Na ja …. heute Abend?“ Es klang eher wie eine Frage. Verunsichert blickte er mich an und ich seufzte tief.
„Dass du immer alles auf den letzten Drücker machen musst“, brummte ich und zupfte an dem Cheesburger herum. „Na ja, vorbei bringen kannst du sie jedenfalls.“
„Danke, Mann“, meinte er erleichtert. „Du warst einfach unsere letzte Hoffnung.“
„Klar, kein Problem“, zuckte ich lediglich die Achseln. „Du weißt, ich kann gut mit ihr.“ Emmett lachte laut auf.
„Jaaah, das stimmt. Sie ist nicht immer einfach, aber dich vergöttert sie regelrecht.“
Damla war genau wie ihre Mum. Auch wenn sie ihr nicht sehr ähnlich sah – sie kam vollkommen nach ihrem Dad, wilde, lange Locken und dunkle Augen – glich ihr Charakter dem Rosalies doch eins zu eins. Obwohl sie gerade erst 14 war, war sie nicht auf den Mund gefallen und konnte klar und deutlich sagen, was sie wollte. Emmett hatte Recht, manchmal schien sie sehr anstrengend zu sein, aber man durfte nichts auf sie kommen lassen. Sie war der Augapfel ihrer Mutter. Nicht, dass Emmett sie nicht genauso sehr liebte, doch manchmal hatte ich ehrlich das Gefühl, dass die beiden Damen sich gegen ihn verschworen.

„Ist doch praktisch. Ihr könnt nach Vancouver und Tanya hat ein wenig Gesellschaft in nächster Zeit.“ Ich blickte erneut zu meiner Tochter, die mich nun anstrahlte. Sie lächeln zu sehen erfüllte mich jedes Mal mit Stolz und einer unglaublichen Freude.
„Es sind ja auch nur vier Tage“, wandte Emmett ein. „Und wenn was ist-“
„-ruf ich an“, unterbrach ich ihn augenverdrehend.
„Jaah, nur ruf dann auch rechtzeitig an. Du weißt, wie Rose werden kann, wenn es um sie geht.“ Ich kicherte und nickte zustimmend.
„Gut. Ich bin froh, dass wir das geklärt haben“, sagte er und seine Schultern sackten leicht zusammen. So, als hätte das schon viel zu lange auf ihm gelastet. Ich schmunzelte amüsiert und biss in meinen Burger.

„Rose hat dich ganz schön unter dem Pantoffel, weißt du?“, bemerkte ich grinsend.
„Halt die Klappe, Ed“, grummelte mein Cousin verärgert und runzelte leicht die Stirn.
„Okay“, lachte ich. „Bin schon ruhig.“
Als ich wieder zu Tanya blickte, puhlte sie gerade mit einem leicht angeekelten Ausdruck im Gesicht, die Gürkchen von ihrem Essen. Das tat sie immer – dabei spitzte sie die Lippen leicht an und verengte die Augen zu Schlitzen. Wieder lachte ich leise in mich hinein. Anne kam zu uns an den Tisch zurück und ließ sich seufzend auf einen freien Stuhl fallen.

Wir verfielen in ein lockeres Gespräch und ich war gerade dabei meinen Kaffee zu genießen, als ich sie sah. Antonella.

Einen Moment erstarrte ich in meiner Position, hatte mich allerdings schnell wieder gefangen. Sie sah ziemlich gehetzt aus – zwischen ihrem Ohr und der Schulter klemmte ihr Handy, unter dem rechten Arm und ihrer Taille ein dicker Ordner und in der linken Hand, hielt sie ihre Handtasche, in der sie mit der Freien herumwühlte. Sie redete leise, verdrehte aber immer wieder die Augen. Als sie letztendlich den Tresen erreichte, warf sie den Ordner darauf und zog ihren Geldbeutel aus der Tasche, ehe sie das Telefon wieder in der Hand hielt und sich mit der anderen durch das Haar fuhr. Sie seufzte immer wieder. Mit wem sie wohl gerade sprach?!
Als ein lautes „Jay, lass das!“ wurde meine bis dato unbeantwortete Frage auch sofort beantwortet. Aber wer war Jay? Was war das überhaupt für ein Name? Hatte sie einen Freund?
All diese Fragen verpufften, als ich ihr wütendes Gesicht sah.

Ich grinste. Das Temperament hatte sie eindeutig von ihrer Mutter. Bella … bei dem Gedanken durchfuhr mich ein leichter Stich. Es fühlte sich so … unbeschreiblich merkwürdig an, eine Tochter von der Frau zu haben, die man liebte und immer lieben würde und sie nicht einmal aufwachsen gesehen zu haben. Wie viel hatte ich verpasst … Und nun stand sie da.
Wunderschön, selbstbewusst und intelligent.
„Warum grinst'n du so, Ed?“, riss Emmetts laute Stimme mich aus den Gedanken. Ich trank einen weiteren Schluck von meinem Kaffee.
„War nur in Gedanken“, winkte ich schnell ab. Anne lächelte mich leicht an, während meine kleine Tochter hundertprozentig auf ihr Essen fixiert war. Em ließ das Thema auf sich beruhen und tat es mit einem Achselzucken ab.
Mein Blick wanderte wieder zu Tony, welche in diesem Moment das Handy zuklappte und es in ihre Handtasche warf. Dann nahm sie sich ihren Ordner, klemmte ihn wieder unter den Arm, schulterte ihre Tasche und umfasste mit beiden Händen anschließend das Tablett, was mit Essen beladen war. Ich schmunzelte, als ich sah, wie sie vor sich hin fluchte, da sie einen Teil der Coke auf dem Tablett verschüttet hatte. Zwischen ihren Brauen, lag eine tiefe Falte und ihre intensiven grünen Augen schossen Feuerpfeile auf den Pappbecher ab. Ihr Gesichtsausdruck amüsierte mich so sehr, dass ich das Lachen, welches förmlich in meiner Kehle steckte, nicht mehr zurückhalten konnte und dann brach es aus mir heraus.
Ich lachte laut und deutlich auf. Selbst Tanya zuckte zusammen, da ich sie offenbar aus den Gedanken gerissen hatte und Emmett sah mich an, als hätte ich ihm gerade offenbart, dass seine Mum ein Dinosaurier wäre und mit Obama um den Weltfrieden kämpfte. Just in diesem Moment schoss Antonellas Kopf in meine Richtung und ihre Augen weiteten sich überrascht. Ich gluckste noch immer.

Tony schnaubte und setzte ihren Weg dann fort – direkt in unsere Richtung. Augenblicklich blieb mir das Lachen im Halse stecken. Oh, ihr Gesichtsausdruck versprach nichts Gutes.
„Mister Cullen, Sie auch hier?“, fragte sie mich zuckersüß. „Darf ich fragen, was Sie so amüsiert? Doch nicht etwa ich, oder?“ Ihre Finger schlossen sich fester um die beiden Ränder des Tabletts. Ihre Augen funkelten mich mit einer Mischung aus Belustigung und Wut an. Es war so unglaublich, wie sehr sie Bella und mir glich. Vor allem, wenn man Bella so gut kannte, wie ich es tat, fielen einem die Ähnlichkeiten zu Antonella und ihrem Verhalten unmissverständlich auf. Vorsichtig wandte ich den Blick zu den anderen am Tisch, die nun alle mit buchstäblich aufgeklappter Kinnlade meine …. Tochter anstarrten. Offenbar waren ihnen die Details – wie zum Beispiel die Augenpartie, die sie ohne jeden Zweifel von mir hatte – ebenfalls aufgefallen.

Emmett sah aus, als wolle er etwas sagen, doch sein Mund öffnete und schloss sich lediglich immer wieder, ohne dass ein Ton hinaus drang. Tanya hatte den Kopf schief gelegt und drehte geistesabwesend eine Pommes in ihren Händen hin und her, während Anne – genau wie Em – nur starren konnte.
„Ehhm ...“, murmelte ich nun und strich mir über den Nacken. Meine Hände waren plötzlich schweißnass. „Darf ich vorstellen? Das hier ist A…Maria“, stieß ich schließlich hervor.
„Sie ist die neue Marketingleiterin in der Firma …“ Tony warf mir einen kurzen, undefinierbaren Blick zu, ehe sie sich an Emmett wandte.

„Freut mich...“, warf sie in die Runde und hob fragend eine Braue.
„Emmett“, stellte er sich selbst vor. „Emmett Cullen.“ Seine Stimme hatte noch immer einen ziemlich verdutzten Unterton und seine Augen waren unverändert weit aufgerissen.
„Cullen?“, fragte Tony nun und ihr Grün funkelte neugierig. Klar, sie wollte mehr wissen – von ihrer Familie, den Mitgliedern, die sie nie kennenlernen durfte. Gott, es war so schwer so zu tun, als wüsste ich nichts von der Tatsache, dass sie mein eigen Fleisch und Blut war.
„Mein Cousin“, lächelte ich sie nun an. „Emmett ist mein Cousin. Und das hier ist Anne, das Kindermädchen von Tanya“, erklärte ich und deutete zuerst auf Anne und dann auf meine jüngere Tochter neben mir, welche Tony nun mit einer Mischung aus Verwirrung und Bewunderung anstarrte. Faszination, die sie sich zweifellos verdient hatte. Sie war eine einzigartige, wunderschöne, junge Frau.
„Das ...“ Tony stutzte und nun waren es ihre Augen, die sich weiteten. „DAS ist Tanya?!“, brachte sie mühevoll hervor.

„Ich uhm ...“, begann ich verwirrt, nicht wissend, worauf sie hinaus wollte. „Ja, das ist Tanya. Meine Tochter“, nickte ich schließlich. Antonella starrte Tanya gefühlte Stunden an, musterte jeden Millimeter ihres Gesichts, als wolle sie Ähnlichkeiten und Antworten finden. In ihr, ihren Augen, Gestiken und der Mimik.
„Das ist Tanya ,..“, murmelte sie nun mehr zu sich selbst und runzelte die Stirn. Ihre Lippen umspielte ein zaghaftes Lächeln. „Freut mich, Tanya“, wandte sie sich direkt an die kleine Blonde neben mir. Mein Herz schwoll augenblicklich an. Die zwei Menschen die mir – abgesehen von Bella – alles bedeuteten, so nahe bei mir zu haben, war fast zu viel auf einmal. Und es tat so unglaublich gut … Am liebsten hätte ich ihr sofort die Wahrheit ins Gesicht geschrien, ihr gesagt, dass ich es wusste …aber nein. Lange würde sie es sowieso nicht mehr aushalten, also musste ich mich gedulden.


„Hi“, grinste meine Tochter Antonella an.
„Du ...“, mischte Emmett sich nun ein, der sich offenbar von seinem Schock erholt hatte. „Entschuldigung, ich meine Sie. Irgendwie erinnern sie mich an-“
„Eeeehm ja!“, unterbrach ich hastig. „Maria, Ihr Essen wird kalt.“ Tony blickte verwirrt von mir zu Emmett und dann auf ihr Tablett, ehe sie tief seufzte.
„Richtig“, meinte sie. „Ich … na ja, wir sehen uns dann später, Mister Cullen.“ Sie schenkte den Anderen noch ein Lächeln, ehe sie sich herum drehte und mit langsamen Schritten und – das konnte ich unschwer erkennen – wackligen Beinen, zu einem Tisch etwas abseits von uns schlenderte. Trotzdem hatte ich sie noch perfekt im Blick. Es tat mir Leid, sie woanders platz nehmen zu lassen, schließlich war sie mein Kind und sollte bei mir und ihrer Familie sitzen. Doch solange sie das Geheimnis bewahrte, welches ich nicht lüften konnte, war es einfach nicht möglich. Antonella sah traurig und abwesend aus, als sie ihr Essen auspackte und hinein biss. Worüber sie wohl nachdachte?

„Ed, ist dir klar, dass sie genauso aussieht wie-“, flüsterte Emmett, der sich nun leicht über den Tisch in meine Richtung gebeugt hatte.
„Ja“, unterbrach ich ihn abermals seufzend. „Ich weiß, Em.“
„Wovon sprecht ihr?“ fragte Tanya, die meinem Blick folgte.
„Ach nichts, mein Spatz, iss bitte.“, versuchte ich abzulenken. „Wir unterhalten uns später“, sagte ich dann zu meinem Cousin und warf ihm dabei einen flehenden Blick zu. Ich wusste, wen er meinte und ich würde es ihm erklären. Vielleicht konnte er mir einen Rat geben, wie ich mich verhalten sollte.



~*~



Nachdem wir alles geklärt, fertig gegessen und uns nochmals von meiner großen Tochter verabschiedet hatten, verließen wir den Laden. Emmett wollte mit zu mir ins Büro kommen, da er vor Neugierde zu platzen drohte. Tanya und Anne machten sich auf den Weg nach Hause. Meine Prinzessin wollte mich zwar dazu überreden, den Tag heute blau zu machen, aber da sich die Ordner auf meinem Schreibtisch stapelten und ich unbedingt etwas tun musste, konnte ich sie darauf vertrösten, dass ich eher nach Hause kommen würde.

Als mein Cousin und ich gemeinsam den Gang zu meinem Büro entlang liefen, hielt ich Ausschau nach Alice, denn wenn ich schon erzählte, was ich wusste, könnte ich sie auch gleich mit einweihen. Meine beste Freundin und Sekretärin saß wie gewohnt an ihrem Schreibtisch, knabberte an einem Schinkenbagel und las nebenbei ein Modemagazin. Ich schmunzelte.

„Hey, Al…“ sprach ich sie an, holte sie dadurch scheinbar aus ihren Gedanken heraus, denn sie erschrak und verschluckte sich. Schnell lief ich um den Tisch herum und klopfte ihr sachte auf den Rücken. „Geht’s wieder?“, fragte ich nachdem sie mit Husten fertig zu sein schien.
„Was ist los Alice, haben dich die Schuhe zum träumen gebracht?“ stichelte Emmett. Sie warf ihm einen bösen Blick zu und wandte sich dann an mich. „Danke Edward.“
„Kein Problem“, erwiderte ich. „Ähm…hättest du ein paar Minuten Zeit?“
„Sicher, um was geht’s denn?“
„In meinem Büro. Em und ich gehen schon mal vor.“ Während ich ihr antwortete, packte sie den Bagel zurück in eine Folie, säuberte sich die Hände mit einem Feuchttuch und stand dann sogleich neben mir.
„Fertig. Wir können!“, kicherte sie fröhlich. Wir beiden Männer stimmten mit ein. Alice war immer so erfrischend, natürlich.

Gemeinsam gingen wir in mein Büro. Ich setzte mich wie gewohnt in meinen Sessel hinter dem Schreibtisch und bat die beiden, davor platz zu nehmen.
Beide sahen mich erwartungsvoll an. Ehe ich zu sprechen begann, atmete ich noch einmal tief durch, fuhr mir durch die Haare und ließ meine Finger knacken.

„Ok, also was ich Euch zu sagen habe ist eine ziemlich heftige Geschichte und bevor ihr fragt, lasst mich erst einmal ausreden.“ Alice und Emmett nickten synchron.

„Alice ich hatte dich ja gestern gebeten, mir Informationen zu Isabella Swan zu besorgen….“

„Du hast was getan?“, plapperte mein Cousin geschockt dazwischen, verstummte jedoch, als er meinen Blick bemerkte, den ich ihm zuwarf. „Ok red weiter, Mann!“
„Danke“, erwiderte ich kurz und sah dann wieder zu meiner Freundin.

„Der Grund ist: Bella…“ ihren Namen zu sagen war ein völlig anderes Gefühl, als ihn nur zu denken. Es war intensiver und irgendwie machte es die Sache noch realer. „…ist die Frau, die mir alles bedeutet und sie ist die Mutter von Antonella….meiner Tochter.“ Alice sah mich nur mit hochgezogenen Augenbrauen an, bei Emmett jedoch sah das ganze etwas anders aus.
Ihm waren alle Gesichtszüge entgleist und er starrte mich mit offenem Mund an. Einige Sekunden vergingen, bis mein Cousin sich wieder unter Kontrolle hatte.
„Du…du..hast eine Tochter mit Be…Bella?“ stotterte er unbeholfen.
„Ja Em, habe ich.“
„Aber…aber wieso hast du nie was gesagt? Wieso…ich versteh das nicht.“ Er stand auf, tigerte in meinem Büro umher und krallte seine Hände ständig in seine braunen Locken.
„Ich habe es selbst erst gestern erfahren.“ Erklärte ich ruhig. Eigentlich hätte ich die Nervosität in Person sein müssen, doch ich war es nicht. Es war seltsam, aber ich hatte mich damit abgefunden. Hatte es endlich vollkommen realisiert und es machte mich unheimlich stolz und glücklich.
„Maria“ murmelte Alice als wenn sie sich die Antwort auf eine unausgesprochene Frage selbst gegeben hätte. Ihr Kopf ruckte nach oben und ihre Augen schienen mich zu durchbohren.
„Es ist Maria…nicht wahr?“, wiederholte sie ihre Vermutung, die ich lediglich mit einem Kopfnicken bestätigte. Emmett, der noch immer hin und her stapfte, stoppte und sah uns beide nacheinander an.
„Maria? Du…du meinst?“
„Ja, genau.“ Bestätigte ich seine unvollendete Frage.
„Ich wusste es!“, stieß Alice laut hervor. „Diese Augen, dieses Lächeln….irgendwas musste euch verbinden, ich war mir nur nicht sicher“, schlussfolgerte sie.

„Sie weiß nicht, dass du es weißt?“ Emmett kam wieder auf meinen Schreibtisch zu und setzte sich erneut in den Stuhl. Offenbar wollte er nun die ganze Geschichte hören. „Bist du dir denn sicher, dass sie deine Tochter ist?“ fragte er mit ernster Miene. Abermals nickte ich. Dann erklärte ich den beiden, was ich wusste und welche Vermutungen ich hatte, bat sie gleichzeitig Stillschweigen zu bewahren, da ich wollte, dass Antonella aus freien Stücken zu mir kam, um zu erzählen, wer sie wirklich war.

Nachdem Alice und Emmett fast alle Details kannten, bis auf die Sache mit meinem Vater, gingen sie wieder ihrer Arbeit nach. Meine beste Freundin erklärte sich bereit, weiterhin ein Auge auf Tony zu haben werfen, beäugte mich allerdings kritisch und bevor sie mein Büro verließ, sagte sie noch: „Dieses Theater muss enden, Edward. Sie sollte erfahren, dass du es weißt.“ Woraufhin ich nur seufzte und erwiderte, dass ich ganz ihrer Meinung war. Aber ich konnte Tony doch nicht mit einem Geständnis überfahren. Wenn sie so war wie ihre Mutter, meine Bella….und dies war augenscheinlich der Fall, dann würde sie sich zurückziehen und erst einmal vollkommen abblocken. Und das wäre das letzte, was ich wollte.



~*~



Der weitere Tag verging ziemlich schnell. Mittlerweile war es sieben Uhr Abends und ich saß mit Tanya und Anne am Esstisch. Wir aßen unseren Gemüseauflauf und warteten auf Emmett und seine Familie. Kaum, dass ich den Gedanken an sie zu Ende gedacht hatte, klingelte es auch schon an der Tür. Sofort sprang mein blonder Engel vom Tisch auf und rannte in die Eingangshalle, in die ich ihr folgte. Sie hatte bereits die Tür geöffnet, als meine Nichte Damla an ihr vorbei rauschte mit den Worten: „Hey Cousinchen, hey Onkel Ed. Sorry ich muss ganz dringend wohin.“ Beide starrten wir ihr hinterher und stellten mit einem Grinsen fest, dass sie die Tür zur Gästetoilette aufstieß, wie ein Stier der Rot sah.

„Hey, Tanya Süße“ hörte ich die Stimme von Rosalie. Meine Aufmerksamkeit wandte ich wieder der Haustür zu, wo sie mit Emmett zusammen stand und Tanya gerade in eine Umarmung zog. Mein Cousin kam derweil an meine Seite, warf mir einen alles und nichtssagenden Blick zu. Nachdem sich Rosalie von Tanya gelöst hatte, öffnete sich die Tür hinter der meine Nichte verschwunden war. Leise Fluchte diese vor sich hin.
„Verdammte Scheiße. Verfluchter Mist aber auch.“ Waren noch die harmlosesten Beispiele. Völlig geschockt sah ich zu ihr, dann zu Em und wieder zurück. Rose verdrehte nur die Augen und lief auf ihre Tochter zu, drängte sie zurück in die Toilette und dann war es mucksmäuschenstill. Tanya zuckte mit den Schultern und kam zu mir. Zu dritt machten wir uns auf ins Wohnzimmer, setzten uns auf die Couch und verfielen in ein lockeres Gespräch.

„Sag mal wo hat Damla eigentlich diese ganzen Ausdrücke her“, fragte ich ihren Vater, der mit meinem Engel rumalberte.
„Frag lieber nicht. Das ist der neue Slang in ihrer Schule. Du kannst froh sein, dass Prinzessin hier…“, er machte eine Pause und fing an meine Kleine durch zu kitzeln, diese krümmte sich vor Lachen.“…noch so unschuldig ist.“, führte er seinen angefangenen Satz weiter.
„Worüber redet ihr?“ Rosalie kam gerade mit Damla über die Schwelle und hatte ein breites Grinsen im Gesicht.
„Da seid ihr ja.“ Kam es vom Emmett und mir gleichzeitig. Wir starrten uns an.“Jinx“ wieder gleichzeitig, was uns alle losprusten ließ.

Als wir uns alle wieder beruhigt hatten, setzte sich Rose zu Em und Tanya auf die Couch. Dieser legte einen Arm um seine Frau und nahm sogleich ihre Lippen in Beschlag. Es war ein schöner Anblick, allerdings wirkte es so intim auf mich, dass ich den Kopf senkte. Sofort wanderten meine Gedanken zu Bella. Was gäbe ich dafür, sie so halten zu können. Ihren weichen Mund zu liebkosen und einfach nur mit ihr zusammen zu sein. Damla und Tanya tuschelten unterdessen irgendwas. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie beide kicherten. Neugierig beäugte ich sie.

„Na, was gibt es denn da zu flüstern?“

„Damla ist nun eine richtige Frau, Dad“, zuckte mein Engel mit den Schultern. Mit in die Höhe gezogenen Augenbrauen musterte ich sie.

„Sie hat ihre erste Periode bekommen, Edward“, hörte ich Rosalie kichern. Oh! Ohhh! Räuspernd wandte ich mich an meine Nichte.

„Herzlichen Glückwunsch, Große.“ Was hätte ich sonst sagen sollen? Diese Veränderung des weiblichen Körpers war ein großer Schritt im Leben eines Mädchens ... und mir furchtbar unangenehm. Ich hoffte, dass dies bei meiner Kleinen noch ein Weilchen dauern würde, bis es bei ihr passierte. Um das Thema zu wechseln, rief ich nach Anne, die innerhalb weniger Minuten ebenfalls den Raum betrat.

„Sie haben gerufen?“
„Ähm…ja. Würdest du bitte mit Damla und Tanya nach oben gehen?“ Sie nickte.
„Wieso denn Onkel Eddie?“, „Warum Dad?“ fragten mich die beiden mit zum Schmollmündern verzogenen Gesichtern. „Weil ich mit Emmett und Rose noch etwas besprechen möchte. Also wärt ihr so nett? Außerdem ist morgen wieder Schule“, begründete ich mein Handeln. Tanya stand auf, kam zu mir auf den Schoß und drückte mir einen Kuss auf die Wange.

„Gute Nacht, Dad“, sagte sie mit traurigem Blick. „Gute Nacht, Prinzessin. Übrigens ich liebe dich so sehr, wie es Sterne am Himmel gibt.“ Lächelte ich sie an. Bevor sie von meinen Beinen hüpfte, erwiderte sie diese Geste. „Ich liebe dich auch, Dad. So sehr, wie deine neue Mitarbeiterin hübsch ist.“ Dann rannte sie mit Damla, die ein einfaches „Nacht Mum, Nacht Dad und Nacht Onkel Eddie“ in den Raum rief, nach draußen und Anne hinterher.

Ich hingegen starrte mit leicht geöffnetem Mund auf die Tür hinter der die drei verschwunden waren. Langsam drangen die Worte, die Tanya als letztes zu mir gesagt hatte, in mein Bewusstsein vor. Sie fand Tony hübsch. Sehr hübsch sogar, sonst hätte sie diesen Vergleich nicht angestellt. Und sie schien sie zu mögen. Voller Stolz schwoll meine Brust an. Wie schön wäre es, eine große, glückliche Familie zu sein?! Bella und meine beiden Töchter, die miteinander gut klar kamen. Gedankenverloren grinste ich vor mich hin.

„Also Edward. Was willst du tun?“, hörte ich Rose fragen. Kurz schreckte ich aus meinen Gedanken gerissen zusammen. „Bitte? Was?“
Genervt rollte sie mit den Augen. Emmett und sie saßen immer noch innig auf der Couch, hielten Händchen und durchbohrten mich mit ihren Blicken.

„Na, wegen deiner Tochter?“ hakte sie nach.
„Wieso was soll ich denn wegen Tanya tun?“ Ich hatte keinen blassen Schimmer, was Rosalie eigentlich von mir wollte.
„Träumst du oder was?“, giftete sie. Emmett fing an zu glucksen. „Ich kann mir schon vorstellen von was.“ Jedoch wurde er sofort wieder ernst.
„Wieso ist das mit dir und Bella eigentlich auseinander gegangen? Ich mein offensichtlich scheinst du sie…“
„HÖR AUF, EM!“ schrie ich ihn an. Er und Rose zuckten zusammen, sahen mich mit völlig geschockten Gesichtern an. „Es..tut mir leid. Ich…ich wollte nicht schreien“, entschuldigte ich mich sofort wieder. „Ich…“, die Haare raufend suchte ich nach einer passenden Erklärung für meinen kurzen Aussetzer. „…er hat unsere Beziehung nicht geduldet.“ Beantwortete ich seine Frage.
„Wer er?“ wollte mein Cousin genauer wissen. Rose stützte ihre Unterarme auf den Knien ab und hörte gespannt zu, was ich zu sagen hatte.
„Na wer wohl? Kannst du es dir nicht denken?“
„Dein Vater?“ Unglauben schwang in seiner Stimme mit.
„Ja, wer denn sonst?“ Ein hysterisches Lachen entwich meiner Kehle.
„Der ist aber seit sieben Jahren tot. Wieso bist du dann nicht…“
„Nachdem was ich Bella angetan habe? Ich bitte dich. Was würdest du denn machen, wenn Rose ohne Erklärung gegangen wäre und erst nach zwölf Jahre wieder vor dir gestanden hätte?“ fragte ich ihn ehrlich interessiert.

„Also ich würde dich erhängen, erschießen, vier teilen und danach wieder zusammenflicken, um das ganze zu wiederholen“, entgegnete mir Rosalie. Genau das war es, was ich erwartet hatte. Mein Gesicht in meine Hände legend, sank ich noch tiefer in meinem Sessel zusammen. Selbst wenn das Geheimnis mit Antonella gelüftet würde, stünde ich trotzdem noch vor dem Scherbenhaufen mit Bella. Wie sollte ich das jemals kitten können? Würde sie die gleichen Gedanken haben wie Rose? Nein, nicht meine Bella…obwohl ich ja nicht wirklich wusste, wie sehr ich ihr geschadet hatte. Das Gespräch mit dieser Leo war zu kurz gewesen, als dass ich hätte alles erfahren können. Das Einzige, was klar war, war die Reaktion von Bella auf meinen Anruf. Er hatte sie so geschockt, dass sie gleich einen Nervenzusammenbruch erlitt.

Abermals durchbrach ein Geräusch meine Überlegungen. Es war schon seltsam, wie oft ich in meine Gedankenwelt eintauchte seitdem Tony in mein Leben getreten war. Die Glocke der Haustür klingelte unerbittlich weiter. Langsam erhob ich mich, entschuldigte mich kurz bei Emmett und Rosalie und lief mit schnellen Schritten in die Eingangshalle. Ein Blick auf meine Uhr am Handgelenk sagte mir, dass es bereits nach halb neun war. Besuch erwartete ich keinen mehr, nicht um diese Uhrzeit.

Mit einem Ruck riss ich die Tür auf und erstarrte. Meine Atmung erhöhte sich, genau wie mein Puls. Meine Augen waren Schock geweitet und ich musste hart schlucken.

Da stand SIE….

Samstag, 15. Mai 2010

5. Jeopardy and the ordinary madness

5. Jeopardy and the ordinary madness

Ich stand vor dem Spiegel meines Kleiderschranks, musterte mich selbst und mein Outfit. Heute wäre mein erster Arbeitstag in der Firma meines Dads und ich hatte ehrlich keine Ahnung, welche Art von Klamotten angebracht war. Im Moment trug ich eine weiße Röhrenjeans, eine türkise Long- Bluse, die ich an der Taille mit einem weißen, breiten Gürtel zusammen raffte und meine türkisen High Heels. Die Haare hatte ich etwas unordentlich nach oben zu einem Pferdeschwanz gebunden und wenige Strähnen meines Ponys waren wieder herausgefallen. Es war gerade mal kurz vor Sieben in der Früh und am liebsten hätte ich mich wieder ins Bett gelegt.

Der gestrige Tag steckte mir noch immer in den Knochen, auch wenn der Abend und das Essen mit Alice mehr als lustig waren. Es war wirklich kaum zu fassen, wie viel Energie in einem so zierlichen Persönchen stecken konnte. Wir fuhren mit ihrem Wagen, einem roten Ford Coupé, direkt in die Innenstadt von London zum Oxo Tower Restaurant. Alice war der Meinung, dass dies eine Sehenswürdigkeit wäre, die ich mir nicht entgehen lassen sollte. Und sie behielt Recht.

Der Ausblick durch die Fensterfront des Restaurants war einfach atemberaubend. Ich hatte einen wundervollen Blick auf die Themse und das in zahlreichen bunten Lichtern erstrahlende nächtliche London. Alles glänzte und funkelte; selbst das Mondlicht wurde von der Spiegelglatten schwarzen Wasseroberfläche reflektiert und verlieh dem ganzen fast schon etwas Zauberhaftes ... einfach unbeschreiblich. Ich war so fasziniert davon, dass ich meine Nase fast gegen die Scheibe gepresst hätte, wenn mich Alice nicht mit ihrem Gerede von weiteren schönen Plätzen davon abgehalten hätte. Sie überredete mich, das Wochenende mit ihr zu verbringen, damit sie mir alles zeigen konnte. Für Samstag standen die Queens Gallery und das London Aquarium an. Sonntag wollte sie dann mit mir in den Hyde Park zum Picknicken…im November.

Da dieses Energiebündel wieder ihren bittenden Hundeblick aufgelegt hatte, wehrte ich mich nicht weiter und stimmte letztlich zu. Nachdem sie mich kurz vor Mitternacht wieder beim Appartement absetzte, fühlte ich mich ein wenig unwohl, denn ich wollte ehrlich gesagt nicht alleine die Nacht da verbringen.

Natürlich war ich auch in Pasadena bei Mum mal über Nacht alleine zu Hause, jedoch war es mein Heim. Das, in dem ich aufgewachsen und wohlbehütet war. Und nun war ich tausende Meilen davon entfernt, in einer fremden Stadt und ganz allein in einer Wohnung, die mir ebenso fremd war, wie London selbst. Zwar hatte ich ein gemütliches, großes Bett, allerdings wollte sich die Müdigkeit nicht so richtig einstellen. Viel zu lange lag ich wach und immer wieder kamen mir die Bilder und die Gespräche des letzten Tages in den Sinn. Und wieder spielten meine Gefühle verrückt. Mal war ich wütend, dann wieder reumütig und kurz bevor ich einschlief überrollte mich das Heimweh, welches mich sogar in Tränen ausbrechen ließ.

Ganze zwei Stunden döste ich vor mich hin, bevor mich der Wecker aus meinem Traum riss, in dem wir – Mum, Dad und ich – glücklich vereint am Frühstückstisch saßen. Wie in einer dieser Cornflakes-Werbungen ... Happy Family ...
Völlig übermüdet kletterte ich aus dem Bett und ging duschen, um für meinen ersten Arbeitstag fit zu sein.

Jedoch war ich alles andere als das. Stattdessen stand ich nun völlig übermüdet hier vor dem verdammten Spiegel und machte mir Sorgen wegen meines Outfits. Klasse Tony…du bist echt der Hammer…

Mittlerweile war es auch Zeit mich ins Nebengebäude zu begeben und mich von Alice in meinen neuen Arbeitsplatz einweisen zu lassen. Sie hatte mich gestern Abend noch ausdrücklich darum gebeten, etwas früher als die anderen zu erscheinen, da sie mir ja mein Büro zeigen wollte und die firmeninterne Software zur Kommunikation untereinander erklären müsse. Was mich ein wenig zum Schmunzeln brachte, da alles, was Computer anging, mein geheimes Steckenpferd war. Mein Kumpel Jay hatte mir alles beigebracht, was man dazu wissen sollte und noch mehr. Okay, ich hatte noch so meine diversen Probleme, was das Hacken anbelangte, aber ansonsten, was Netzwerkadministration, die gängigsten Programmiersprachen und Grafikprogramme betraf, war ich recht gut darin.

Für den Job bei Dad hatte ich mir von meinem Geburtstagsgeld eine schicke Aktentasche aus echtem Leder gekauft, die ich nun in der Hand hielt. Damit betrachtete ich mich noch einmal im Spiegel, bevor ich die Schlüsselkarte, mein Handy und lediglich einen einfachen Schreibblock darin verstaute. Dann schnappte ich mir meinen beige-farbenen, halblangen Trenchcoat und verließ das Appartement.

Erst als ich die Haustür öffnete um hinaus zu gehen, bemerkte ich die eisige Kälte und sah die schneebedeckte Straße. Urgh…ich hasste Schnee.
Das war einer der Gründe, weswegen ich LA so sehr liebte. Bei meinem Grandpa Charlie, den wir ab und an mal an Weihnachten in Forks besuchten, lag der Schnee manchmal meterhoch. Aber in Los Angeles, gab es keinen Schnee und die Temperaturen waren nie niedriger als maximal 5 Grad über null. Ich mochte die Nässe und die Kälte nicht und war immer ganz froh, wenn die Niederschlagsreichsten Monate vorbei waren.

Stöhnend sah ich auf meine Füße hinunter. Verdammt ich hatte nur meine High Heels an. Mir würden all meine Zehen abfrieren bei diesem beschissenen Wetter. Shoppen! Das wars….ich brauchte dringend ein paar tolle, modische Winterstiefel. Shoppen, shoppen…ich gehe shoppen….yehaa…

Man könnte mich für verrückt halten, aber einkaufen zu gehen und das Geld nur so aus den Fenster zu schmeißen für jegliche Art von ausgefallener Mode war mein Hobby - um nicht zu sagen, liebte ich es sogar mehr als alles andere. Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen und vergessen war der Unmut wegen des Schnees.

Schnell stapfte ich schwermütig auf die andere Straßenseite zum Firmengebäude.
Groß und prachtvoll erstreckte es sich vor mir und ich spürte schon jetzt das Kribbeln in meinem Magen. Mir wurde übel vor Aufregung. Ich meine, ich war meinem Dad schon über den Weg gelaufen, doch trotzdem legte sich die Nervosität nicht. Vor allem nicht, als ich an seine durchdringenden, grünen Augen dachte, die meinen Eins zu Eins glichen. Eigentlich müsste man ziemlich blind sein, um die Ähnlichkeit zwischen uns nicht zu bemerken. Dies war übrigens nicht der einzige Grund. Schließlich stand noch der Vorfall mit der Ohrfeige zwischen uns und ich wusste nicht, ob er meine Entschuldigung von gestern wirklich verstanden hatte.


„Guten Morgen, Miss“, riss mich eine angenehme, männliche Stimme zurück in die Gegenwart. Ich schreckte auf und hielt mir eine Hand auf das Herz, so wie Mum es immer tat, wenn man sie erschreckte.
Vor mir stand Jasper, den ich ja am Vortag schon kennenlernen durfte. Er stand neben einem silbernen Ford Mondeo, dessen Tür er gerade zuschlug. Heimlich und in Gedanken nannte ich ihn „Alice’s Romeo“. Sie konnte mir erzählen, was sie wollte, ihre Sympathie für diesen schönen, blonden Mann war kaum zu verbergen.
„Guten Morgen, Mister Whitlock“, seufzte ich. „Erschrecken Sie mich nie wieder so! Vor allem nicht am Morgen.“ Gespielt tadelnd streckte ich mahnend meinen Zeigefinger aus und er gluckste.
„Alles Klar, Miss. Ich dachte nur, Sie bräuchten einen kleinen Schubs aus ihren Gedanken. Wir wollen ja nicht, dass Sie gleich am ersten Tag zu spät kommen“, schmunzelte er. Es war gerade mal kurz vor halb Acht. Laut Alice begann die reguläre Arbeitszeit jedoch nicht vor Acht. Und ich würde wohl für die paar Meter über die Straße kaum länger benötigen als fünf Minuten. Doch ich wollte Jasper nicht vor den Kopf stoßen.
„Jaaah … da haben Sie wohl Recht.“ Ich besah mir das Gebäude nochmals, ehe ich langsam zum Eingang schlenderte.
„Ach, und Mister Whitlock?“ Ein letztes Mal drehte ich meinen Kopf über die Schulter und er zog fragend eine Braue in die Höhe.
„Nennen Sie mich doch To-… Eeehm .. Maria“, stammelte ich. Verdammt, Tony, pass auf, was du sagst!
„Jasper“, lächelte er mich an und ich nickte. Noch einmal tief durchatmend betrat ich die Firma und konnte gerade noch erkennen, wie Jasper seinen Wagen abschloss und mir dann nach drinnen folgte.

In der großen Eingangshalle hallte das Geräusch meiner klackernden Absätze wieder. Ich erschauderte, es war einfach zu ruhig.
Obwohl alles wunderbar eingerichtet war, konnte es mich nicht besänftigen. Im Gegenteil, die Perfektion schüchterte mich beinahe ein.
„Aufgeregt?“, vernahm ich Jaspers Stimme und fuhr herum. Er hatte sich mittlerweile hinter den glänzenden Tresen gestellt und sortierte Unterlagen.
„Mhmh … so könnte man es sagen …“, nuschelte ich in mich hinein. Meine Güte, was war denn mit mir los? Ich war doch sonst nicht so zurückhaltend. Naja … meinte meine innere Stimme. Man haut ja nicht jeden Tag unter falschen Tatsachen von zu Hause ab, um seinen Vater aufzusuchen, der im übrigen nur knappe 5500 Meilen weit über den Ozean hinweg lebte…

„Maria!“ - Das war Alice’s Stimme. Sie kam gerade breit grinsend auf mich zu getänzelt und als ihre Augen Jasper erblickten, wurde sie sofort langsamer und biss sich hart auf die Unterlippe. Ich kicherte, als sie auch noch errötete. Oh mein Gott, das war ja kaum auszuhalten.
Mein Kichern ging in ein leises Glucksen über.
„Guten Morgen, Alice!“, rief ich ihr übertrieben fröhlich zu und winkte.
Sie blies die Wangen auf und stieß dann laut die Luft aus, ehe sie einmal den Kopf schüttelte – wahrscheinlich um wieder zur Besinnung zu kommen – und ihren Weg zu uns dann vorsichtig und betont langsam fortsetzte.
Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich gesagt, dass man ihren viel zu schnellen Herzschlag bis hierhin hören konnte.

„Uhm …. Bist du bereit für deinen ersten Tag?“, fragte sie und versuchte offensichtlich gelassen zu wirken. Sorry Alice, aber das ging daneben. Ich hörte Jasper kichern und stimmte leise mit ein.
„Na ja, ich bin aufgeregt…“, kurz biss ich mir auf die Lippe. „Aber … ich werde das schon schaffen.“
„Natürlich wirst du das!“, kam es sofort von ihr. „Mr. Cullen ist nicht so schlimm, wie er manchmal scheint.“ Dann zwinkerte sie mir zu.

Wie auf Knopfdruck hallte in diesem Moment die enthusiastische Stimme von meinem …. Chef, Dad … wie man ihn auch nennen wollte, durch den Raum.
„Guten Morgen!“, rief er fröhlich in die Runde. Ich drehte mich herum und musterte ihn.
Er trug einen – wie ich vermutete – maßgeschneiderten, schwarzen Designeranzug mit weißem Hemd darunter. . In der linken Hand hielt er seine Aktentasche und über dem rechten Unterarm, hing sein schwarzer Mantel. Um seinen Hals baumelte einen perfekt gebunden Krawatte und ich fragte mich einen Moment, ob er das selber so hinbekommen hatte oder ob TANYA dafür verantwortlich war.
Schnell unterdrückte ich das aufkommende Schnauben und sah ihm direkt ins Gesicht.
Als er mich erblickte, blieb er abrupt stehen und sein Lächeln verschwand für einen Moment. Er sah mir tief in die Augen, beinahe hypnotisch. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm nehmen.
Aus dem Augenwinkel erkannte ich, wie Alice zwischen ihm und mir hin und her sah und räusperte mich, um uns beide selbst aus diesem Blickkontakt und merkwürdigem Moment zu reißen.

„Guten … Morgen, Mr … Cullen.“ Ich schluckte schwer.
„Guten Morgen ….“ Er besah mich mit einem undefinierbaren Blick. „Maria.“
„Guten Morgen, Mr. Cullen“, schnaubte Alice. „Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Nacht.“ Sie klang ein wenig genervt.
„Eeehm, ja“, schüttelte er seinen Kopf, so als müsse er seine Gedanken erst ordnen, wobei ein paar wirre graue und braune Haarsträhnen auf seine Stirn fielen. „Ich bin … im Büro … falls was sein sollte“ Und ehe irgendjemand von uns antworten konnte, stürmte er zum Aufzug und drückte den Knopf öfter als nötig. So als wäre er auf der Flucht.

„Männer …“, hörte ich Alice murmeln. „Von einem Moment auf den anderen wechseln sie plötzlich – und ohne ersichtlichen Grund – ihre Stimmung.“
„Na, der scheint wohl alles andere als eine angenehme Nacht gehabt zu haben“, runzelte ich die Stirn.
„Mhmh … Normalerweise ist er immer ziemlich erholt, wenn Tanya bei ihm ist, seine Laune ist dann immer so gut, dass es beinahe nervt. Sie macht ihn glücklich“, meinte Alice nachdenklich und sofort ballten meine Hände sich zu Fäusten. Wer auch immer diese Tanya war, sie musste verschwinden. Sie stand uns im Weg. Warum verlobte sich dieser Vollpfosten auch?!
„Alles okay, Maria?“ Alice warf mir einen skeptischen Blick zu, wobei eine ihrer Augenbrauen nach oben schoss.
„Ja klar … Wollen wir anfangen?“ Jetzt klang auch ich irgendwie genervt.
„Gut!“, sagte sie enthusiastisch „Komm, ich zeige dir dein Büro.“

Nachdem ich Jasper noch einmal schwach anlächelte und er es mit einem aufmunternden Zwinkern beantwortete, folgte ich Alice die Treppen hinauf zur zweiten Etage. Einen Moment lang fragte ich mich, weshalb wir nicht auch den Fahrstuhl benutzten, verwarf es aber wieder. Bewegung tut gut und hält schlank…war der liebenswerte Kommentar meiner Gedankenstimme.

Statt dem Flur nach rechts zu folgen wie gestern, lief sie nach links, ebenfalls wieder bis zum Ende. Wo ebenso eine kleine Nische mit Schreibtisch neben einer weißen Holztür lag. Bis auf die Tür sah diese Seite der Etage genauso aus, wie die andere, die zu Dads Büro führte.

Alice öffnete die Tür und wir betraten einen hellen, freundlichen Raum. Er war nicht viel größer oder kleiner als der, in dem sich Dads Büro befand, aber es war ein komplett anderer Stil. Alles wurde hier in warmen Tönen gehalten, selbst die Möbel waren aus Naturholz. Auf meinem Schreibtisch – ich konnte es kaum glauben, dass das nun wirklich alles meins sein sollte – stand ein Laptop und alles Nötige, was man für die Arbeit brauchte. Ehrfürchtig lief ich auf den Schreibtisch zu und betrachtete die Sachen aus der Nähe.

Als meine Bewunderung langsam abflaute, hob ich meinen Blick und ließ diesen ein weiteres Mal durch das Zimmer schweifen. Es war wirklich überwältigend. Die Wände waren in einem sanften Beigeton gestrichen, der Boden mit hellem Parkett ausgelegt und gegenüber meinem Arbeitsplatz befand sich genauso ein großes Rundbogenfenster wie das in meinem Appartement. Allein von hier konnte ich sagen, dass die Aussicht toll war. Man sah den klaren Himmel, die verschneiten Straßen, und die Menschen, die sich darauf tummelten.

„Wow…es ist einfach großartig“, sagte ich völlig überwältigt. Alice, die noch immer im Türrahmen stand, grinste bis über beide Ohren. Das sonst übliche Strahlen ihrer Augen schien noch stärker geworden zu sein.
„Ich weiß“, war ihre schlichte Antwort, ehe sie auf mich zugeschlendert kam. „Schalt ihn ein!“, forderte sie mich mit einem Fingerzeig auf den neuen Laptop vor mir auf.
Grinsend setzte ich mich in den Schreibtischsessel, rollte näher an meinen Schreibtisch heran, klappte das Gerät auf und betätigte den Powerknopf. Noch immer hallte das Wort mein in meinem Kopf nach. Das war also nun mein Arbeitsplatz, wo ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Herrlich.

Nachdem sich das Betriebssystem hochgefahren hatte, stellte sich Alice neben mich, beugte sich nach vorne und betätigte die zusätzlich angeschlossene PC-Maus. Sie erklärte mir ausführlich wo ich welche Dateien finden konnte und dann das für die Firma extra entwickelte, interne Mailsystem. Fast hätte ich laut los geprustet. Sie sprach mit mir, wie mit einem Kleinkind: jedes Wort war lang gezogen und langsam ausgesprochen. Innerlich amüsierte ich mich köstlich über diese Darbietung ihrer Erklärungskünste, doch äußerlich versuchte ich meine Mundwinkel, die gefährlich zuckten, krampfhaft im Zaum zu halten.

„Ok, hast du alles soweit verstanden?“, fragte sie mich nach gefühlten Stunden. Da ich ihr nicht antwortete, weil ich noch immer zu beschäftigt damit war, nicht laut los zu lachen, sah sie mich über die Schulter mit hochgezogener Braue an. Und das wars.
Ich konnte nicht mehr. Zuerst war es nur ein Glucksen, welches sich jedoch ganz schnell in ein lautes Lachen verwandelte. Schnell schloss ich die Augen, legte mir die rechte Hand auf den Mund, um mich zu stoppen und krallte mich mit der linken in der Sessellehne fest. Nicht lachen… bloß nicht lachen.

„WAS? Was ist denn?“ Alice klang etwas empört und eigentlich hätte mich das zum Schweigen bringen sollen, aber es ging einfach nicht. Die Hand, die ich auf meinen Mund gepresst hatte, wanderte zu meinem Bauch, den ich nun festhielt, da er bereits zu schmerzen begann. Ich musste mich wirklich zusammenreißen, dass ich nicht vom Stuhl fiel und mich vor Lachen auf dem Boden kugelte.

Als ich meine Augen wieder öffnete, saß die kleine schwarzhaarige auf meinem Tisch, die Arme vor der Brust verschränkt, die Augen zu schmalen Schlitzen verzogen und die Lippen gekräuselt.

„Es…es…tu...tut…mir leid“, gackerte ich wie eine Irre. Der Lachflash, welcher mich ergriffen hatte, wollte einfach nicht verebben. Mittlerweile flossen schon die Lachtränen aus meinen Augen, meine Sicht verschwamm und Alice sah mich einfach nur an. Ihre Fingerspitzen trommelten auf dem hellen Holz herum, sichtlich genervt verdrehte sie ihre Augen. Dann sprang sie vom Tisch und lief zu Tür, ehe sie diese öffnete, rief Dads Assistentin mir angesäuert zu: „Wenn du dich wieder eingekriegt hast, weißt du ja, wo ich zu finden bin.“

Mein Lachen erstarb mit einem mal, denn als sie den Griff nach unten drückte und die Bürotür nach innen aufzog, stand niemand anderer davor, als mein Dad…Edward…Mr. Cullen höchstpersönlich. Scheiße, was wollte der denn jetzt hier?
Er räusperte sich, zwängte sich an Alice vorbei und kam auf mich zu. Meine Hände begannen zu schwitzen und Panik machte sich in mir breit. Sein Gesicht war ausdruckslos, doch seine Augen leuchteten. Irgendwie hatte ich Angst. Warum, wusste ich allerdings nicht. Ob es wohl schlimm wäre, wenn ich einfach aus dem Fenster springen würde? Wir waren nur in der zweiten Etage, das dürfte ich schon überleben. Oder sollte ich mir einfach die Hände vors Gesicht schlagen, ganz nach dem Motto: Sehe ich dich nicht, siehst du mich auch nicht?! Maann, Tony hab dich nicht so albern….warte ab, was er will…

Vor meinem Schreibtisch stoppte er und legte eine braune Akte darauf. Kurz musterte ich diese, dann blickte ich ihm wieder direkt ins Gesicht. Nun hatte er ein schiefes Grinsen auf den Lippen, fuhr sich mit der linken Hand durch die Haare und mit der rechten zeigte er auf die Papiere vor mir.

„In diesem Ordner finden sie alles für ihre erste Aufgabe, Maria.“ Himmel, war seine Stimme schon immer so…so weich? MOMENT! Erste Aufgabe? Was für eine Aufgabe? Häh? Von was sprach dieser Mann?
Mit hochgezogener Augenbraue sah ich ihn fragend an. Sein Grinsen wurde breiter und der Schalk blitzte in seinen grünen Iriden auf.
„Sie sollen mir ein neues Vermarktungskonzept erstellen. Das dürfte für sie ja kein großes Problem sein, nicht wahr?“ Meine Augen weiteten sich und wieder musste ich mit den Muskeln meines Gesichts kämpfen, damit diese mir nicht entglitten. Vermarktungskonzept…ich? War der Kerl irre geworden? Na, du hast dich doch um diesen Job beworben…also, dann mach mal…verspotteten mich meine Gedanken. Oh, verdammt…richtig, der Job!

Erwartungsvoll und auf eine Antwort meinerseits wartend beobachtete mich mein Dad. Schnell straffte ich die Schultern und seufzte fast unhörbar.

„Natürlich ist das kein Problem. Bis wann brauchen sie das Konzept?“, erwiderte ich mit fester Stimme. Mein Selbstbewusstsein und mein sicheres Auftreten waren zurückgekehrt. Ich musste mich wirklich langsam am Riemen reißen, wenn ich nicht auffliegen wollte.

Das Grinsen, das bis eben noch auf seinen Lippen lag, war verschwunden und durch einem grimmigen Gesichtsausdruck ersetzt worden. Meine Güte, hatte dieser Mann Stimmungsschwankungen.

„Sie haben bis vierzehn Uhr zeit.“ Beantwortete er kühl, drehte sich um verließ das Büro und Alice, die auch noch da war, folgte ihm kopfschüttelnd. Irgendwie kam mir das alles gerade furchtbar merkwürdig vor. Hatte ich irgendetwas verpasst? Etwas stimmte nicht, nur ich kam nicht dahinter, was.
Mein Blick fiel zurück auf die Akte, die vor mir lag. Naja, mal schauen, was mich da erwartete.


Ich nahm sie in meine Hände und öffnete die erste Seite. Meine Augen verfolgten jedes einzelne Wort, jedoch kam die Bedeutung derer nicht in meinem Gehirn an. Ahnungslos, was ich da eigentlich vor mir hatte, lief plötzlich eine Melodie in meinem Kopf ab. Oh nein…Jeopardy. Wieso ausgerechnet jetzt und hier?

Es gab mal eine Zeit, da saß ich immer mit Leo auf der Couch und wir zogen uns diese Quizshow rein und verdammt jedesmal, wenn diese Melodie ertönte, stellten wir den Fernseher auf lautlos, weil wir sie einfach nicht ertragen konnten. Zumindest nicht länger als zwei Minuten. Keine Ahnung, welcher Mensch sich sowas Krankes in seinem Hirn zusammen komponiert hatte, denn es war einfach nur nervig.

Frustriert schlug ich die Akte zu und sofort verstummte auch diese wahnsinnig machende Melodie. Dem Himmel sei Dank!

Ich beschloss mich noch einmal der Aufgabe, die mir mein Dad erteilt hatte, zu widmen und griff erneut zu den Papieren. Doch kaum hatte ich den ersten Stichpunkt gelesen, ertönte wieder dieses verfluchte Jeopardylied. Hölle…was war das? Abermals schloss ich den Ordner und sogleich wurde es wieder still in meinem Kopf. Okay, irgendetwas lief da auf jeden Fall schief. Dieses auf-zu Spiel probierte ich noch einige Male und immer war es dasselbe. Sobald der Ordner offen war, fing die Melodie so laut in meinen Gedanken an zu spielen, dass sie alles andere übertönte, klappte ich ihn jedoch wieder zu, verstummte in der gleichen Sekunde dieses abscheuliche Lied.

Verrückt...

War ich kurz davor paranoid zu werden? Ich meine, allein schon die Tatsache, dass ich hier einen Job bekam, von dem ich im Prinzip nur das wusste, was das Internet an Informationen preisgab, war irgendwie irre. Doch nun eine Aufgabe zu bewältigen, die für mich unlösbar erschien, war doppelt so verrückt.
Verdammt, hatte er bis vierzehn Uhr gesagt? Scheiße, scheiße, scheiße, scheiße….das schaff ich nie im Leben. Wie auch…ich verstand ja nur Bahnhof von den Dingen, die er mir Stichpunktartig aufgelistet hatte und erst recht hatte ich keinerlei Erfahrung in Sachen Vermarktung. Das gleiche wäre es, wenn jemand vorgab christlicher Priester zu sein und dann aber den kompletten Buddhismus predigte. Oder wenn man einen Elefanten verkaufen wollte, stattdessen aber eine Maus in der Hand hielt. Verrückt, verrückt, verrückt!!!

Bevor die Panik es schaffte, gänzlich von mir Besitz zu ergreifen, überlegte ich bereits krampfhaft, wie ich mir nun noch helfen konnte. Oder besser: Wer? Mum fiel schon mal weg, schließlich waren es ihre Unterlagen, die ich für die Bewerbung des Jobs verwendet hatte. Allerdings würde sie sich fragen, warum ich das bräuchte und sobald sie den Namen Cullen lesen würde, wäre doch eh alles klar. Sie würde durchdrehen, sich in den nächsten Flieger setzen und mich hier wegzerren oder sie würde in einen Schockzustand verfallen…was wohl das wahrscheinlichste wäre. Ok…wer käme denn noch in Frage? Mein Gehirn schien bereits nahe dran zu sein, wegen Überlastung einen Schlag zu bekommen, als mir Jason einfiel. Genau! Er hatte für mich die Papiere gefälscht. Er kannte sich mit allem irgendwie aus. Er hatte Kontakte. Wenn mir jemand helfen konnte, dann er.

Wie spät war es gleich nochmal in LA? Hm…also wenn es hier in London Acht Uhr morgens war, dann wäre es in Los Angeles demzufolge ziemlich genau Mitternacht. Was hieß, dass ich problemlos anrufen konnte, da Jay unter Garantie noch wach sein würde.

Schnell griff ich nach dem Telefon und wählte seine Nummer, legte aber sofort wieder auf, da ich mich daran erinnerte, dass Alice etwas davon gesagt hatte, keine Privatgespräche vom Büro aus zu führen. Also suchte ich in meiner Tasche nach meinem Handy, ging mein Telefonbuch durch und bereits nach dem dritten Klingeln nahm er ab.

„Hey Tony, meine Sonne, wie ist das kalte Londoner Leben?“, gluckste er ins Telefon. Jason war einer dieser Menschen, die ständig voll guter Laune steckten und unbekümmert von einem in den anderen Tag starteten. Einfach ausgedrückt…eine Frohnatur, wie ich, wenn ich nicht gerade unter Stress stand oder irgendwelche peinlichen Aktionen veranstaltete.

„Jay ich brauch deine Hilfe, dringend“, wieso klang meine Stimme nur so hysterisch? Achja…weil ich verflucht nochmal kurz vor einer Panikattacke stand, wenn mir niemand helfen würde. Denn dann würde die ganze Sache auffliegen, weil ich dann nämlich die Wahrheit sagen müsste…was wirklich äußerst deprimierend wäre.

„Babe, ruhig! Was ist denn los, du hyperventilierst ja schon fast?!“ Ich tat WAS?
Oh Gott, er hatte recht, ich selbst hatte nicht einmal mitbekommen, wie schnell meine Atmung geworden war und das meine Hand auf der Stelle lag, wo mein Herz unerbittlich von innen dagegen klopfte, als wäre es auf der Flucht.

„Jason, ich verzweifel!“, stammelte ich nach Atem ringend. „Ich soll ein Vermarktungskonzept erstellen. Weißt du was das bedeutet?“ Die letzten Worte entwichen mir quietschend.

„Das du den Job bekommen hast?“ war Jasons glorreiche Antwort.
„NEIN“, schrie ich in den Hörer. „Ich meine, ja ich hab ihn, aber was bringt mir das, wenn ich nicht weiß, was ich zu tun habe?“ Merkwürdige Geräusche waren zu hören, mit gerunzelter Stirn konzentrierte ich mich auf diese, dann kam mir die Erleuchtung. Jay kicherte…er lachte über mich und versuchte es offenbar zu verstecken, so wie ich es noch vor rund zwanzig Minuten bei Alice getan hatte. Nur das meine Lage gerade nicht witzig war, sondern todernst.

„Lachst du mich aus?“ Stille, dann ein leises Räuspern.
„Eheeem…nö?“
„Doch tust du!“
„Hörst du mich lachen?“, fragte er und ich konnte mir bildlich vorstellen, wie er seine Lippen fest aufeinander presste, um nicht erneut los zu prusten.
„Nein…ich meine, nicht mehr…ach verflixt noch mal…Jay, lass den Scheiß und hilf mir lieber! Was soll ich denn jetzt machen? Bis vierzehn Uhr muss ich zumindest eine Art Vorschlag unterbreiten“, wimmerte ich, fuhr mir durch die Haare und löste dabei den Gummi, der diese zu einem Zopf zusammen hielt.
„Hm…lass mich kurz überlegen, Sweetheart.“ Während er scheinbar nachdachte, kämmte ich meine langen Zotteln mit den Fingern durch und betrachtete geistesabwesend die Spitzen. Hm…die müssten auch mal wieder geschnitten werden. Vielleicht könnte mir Alice ja einen guten Haarstylisten empfehlen. Ich wollte eh shoppen gehen wegen neuen Schuhen für den Winter und vielleicht liebte sie es ja genauso, wie ich. Fragen kostet nichts, außerdem war sie eine sehr modebewusste Frau, wenn ich mir ihren Klamottenstil so betrachtete. Und ja, dies könnte ich sozusagen als Entschuldigung anbieten, bezüglich meines unangebrachten Verhaltens ihr gegenüber.

„Antonella, Babe?“ Was?? Okay das war ganz sicher nicht Alice's Stimme. Um wieder zur Besinnung zu kommen, schüttelte ich den Kopf und räusperte mich. Ich sollte wirklich nicht immer so abdriften.....
"Eeehm ... jaaah?", dehnte ich meine Antwort.
"Hörst du mir zu?", fragte er skeptisch und ich konnte mir bildlich vorstellen, wie er die Stirn runzelte.
"Natürlich tue ich das!", rief ich gespielt empört in den Hörer und schlug prompt mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. Natürlich hörte ich ihm zu...
"Und was sagst du dazu?!", fragte er weiter.
"Wozu?", Oh scheiße...
"Zu dem was ich eben gesagt habe. Findest du es gut oder schlecht?"
"Eeeehm ... gut?", es klang mehr nach einer Frage.
"Wirklich?", hakte er nach und stöhnend fuhr ich mir über das Gesicht.
"Ehm nein, natürlich nicht!", meinte ich stürmisch den Kopf schüttelnd. Oh Gott ... Er hatte mich doch schon längst durchschaut.
""Okay, dann eben nicht." Das Schmunzeln in seiner Stimme war kaum zu überhören.
"Jason ....", ich seufzte. "Ich hab nicht zugehört okay? Ich hab keine Ahnung, worum es gerade geht! Von mir aus könntest du mir was von ausgestopften Tieren oder dem Weltfrieden erzählen. ICH HABE NICHT ZUGEHÖRT! Und ja, ich bin ein schlechter Mensch und habe keine Ahnung, wovon du eben erzählt hast. Und weißt du was?! Ich hab stattdessen über meine Frisur und Winterschuhe nachgedacht!" Das Lachen was von mir folgte, klang beinahe hysterisch und als es langsam verebbte, klang es mehr nach einem wimmern. "Oh, ich bin so am Arsch", setzte ich seufzend nach.

Am anderen Ende der Leitung waren wieder diese undefinierbaren Geräusche zu hören, während meine Augen den Sekundenzeiger der Uhr mir gegenüber verfolgten.
127 Sekunden und sieben undefinierbare Geräusche später, konnte er es nicht mehr zurückhalten und brach in schallendes Gelächter aus.

"Ja, ja, lach nur", grummelte ich "Gott wird dich dafür bestrafen."
"Ach ... ja?", lachte er. "Mich, huh? Ich weiß gar nicht ..." er atmete immer wieder tief durch "Wie viel Zeit, Nerven und Stoßgebete du den Priester kosten würdest, wenn du mal im Beichtstuhl säßest" Ganz langsam beruhigte er sich wieder.

"Jason!", zischte ich "Komm zur Sache!" Mit den Fingernägeln trommelte ich auf dem Tisch herum. Pff ... Beichtstuhl als hätte ich das nötig. Ich war ein wohlerzogenes anständiges Mädchen. Ja, das war ich, abgesehen von-
"Okay", durchbrach er kichernd meine Gedanken. "hach, du bist köstlich"
"JAY!", rief ich laut und sprang von meinem Schreibtischstuhl auf.
"Ja, ja, Kätzchen, cool down", gluckste er. "Also, Fax, ja?!"

Ich stockte in meiner Bewegung - ich war gerade dabei auf den Schreibtisch zu boxen - und blinzelte ein paar Mal.
Sechs Atemzüge später, fand ich meine Sprache wieder.

"Fax? was willst du denn mit einem Fax?", seufzte ich auf und fiel frustriert in den Stuhl zurück. Meine Güte war das anstrengend.
"Mein Gott, Tony", laut stieß er die Luft aus. "Du sollst es mir zufaxen, ich kümmer mich dann darum." Ich brauchte einige Sekunden um zu verstehen, auf was er hinaus wollte.... Und nach gefühlten Stunden, bog mein rechter Mundwinkel sich langsam nach oben.... Ein Geräusch, das sehr nach einem "Bling" klang, ertönte in meinem Kopf und da wurde mir klar, dass die Glühbirne dort oben zwischen all dem Staub und den Spinnweben eingeschaltet wurde.

„Oh….du bist ein Schatz, Jay, ehrlich.“
„Na, das hat ja gedauert.“ Erwiderte er und ich konnte regelrecht hören, wie er seine Augen verdrehte.
„Danke, ich schulde dir was“, grinste ich erleichtert, dass ich mich auf ihn verlassen konnte. Jason gab mir dann noch die Faxnummer durch und binnen weniger Augenblicke hatte ich ihm die Akte auch schon zugefaxt. Wobei sich das gleiche Schauspiel ereignete, wie auch schon zuvor. Jeopardy wollte mich quälen, fertig machen, zerstören und mich in einem ausgepolsterten Raum gegen die Wand schlagen sehen. Soviel war klar.

Nachdem wir unser Telefonat beendet hatten fuhr ich mir völlig fertig mit den Nerven durch meine Haare. Was war nur aus mir geworden? Mein Gehirn schien sich stückweise verabschiedet zu haben. Okay, durcheinander war ich schon immer gewesen, aber so verpeilt, dass man mich für eine strohdumme Blondine halten konnte…nein…dafür gab es nur einen Grund.

Dad war schuld!

Erst seitdem ich ihm begegnet war, begann mein Verstand ein Eigenleben zu entwickeln. Ich wurde zu einer Kriminellen, einer Lügnerin und war einfach nicht mehr ich selbst. Diese ganzen Geheimnisse, die ich mit mir rumschleppte, würden mich noch wahnsinnig machen. Ich sollte vielleicht wirklich einfach zu ihm hingehen und sagen: Hi Dad! Wie schlimm konnte es schon werden? Tja schlimmer als die Reaktion meiner Mum auf meine bescheuerte Aktion, wenn sie es irgendwann herausfinden würde sicher nicht...
Zuerst einmal benötigte ich einen Kaffee, der meine Nerven wieder ein wenig beruhigen würde, danach könnte ich Alice fragen, ob sie mit mir shoppen gehen wollte und dann gäbe es noch immer die Möglichkeit Mr. Edward Cullen aufzusuchen. Falls du dich dann noch traust….

Mit neuem Elan erhob ich mich von meinem Arbeitsplatz und lief aus meinem Büro. Noch war es meins. Ja, noch, aber wie heißt es doch so schön? Wie gewonnen, so zerronnen…warf mein Unterbewusstsein unangebrachter weise ein. Wütend schüttelte ich den Kopf, um diese seltsame, nervige Stimme daraus zu vertreiben.

Schnellen Schrittes durchquerte ich den langen schmalen Flur und nach gut 500 Metern stand ich auch schon vor Alice. Diese saß konzentriert an ihrem Schreibtisch und blätterte einige Ordner durch.
Während ich sie dabei beobachtete und überlegte, wie ich am besten anfangen könnte, hob sie den Blick und sah mich aus zu schlitzen verengten Augen an. Ohje, sie schien noch immer sauer zu sein.

„Hey“
„Was willst du?“ fragte sie gereizt. Sie war definitiv noch böse auf mich.
„Al…also…zuerst wollte ich mich bei dir entschuldigen. Es tut mir leid, ich wollte dich nicht auslachen“, sagte ich reumütig mit vorgeschobener Unterlippe. Sie seufzte.
„Schon gut, Maria. Was gibt es denn? Brauchst du irgendwas?“ Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.
„Naja ich wollte dich fragen, ob du eventuell mit mir shoppen gehen möchtest?! Ich habe festgestellt, dass mir das passende Schuhwerk für diese Jahreszeit fehlt und ... naja. Also hättest du Lust?“
„Ob ich Lust habe?“ Ihre Stimme erhob sich um einige Oktaven, ihre Augen waren weit aufgerissen und sie schien geschockt zu sein.
„Du..du musst nicht, es würde mich nur freuen und da ich…ich mich nicht auskenne, da-“
„AHHHHHH, natürlich gehe ich mit dir einkaufen.“ Quietschte sie freudig los. „Oh, du glaubst gar nicht, wie sehr mich das freut. Wir könnten in die Carnaby Street oder ins Westfield. Je nachdem, wie viel Geld du investieren möchtest, aber darüber können wir uns später noch Gedanken machen. Wann wolltest du los? Heute nach der Arbeit? Ich weiß gar nicht, was ich dir zuerst zeigen soll, es gibt ja soviele Möglichkeiten hier, um sich neu auszustatten.“ Ihre Augen funkelten und mit dem Finger tippte sie sich ans Kinn. Sie war offensichtlich noch nicht fertig mit reden, denn sofort öffnete sich ihr Mund erneut. Die Wörter flogen nur so hinaus.

Ohne einmal Luft zu holen erzählte sie mir von einigen ihrer kostbaren Errungenschaften, welche während ihres letzten Einkaufsbummels, wie sie es so schön bezeichnete, ergattern konnte. Es war herrlich sie dabei zu beobachten. Alice schien in eine andere Welt getaucht zu sein und mich persönlich machte es glücklich, jemanden gefunden zu haben, der in dieser Sache mit mir auf einer Wellenlänge zu sein schien.

Mit Leo war das immer anders. Klar, sie begleitete mich und war auch den neuesten Modetrends gegenüber nicht abgeneigt, aber sie verstand ansonsten rein gar nichts. Sie zog an, was ihr gefiel, ob es nun vom Stil, Schnitt oder Farbe her zusammen passte, spielte dabei keine Rolle. Und bei Bella, meiner Mum, war es sowieso hoffnungslos. Sie trug ständig nur Klamotten in gedeckteren Farben, wie schwarz, dunkelblau, braun oder ab und an auch mal grau, was aber eher eine Ausnahme darstellte. Eigentlich hatte ich sie noch nie mit einer weißen Bluse oder einem roten Shirt gesehen. Und wenn ich sie mal darauf ansprach, dann kam sie immer mit der Ausrede, dass ihr bunte Farben nicht stehen würden. Was ich allerdings für völligen quatsch hielt, da in dem Karton, den ich gefunden hatte, ein Foto versteckt war, dass das Gegenteil bewiesen hatte.

Auf der Rückseite dieser Fotografie stand: Abschlussball 1990. Darauf war sie mit meinem Dad zu sehen. Er hatte einen eleganten schwarzen Anzug getragen und sie ein grünes, bodenlanges, schmales Neckholderkleid. Beide sahen so traumhaft aus. Und erst die Blicke die sie sich zugeworfen hatten. Allein die Betrachtung dieses alten Fotos ließ die Magie zwischen den beiden sichtbar werden.

Was mich wieder einmal zu der Frage zurückführte, was passiert sein konnte, dass eine solche Liebe so plötzlich endete? Wobei sie ja nicht wirklich geendet hatte, denn Bellas Gefühle meinem Dad gegenüber schienen sich nie wirklich verändert zu haben.

Auch das war eines meiner Ziele…herauszufinden, auf welchen Tatsachen die Trennung basierte.

„Sollten die Damen nicht arbeiten, anstatt zu quatschen?“ Ich brauchte mich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer mich auf so schroffe Art und Weise aus den Gedanken gerissen hatte. Schon seine Tonlage verriet mir, welcher Laune Alice und ich ausgesetzt waren.
Genervt stöhnte ich auf, warf die Hände in die Luft und wandte mich ihm schließlich doch zu.

„Was meinst du, was wir hier tun, huh?“ Dabei zog ich eine Augenbraue in die Höhe und sah ihn herausfordernd an. Was dachte er, wer er war? Jeder normale Mann wusste doch, dass man keine Frauengespräche zu unterbrechen hatte, warum begriff er das nicht? Just in dem Moment, als ich zu Ende gesprochen hatte, entglitten ihm alle Gesichtszüge, was mir bewusst werden ließ, was ich da gerade von mir gegeben hatte. Und vor allem wem gegenüber. Augenblicklich schlug ich mir die Hände auf den Mund, stammelte immer wieder ein „Oh mein Gott“ vor mich hin und rannte panisch zurück in mein Büro.

Dort angekommen schlug ich die Tür hinter mir zu, presste meinen Rücken dagegen, nur um dann unsanft daran hinab zu gleiten und mit dem Arsch auf dem Boden zu landen. Meine Hände vergrub ich in meinen Haaren, legte den Kopf auf meinen Knien ab und kniff beide Augen fest zu.
Was hatte ich da gerade nur getan? Wie konnte ich so die Kontrolle über mich verlieren? Warum muss mir nur immer so etwas passieren? Hätte ich nicht einfach mal meine Klappe halten können?
Tausende Gedanken schossen durch meinen Kopf, welche Meinung er wohl nun von mir haben mochte und keine der vorgestellten war positiv.

„Oh Tony, du bist so am Arsch“, murmelte ich vor mich hin. Ja, ich war wirklich am Arsch. Womöglich ließ er Alice meine Kündigung schreiben, die sie mir dann gleich vorbei bringen würde.

Schwermütig stand ich von meinem Platz auf dem Boden wieder auf und ging mit hängenden Schultern zum Schreibtisch, wo ich den Laptop zuklappte, meine Sachen in die Tasche packte und mich dann von allem Neuen, was mein hätte sein können, verabschiedete.

Ein letztes Mal sah ich aus dem großen, wunderschönen Rundbogenfenster hinaus auf die verschneite Straße.
„Good bye, du wundervolles London. Die zwei Tage waren schön gewesen“ Tränen stiegen mir in die Augen, die meinen Blick verschleierten. Himmel ich wurde ja richtig pathetisch. Aber auch kein Wunder, wenn man die Chance hatte, seinen Vater kennenzulernen und diese gekonnt in den Sand setzte..

Ich legte meine Hand auf die Fensterscheibe und schrieb mit dem Finger das Wort DAD darauf. Meine Fantasie erzeugte in diesem Augenblick die schönsten Bilder. Bilder, die nie sein würden, weil es nicht mehr möglich war.

Ich sah mich wieder als ein kleines Mädchen, das auf dem Schulhof mit den anderen Kindern spielte.

Das Klingeln der Schulglocke sagte mir, dass es nicht mehr lange hin war, bis ich abgeholt werden würde. Vorfreudig schnappte ich mir meinen Rucksack, rannte quer durch das Schulgebäude, bis ich den Ausgang erreichte und die Tür schwungvoll nach außen hin aufstieß. Am Straßenrand stand der Wagen meiner Mutter, sie lehnte dagegen und wartete auf mich. Allerdings war sie nicht alleine, sondern mein Vater war an ihrer Seite, hielt ihre Hand und beide winkten mir schon von Weitem zu.

Diese schöne Vorstellung zauberte mir ein sehnsüchtiges Lächeln auf die Lippen. Eine Träne, die mir entwichen war, rollte über meine Wange zum Kinn und tropfte von da auf meine Bluse.

Nie würde ich das erleben können, da meine Kindheit der Vergangenheit angehörte und man die Zeit leider nicht mehr zurückdrehen konnte. Vielleicht sollte ich mich einmal hinsetzen und über eine Zeitmaschine nachdenken. Aber was würde es bringen? Ich hatte keine schlechte Kindheit. Mum war immer für mich da, meist mehr eine Freundin, statt eine Mutter. Doch wenn es notwendig war, konnte sie streng sein und ihre Aufgabe glanzvoll erfüllen.

Was sie wohl gerade tat? Schlafen…antwortete mein Unterbewusstsein. Natürlich, schließlich war es tiefste Nacht in Pasadena. Irgendwie vermisste ich mein Zuhause, meine Freunde und mein gewohntes, chaotisches Leben. Naja, jetzt könnte ich ja zurück und so tun, als sei ich nie weg gewesen. Andererseits, Mum würde es komisch vorkommen, mich so bald wieder zu sehen, nicht, dass sie sich nicht freuen würde, aber Erklärungen müssten dann her, die ich nicht hatte. Beziehungsweise, es würden weitere Lügen sein. Und ich wollte Mum nicht noch mehr belügen, als ich es ohnehin schon getan hatte. Gewiss wäre sie sehr enttäuscht von mir.
Auch wenn sie nicht hier war konnte ich mir genau vorstellen, wie sie mich ansehen würde. Ich kannte ihren Blick, der soviel Enttäuschung und Vorwürfe enthielt. Einmal schon hatte sie mich damit bedacht. Es war, als sie herausfand, dass ich keine Jungfrau mehr war. Ja genau, ich hatte bereits Erfahrung mit einem Jungen gemacht, um genau zu sein mit Jason. Wir waren zu Anfang ein Paar gewesen, stellten aber nach einiger Zeit fest, dass uns nur Freundschaft miteinander verband und keine Liebe. Und ich wollte Liebe. Und zwar die Art, welche meine Mutter und mein Dad zusammen hatten, bevor…

Ich konnte diese Form der Gedanken nicht weiterführen, denn das Geräusch einer ins Schloss gefallenen Tür ließ mich aufschrecken.

Blitzartig drehte ich mich um und blickte in tiefgrüne, warme Augen.
Die meinen wanderten über seine Gesichtszüge, die mir nahezu alle Emotionen erzählten, die er zu empfinden schien. Er sah so gequält und zugleich entschuldigend aus. Ich verstand nur nicht, wieso. Nicht er beging einen Fehler nach dem anderen, sondern ich war doch diejenige gewesen, die immer und immer wieder ins Fettnäpfchen getreten war.

Mit gerunzelter Stirn legte ich den Kopf schief und beobachtete seine Reaktionen, doch er stand einfach nur da, wie eine Marmorstatue. Die einzige Regung fand in seinen Augen statt, die soviel Gefühl ausstrahlten, dass ich weiterhin nichts anderes tun konnte, als ihn anzustarren. Was gäbe ich dafür, wenn er mich nur in seine Arme schließen würde. Wir ungezwungen Vater und Tochter sein könnten.

Wieder füllten sich meine Augen mit Tränen, das Schluchzen konnte ich gerade noch so unterdrücken, jedoch fiel es mir unsagbar schwer. Der Drang mich ihm einfach an den Hals zu werfen und mich an seine starke Vaterbrust zu kuscheln überkam mich. Ohne auf meine Kopfstimme zu hören, die mir stetig predigte… Reiß dich zusammen, Tony…rannte ich auf ihn zu, umklammerte seinen Körper mit meinen Armen und presste mich so fest an ihn, als wäre er mein Rettungsanker, der mich vor dem Ertrinken bewahren könnte. Zudem flossen nun meine Tränen wie ein Wasserfall und auch das Schluchzen verließ schlussendlich meinen Körper.

„Es tut mir leid“, murmelte ich leise. Dann bemerkte ich, wie er seine Hände vorsichtig an meinem Rücken ablegte und wohlig auf und ab strich. Tief atmete er ein und ich tat es ihm gleich. Sein Duft war so außergewöhnlich und half zusätzlich zu seiner Berührung, mich zu beruhigen. Es tat gut. Es tat so verdammt gut. Genau das war es, was ich brauchte und all die Jahre gewollt hatte. Ich hatte endlich meinen Vater bei mir, was er leider nicht wusste. Und trotzdem fühlte sich noch besser an, als in meinen Träumen.

Mittwoch, 24. März 2010

4. a little bit of drama

Stille.



Nichts war zu hören. Doch ich wusste, dass sie noch am Telefon war. Sicherlich war sie überrascht, sprachlos, wenn nicht gar geschockt. Mein Bein fing an unwillkürlich zu zucken, nervös fuhr ich mir durch die Haare, schluckte den Kloß hinunter, der sich aufs Neue in meiner Kehle gebildet hatte und suchte meine Stimme.



„Bella?“, kam es mir über die Lippen. Meine Stimme nahm einen ungewöhnlich weichen Klang an, den ich selbst nicht kannte. Und plötzlich tat sich was. Zuerst hörte ich nur ein Glucksen, was sich aber abrupt in ein hysterisches Lachen verwandelte. Ok, damit hatte selbst ich nicht gerechnet. Zu dem Lachen glaubte ich das Wort Halluzination heraus hören zu können. Sie glaubte es offenbar nicht, dass ich es war. Dachte sie wirklich, sie würde halluzinieren? Natürlich denkt sie das, du rufst nach 19 Jahren mal so mir nix dir nix bei ihr an….jeder würde so reagieren.

Ich wollte gerade zur Argumentation ansetzten und ihr versichern, dass sie nicht verrückt würde, doch da verstummte auch schon das Lachen wieder und stattdessen fauchte sie mit kühler, zorniger Stimme: „Wenn das ein Scherz sein soll, dann finde ich ihn nicht besonders witzig.“, Und das war es, was mir zeigte, wie sehr ich sie verletzt haben musste. Nie hatte ich einen derartigen Ton bei ihr gehört. Was war nur mit ihr passiert?



„Oh Bells, es tut mir so leid…“, flüsterte ich, doch meine Stimme brach. Krampfhaft hielt ich mir meine geballte Faust vor den Mund und war kurz davor hinein zu beißen. Innerlich verpasste ich mir einige Tritte, dass ich es gewagt hatte, nach so langer Zeit einfach das Telefon in die Hand zu nehmen und ihre Nummer zu wählen. Schließlich hatte ich keine Ahnung, wie sie auf mich reagieren würde. Wusste nicht wirklich, was mein fortgehen bei ihr ausgelöst hatte. Immer wieder drang ein gehauchtes „Nein“, an mein Ohr und ich konnte sie bildlich vor mir stehen sehen, wie sie mit vor Schock geweiteten Augen, kopfschüttelnd und womöglich ihre rechte Hand aufs Herz haltend sich anspannte. Ich wollte mich erklären und stetig entwich ihr Name meiner Kehle, als ich auf einmal ein lautes „merda“, vernahm. Zwar konnte ich kein Italienisch, doch dieses Wort war mir bekannt. Zuletzt schrie ich nur noch „Bella?“

Durch das Telefon hörte ich eine andere weibliche Stimme. „Bella…Momma, ich bin hier, bitte komm wieder zu dir.“, es war nur ein leises Schluchzen, allerdings wurde mir durch die Worte, die langsam in mein Gehirn sickerten, erneut der Boden unter den Füßen weggerissen.



Wie in Trance legte ich den Hörer zurück auf die Station. Es waren zwei Dinge, die mir durch den Kopf schossen und sich an meinen Gehirnwindungen festkrallten. Mein Anruf hatte Bella offenbar zu sehr geschockt. Sie schien ohnmächtig geworden zu sein.

Und Momma….hatte die andere Stimme gesagt. Gab es etwa doch noch ein Kind? Ein Kind mit einem anderen? War Maria womöglich doch nicht meine Tochter? Aber diese Ähnlichkeiten…

Stimmten Alice Recherchen vielleicht nicht. Waren diese unvollständig? Ich musste es herausfinden.



Ein Flug, ich brauchte einen verdammten Flug. Ob mein plötzlich so dringendes Bedürfnis sie zu sehen nun daher rührte, dass ich einfach neugierig war ... oder doch viel mehr davon kam, dass ich eine unglaubliche Sehnsucht nach ihr verspürte, seit ich ihre Stimme wieder gehört hatte, konnte ich nicht genau sagen. Aber das Gefühl, dass in mir aufkeimte, befahl mir regelrecht, mich in Bewegung zu setzen.



Und das tat ich. Mein Stuhl rollte nach hinten weg und knallte mit voller Wucht gegen die Wand, als ich aus diesem heraussprang. Ich rannte regelrecht zur Tür, die ich hastig aufstieß.

„Alice, buch mir sofort einen Flug nach Pa…“, rief ich, stoppte jedoch, als ich sie sah.

Maria ... Antonella. Sie stand nur wenige Meter entfernt und sie war…Bella. Bis auf die Augen und den Mund, war alles an ihr ... meine Bella. Nein, ich hatte mich nicht getäuscht, sie musste einfach meine Tochter sein. Mein Kind, welches hier bei mir in England war und um das ich mich nun zu kümmern hatte, auch wenn ich es nicht so tun könnte, wie ich es gerne wollte. Noch nicht!

Ich wollte etwas sagen, doch ihr Anblick fesselte mich derart, dass ich nicht ein Wort herausbrachte. So wie sie da stand und mich ansah, war sie ihrer Mutter so ähnlich. Man könnte sogar meinen, sie wäre Bellas Zwilling.



Wie könnte ich sie jetzt hier alleine lassen? So sehr ich mich auch danach sehnte, mich sofort in den nächsten Flieger nach Pasadena zu setzen, so konnte ich es doch nicht. Bella hatte es neunzehn Jahre ohne mich geschafft und war um sovieles stärker gewesen als ich. Hatte studiert und nebenbei unsere Tochter zu einer großartigen Person erzogen, soweit ich das bis jetzt beurteilen konnte. Und doch schaffte es alleine ein Anruf von mir, sie in die Ohnmacht zu treiben. Wie würde sie dann auf einen direkten Besuch reagieren? Es war ein regelrechter Zwiespalt, in dem ich steckte und sowohl mein Herz, als auch mein Verstand hatten beide keine Antwort für mich. Welche Entscheidung wäre die richtige?



Meine Überlegungen wurden unterbrochen, als mich irgendetwas berührte. Vor Schreck, da ich zu vertieft in meine Gedanken gewesen war, zuckte ich zusammen.

„Wie bitte?“, fragte ich und sah auf meine Hände, in denen sich auf einmal ein paar Akten befanden. Dann erinnerte ich mich, dass mir Alice immer kurz bevor sie ging, die bearbeiteten Akten brachte.

„Ähm ..ja danke, Ms. Brandon“, erst nachdem die Worte meinen Mund verlassen hatten, bemerkte ich, dass ich meine beste Freundin mit Nachnamen angesprochen hatte. Das tat ich sonst nie. Himmel, ich war wirklich völlig durch den Wind.



Plötzlich stand sie vor mir…Antonella…meine Tochter. Sie war so nah, dass ihr Duft mir wieder in die Nase stieg. Ich musste mich arg zusammenreißen, um nicht meine Augen zu schließen und diesen tief einzuatmen.

„Ja, Ms. Masen?“, war das einzige, was mir in diesem Moment einfiel. Ich wusste nicht, was ich hätte sagen sollen. Wie vor wenigen Stunden schon, wollte ich sie am liebsten fest an mich drücken und ihr zeigen, wie schön ich es fand, eine solch hübsche, intelligente Tochter zu haben.

Tief sah sie mir in die Augen. Die ihren sahen traurig aus und spiegelten offensichtlich die gleichen Gefühle wieder, die vermutlich auch in meinen zu sehen waren. Angst, Sehnsucht, Schmerz und Hilflosigkeit.

Angst davor, was noch alles auf mich zukommen würde. Sehnsucht nach Bella und Antonella, weil ich beide um mich wissen wollte. Schmerz, weil ich noch nicht offen zeigen konnte, was ich wusste und aufgrund der Tatsache, dass ich nicht bei meiner Bella sein konnte. Und die Hilflosigkeit bestand darin, dass ich keine Ahnung mehr hatte, was Richtig und was Falsch war.



Die Worte „Tut mir Leid“ konnte ich nur von ihren Lippen lesen, denn sie hauchte sie so leise, dass ich mich selbst, wenn ich gedanklich vollkommen anwesend gewesen wäre, hätte sehr konzentrieren müssen, um sie zu verstehen. Für was entschuldigte sie sich? Für die Ohrfeige oder für das Theater, dass sie versuchte zu spielen?



Mir dröhnte der Kopf. Meine komplette Gedankenwelt war durcheinander gewirbelt und ich brauchte Ruhe. Musste nachdenken, was meine nächsten Schritte sein sollten. Ohne ein Wort drehte ich mich um, schloss die Bürotür von innen und lief auf meinen Schreibtisch zu, wo ich die Akten ablegte. Dafür hatte ich heute wahrlich keine Nerven mehr. Stöhnend ließ ich mich in den Sessel fallen und fuhr mir durch die Haare. Wie konnte es sein, dass nur ein einziger Tag soviel verändern konnte? Aber was stellte ich mir ausgerechnet diese Frage? Ich kannte es doch nicht anders. Schließlich war es nicht das erste Mal. Wenn sich irgendetwas in meinem Leben ereignete, dann geschah dies immer Schlag auf Schlag, ohne Vorbereitung oder Andeutung.



Selbst der Tod meines Vaters kam überraschend. Manchmal gab ich mir dafür noch die Schuld, jedoch hatten mich die Ereignisse geprägt und um ehrlich zu sein, hasste ich ihn. Denn Edward Cullen Senior war ein verdammtes, tyrannisches Arschloch. Nicht nur, dass er meine Mutter in den Tod getrieben hatte, mit seinen Affären und kriminellen Geschäften, als ich noch ein Junge im zarten Alter von sieben Jahren war. Nein, auch er war es, der mir sprichwörtlich die Pistole auf die Brust gesetzt hatte, damit ich Bella verlasse.



Der Gedanke an das letzte Gespräch in Forks, bevor ich sie verlassen hatte, trieb mir die Übelkeit die Kehle hoch. Schnell verdrängte ich alles wieder. Wollte nicht mehr daran zurück denken. Wieso auch? Er war nun tot und somit auch aus meinem Leben. Er konnte weder mir, noch anderen mehr etwas anhaben. Doch seine Worte werde ich nie vergessen, die mich dazu gebracht hatten, SIE, meine ewige Liebe, zu verlassen. „Dein Leben gegen das ihre. Du hast die Wahl, mein Sohn.“


Ich hatte keine Wahl, nie! Entweder würde ich sie verlassen oder er würde ihr Leben beenden. So hatte ich es zumindest verstanden. Wie genau er das meinte, konnte ich bis heute nicht deuten, aber ich wollte auch nichts riskieren. Ihr Leben nicht riskieren. Mein Vater war ein skrupelloser Mann und zu allem fähig. Und den Grund weshalb er dies forderte, nannte er mir auch nie.


Das Bild, wie er vor mir lag, um die letzten Atemzüge ringend, hatte sich in mein Gedächtnis gebrannt. Doch zu einer Gefühlsregung diesbezüglich war ich weder damals noch heute fähig. Ja, mein Vater starb vor meinen Augen an einem Herzinfarkt, nach einer heftigen Auseinandersetzung mit mir und ich stand einfach nur daneben, blickte kühl auf ihn hinab, während er darum bettelte, dass ich doch einen Arzt rufen sollte. Ich war zur Salzsäure erstarrt und die einzigen Gedanken, die ich in dem Moment hegte, waren: Leide du Drecksack, leide so wie ich all die Jahre gelitten hatte!


Konnte man es mir verdenken? Schließlich hatte er mir zweimal das genommen, was ich über alles geliebt hatte.


Nachdem er vollends in sich zusammen gebrochen war, erwachte ich aus meiner Starre und rief den Notarzt. Natürlich war es da schon zu spät. Doch ich wollte diesem Kerl nicht noch nach seinem Tod die Genugtuung geben, mich einbuchten zu lassen, wegen unterlassener Hilfeleistung. Keiner konnte mir nachweisen, dass ich ihn nicht rechtzeitig gefunden hatte und zum Telefon griff.


Mittlerweile war es nach halb sieben und es wurde Zeit, den Weg nach Hause anzutreten. Dort wartete immerhin Tanya - meine kleine Prinzessin - auf mich, die ich seit langem mal wieder für zwei Wochen zu Besuch hatte. Für sie besorgte ich mir extra ein Au-Pair Mädchen aus Deutschland, dass sich ganz meiner Tochter widmen konnte, während ich arbeitete. Und wenn Tanya bei ihrer Mutter war, kümmerte sie sich hauptsächlich um meinen Haushalt.


Schnell packte ich meinen Aktenkoffer zusammen, zog mir mein Jackett wieder an, welches ich schon vor Stunden ausgezogen hatte und griff in einer der Taschen nach meinem Autoschlüssel. Dann verließ ich zügigen Schrittes mein Büro. In der Empfangshalle verabschiedete ich mich mit einem schlichten Kopfnicken von Jasper und lief dann die weißen Treppenstufen hinunter, bis zu meinem Wagen. Einem silbernen Mercedes F800 mit Flügeltüren und rotbraunen Lederbezügen. Eigentlich machte ich mir nichts aus materiellen Dingen, doch was dieses Baby anbelangte, war ich mehr als penibel. Mein Auto wurde jeden zweiten Tag gewaschen und poliert. Keiner außer mir durfte damit fahren.



Ich fuhr durch Londons Straßen, Richtung Chelsea, zu meinem Wohnsitz in der Kings Road. Von außen sah das Haus eher unscheinbar aus. Ein einfaches rotes Backsteingebäude, mit meterhohen weißen Fenstern, doch innen war es der pure Luxus. Ich hatte keinen müden Cent an der Inneneinrichtung gespart. Eigentlich war es das Geld meines Vaters, das ich mit vollen Händen ausgab, also interessierte es mich recht wenig. Ich gönnte mir italienischen Marmor für den Boden und echte persische Teppiche als Wanddekoration. Einen Kamin im Wohnzimmer, der als Mittelpunkt des ganzen Raumes diente und ebenfalls aus grauem Marmor erbaut wurde. Die Möbel ließ ich speziell aus einer der teuersten und härtesten Holzarten, dem Wüsteneisenholz, herstellen. Jedes Teil ein Einzelstück und genau aufeinander abgestimmt.



Kurz nach sieben Uhr parkte ich meinen Wagen vor dem Haus. Die Gegend hier war eine der wenigen, mit einer äußerst niedrigen Kriminalitätsrate, zudem besaß mein Flitzer eine Alarmanlage, sodass ich ihn ohne weiteres stehen lassen konnte. Und bisher war nie etwas passiert, was besorgniserregend hätte sein können.



Ich schnappte mir meinen Mantel und den Aktenkoffer vom Beifahrersitz und stieg aus dem Wagen, verharrte einen Moment in meiner Bewegung und blickte die Straße hinunter. Nur wenige Menschen waren noch unterwegs, was nicht ungewöhnlich war um diese Jahres- und Tageszeit. Alles wirkte so friedlich und der laue Novemberwind fegte durch die letzen vorhandenen Blätter, die noch an den Bäumen hafteten. Tief sog ich die frische, kühle Luft in meine Lungen, schloss meine Augen und genoss den Augenblick der Ruhe. Die letzten Stunden hatten sehr an meinen Kräften gezehrt und ich fühlte mich vollkommen ausgelaugt.



„Daddy, Daddy…endlich bist du zu Hause“, drang die Stimme von meiner kleinen Prinzessin an mein Ohr. Sofort öffnete ich meine Augen wieder und sah zur Haustür, wo mein kleines Mädchen stand – zappelig vor Aufregung, da ich nun endlich zu Hause war. Hinter ihr, Anne, das Au-Pair Mädchen, die Tanya an den Schultern zurück hielt, damit sie nicht ohne Jacke aus dem Haus rennen konnte, um mich stürmisch zu begrüßen. Beide hatten ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, welches ich erwiderte.

Je mehr ich mich den beiden näherte, umso aufgeregter wurde meine Tochter.


Nachdem ich die letzte Stufe der kleinen Steintreppe erklommen hatte, sprang sie mir auch schon in die Arme. Mantel und Tasche ließ ich auf der Stelle fallen und drückte meine kleine Prinzessin fest an mich. Während ich sie so umarmte, hob Anne meine Sachen auf und verstaute diese in der winzigen Kleiderkammer neben der Haustür.

Sie war eine hübsche Dreiundzwanzigjährige, mit braunen Naturwellen bis über die Schultern und grau-grünen Augen. Sie hatte ein wenig mehr auf den Hüften, was aber zu ihr passte. Und wenn sie nicht für mich arbeiten würde, dann wäre sie sicherlich eine, die ich mir gut in meinem Bett hätte vorstellen können. Doch ich hatte meine Prinzipien…fang niemals etwas mit Angestellten an. Und daran hielt ich mich auch.

Tanya noch immer in den Armen haltend ging ich ins Haus.

„Na, was hat meine Prinzessin heute alles getrieben?“, fragte ich interessiert, streichelte ihr sanft über ihr rotblondes, langes Haar und setzte sie dann ab, nahm aber eine ihrer kleinen Hände in meine und zusammen durchquerten wir die große Eingangshalle in Richtung Wohnzimmer. Meine Tochter fing sofort an fröhlich zu erzählen, wie sie ihren Tag verbracht hatte, welche Themen sie in der Schule durchnahmen und was der neueste Klatsch und Tratsch bei den elfjährigen Mädchen aus ihrer Klasse war. Es war etwas beängstigend, wie frühreif die meisten Klassenkameradinnen von ihr schon zu sein schienen. Das Thema Jungs stand bereits ganz oben auf deren Liste, umso beruhigender für mich, dass meine Kleine noch mit Barbies spielte und keinerlei Interesse am anderen Geschlecht aufzeigte.


Ich saß in meinem Sessel vor dem Kamin, meine Kleine auf meinem Schoß. Wir wärmten uns am knisternden Feuer und unterhielten uns, bis das Abendessen angerichtet wurde. Es war angenehm den kindlichen Erzählungen meiner Tochter zuzuhören, was die anderen Gedanken verdrängte. Es kam nicht oft vor, dass ich mit meiner Prinzessin Zeit verbringen konnte, also nutze ich jede Minute, die mir vergönnt war.


Die letzten Minuten verbrachten wir schweigend. Tanya kuschelte sich an meine Schulter und beide starrten wir in das Feuer und hingen unseren Gedanken nach.


„Dad?“, flüsterte mein kleines Mädchen.

„Ja, mein Spatz?“

„Mum hat heute angerufen. Sie will mich schon am Freitag wieder abholen.“, erschrocken über diese Sache blickte ich Tanya in ihre traurigen, blauen Augen. Wieso schon Freitag? Das war so nicht abgemacht. Ich wollte das Wochenende mit ihr verbringen, schließlich war das die Zeit, in der ich nicht arbeiten musste.

„Hat deine Mutter einen Grund genannt, wieso?“ Ärger schwang in meiner Stimme mit, aber meine Tochter wusste, dass er nicht gegen sie gerichtet war.

„Sie möchte mit mir in den Skiurlaub fliegen, nach Aspen“, ihr Schulterzucken sagte mir, dass sie nicht unbedingt Lust dazu hatte, was mir klar war, denn Tanya mochte den Winter genauso wenig wie ich. Sie war eher das Mädchen, das am Strand spielte und dort Sandburgen baute.

„Du willst da nicht mit, richtig?“, sie schüttelte mit dem Kopf und ein Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. „Soll ich deine Mum anrufen und sie fragen, ob du bei mir bleiben kannst?“, Tanyas Augen begannen zu funkeln „Ja, Dad, bitte! Ich hasse Schnee, außerdem ich kann nicht mal Skifahren.“, beantwortete sie meine Frage und verdrehte ihre wunderschönen Augen. Ich fing herzhaft an zu lachen und auch sie stimmte mit ein.


Der Anblick von ihr war schön, wie die kleinen Sommersprossen, die kaum zu sehen waren, sich zusammenzogen, wenn sie die Nase kräuselte und mit weit aufgerissenem Mund lachte. Es war ein unbeschwertes Lachen ohne Sorgen und Probleme. Obwohl das nicht ganz richtig war, denn immerhin hatte sie selbst Sorgen. Die Situation, stetig zwischen Cat und mir hin und her gereicht zu werden, belastete sie genauso, wie auch mich. Doch dies war die einzige Möglichkeit uns beiden nahe zu sein.


„Mr. Cullen, das Essen ist nun angerichtet.“, informierte uns Anne, die auf der Schwelle von Wohnzimmer und Esszimmer stand.

„Danke, Anne. Tanya geh schon mal vor, ich komme gleich.“, bat ich meine Tochter, die sofort aufsprang und mir noch einen Kuss auf die Wange aufdrückte, bevor sie mit Anne zum Essen ging.

Derweil zückte ich mein Handy und wählte Catherins Nummer. Nach nur wenigen Sekunden nahm sie ab.

„Edward?“

„Wieso hältst du dich nicht an unsere Absprachen?“, kam ich direkt zum Punkt, ohne Begrüßung.

„Sie ist meine Tochter und wenn ich mit ihr in den Urlaub fliegen will, dann tue ich das. Ich brauche dein Einverständnis nicht“, ihre Stimme war kühl und schneidend.

„Unsere Tochter.“, berichtigte ich ihre Worte „Und vielleicht brauchst du das meinige nicht, aber Tanya ist alt genug, um selbst entscheiden zu können. Sie möchte nicht nach Aspen, sondern bei mir bleiben.“, klärte ich sie auf, anscheinend waren ihr die Wünsche unseres Kindes egal.

„Ach hat sie das gesagt?“

„Natürlich, meinst du ich denke mir das aus? Hast du sie denn gefragt, ob sie das will? Offensichtlich nicht, sonst wüsstest du es.“, gab ich barsch zurück. Was war nur in diese Frau gefahren? Sie war doch sonst nicht so…so rücksichtslos.

„Gib sie mir, ich möchte das von ihr selbst hören.“, forderte sie, im Hintergrund konnte ich sie tippen hören. Wahrscheinlich schrieb sie an ihrem neuen Roman, denn Cat war Buchautorin. Bisher schrieb sie nur Kinderbücher, doch nun wollte sie sich an etwas Größeres heran wagen.

„Okay, warte einen Moment, sie ist gerade beim Essen.“, informierte ich sie und lief ins Esszimmer zu Anne und meiner Tochter.


„Tanya deine Mutter möchte mit dir sprechen“, sie sah mich überrascht an, als ich ihr das Telefon entgegen hielt. Sie nahm es und führte es zu ihrem Ohr.


„Mum?“, sie klang ein wenig ängstlich, was aber wohl daran lag, dass sie keinen von uns beiden enttäuschen wollte.

„Ja, möchte ich, bitte“, sagte sie nach wenigen Sekunden in den Hörer.

„Okay. Hab dich auch lieb.“, verabschiedete sie sich und gab mir mein Handy, mit einem Lächeln auf den Lippen, zurück. Ich nahm es entgegen und wusste, das Cat noch dran war.

„Catherine?“, fragte ich vorsichthalber nach.

„In Ordnung, Edward. Tanya kann bei dir bleiben, bis ich wieder aus dem Urlaub zurück bin. Passt dir das denn überhaupt?“, Ob mir das passte?

„Natürlich. Ich freue mich sehr darüber“, grinste ich und zwinkerte meiner Tochter zu, die mich erwartungsvoll ansah. Sofort wurde ihr Lächeln noch breiter. Mit einem Finger deutete ich auf den Tisch, damit sie weiter aß.


„Gut, dann hole ich sie in drei Wochen bei dir ab. Kümmer dich gut um meine Kleine. Bye“, Cat legte auf, noch ehe ich etwas erwidern konnte, aber mir sollte es recht sein. Froh darüber, dass ich mit meiner Prinzessin noch mehr Zeit verbringen durfte, steckte ich mein Handy zurück in die Hosentasche und setzte mich neben sie an den Tisch.



Während des Essens schmiedeten wir Pläne, was wir alles tun könnten an meinen freien Tagen. Zusammen mit Anne lachte ich ausgelassen und wir gaben uns wenige Momente den kindlichen Fantasien meiner Tochter hin. Die Zeit verging wie im Flug und als die große Standuhr neben der Tür zur Küche Neun schlug, verabschiedete ich mich von meiner Tochter, für die es nun Zeit zum schlafen war. Unser abendliches Ritual bestand darin, dass wir uns sagten, wie lieb wir uns hatten, unterstrichen dies mit Vergleichen wie: „Ich hab dich so lieb, wie es Sandkörner in der Wüste gibt.“ oder „So sehr lieb, wie Fische im Ozean leben“. Zuletzt gab es noch ein Eskimoküsschen und einen Kuss auf die Stirn. Dann ging Anne mit Tanya nach oben.



Emotional gespalten machte ich mich wieder auf ins Wohnzimmer. Lief zu dem großen Globus neben der dunklen Ledercouch, betrachtete einen Augenblick den Kontinent, welcher früher mal mein zu Hause gewesen war und öffnete dann die Weltkugel, die in ihrem Inneren eine kleine Bar beherbergte. Darin stand eine Karaffe mit Glenfiddich Whisky, die Flasche für knappe 17 000 Pfund, dazu die passenden Gläser. Ich goss mir eines davon halbvoll und setzte mich erneut in den Sessel vor den Kamin. Ich spielte mit dem teuren Whisky-Tumbler, ein rundes Glas mit verstärktem Boden aus Kristall, kurz in meiner Hand. Der Schein des Feuers brach sich darin und tausende von Farben blitzten in alle Richtungen auf. Dann nahm ich einen Schluck von dem riesigen Bouquet aus frisch gestochenem Torf, verbranntem Heidekraut, alten Büchern, Leder und Eichenholz. Einige Sekunden behielt ich diesen im Mund, ehe der gute Tropfen meine Kehle hinab rann. Der weiche und seidige Geschmack wickelte sich mit süßen Aromen, die an Karamellsirup, Crème Brulée und geröstete Mandeln erinnerten, um meine Zunge.

Ein Stöhnen entwich mir und mein Blick lag starr auf dem Feuer vor mir.



Meine Gedanken kehrten zu den vergangenen Ereignissen des Tages zurück und erneut keimte ein merkwürdiges Gefühl im Inneren meines Körpers auf. So langsam realisierte ich, was heute wirklich geschehen war. Nicht nur, dass mir nun gestattet wurde, mich zusätzliche zwei Wochen um Tanya zu kümmern, sondern ich bekam noch eine Tochter hinzu, die sich nicht als diese zu erkennen gab. Ein Kind von der Frau, die meine erste große Liebe war und bis heute noch tief in meinem Herzen verblieb. Die ich mich in meiner Euphorie nach so langer Zeit getraute anzurufen. Plötzlich drang das Gespräch mit Bella wieder zu mir durch und ich verkrampfte mich.


Was hatte ich ihr nur angetan? Hatte ich wirklich denken können, sie würde sich darüber freuen, wieder etwas von mir zu hören? Wie hätte ich wohl reagiert? Gerade als ich einen weiteren Schluck dieser braunen Köstlichkeit zu mir nehmen wollte, öffnete sich die Tür. Mit einem Blick über meine linke Schulter entdeckte ich Anne. Schüchtern stand sie nur wenige Meter hinter mir und musterte mich.


„Ihre Tochter schläft und wenn Sie nichts mehr brauchen, würde ich auch gerne zu Bett gehen.“, berichtete sie.

„Danke Anne. Nein ich benötige nichts, geh ruhig schlafen.“, meine Stimme war leise, man konnte die Erschöpfung buchstäblich daraus hören. Sie bewegte sich nicht und sah mich einfach nur mit ihren großen, schönen Augen an. Ich zog eine Braue in die Höhe und wartete, denn offensichtlich wollte sie noch etwas.

„Ist alles in Ordnung mit ihnen, Sir?“, fragte sie mich und ich konnte mir ein spöttisches Auflachen nicht verkneifen. Nichts war in Ordnung. Schließlich erfährt man nicht alle Tage, dass man schon seit achtzehn Jahren eine Tochter hat. Schnell trank ich einen Schluck und fuhr mir dann mit der rechten Hand durch die Haare.

„Darf ich dich was fragen, Anne?“

„Natürlich, Sir!“, war ihre prompte Antwort und sie kam auf mich zu. Sie stand nun neben mir und ich richtete meine Augen wieder auf das knisternde Feuer.

„Du bist noch so jung, aber warst du schon mal verliebt? Ich meine so wirklich?“ Keine Ahnung, warum ich gerade mit einem Mädchen, welches für mich arbeitete, darüber sprach, aber ich brauchte das jetzt einfach.

Anne überlegte kurz. „Sie meinen mit Schmetterlingen im Bauch, ständigen Gedanken, wie toll dieser Mensch doch ist, im Kopf und dem Wunsch, immer mit dieser Person zusammen zu sein? Alles mit ihr zu teilen und alles durchzustehen, egal ob gut oder schlecht?“ Sie hatte es auf den Punkt gebracht. So fühlte ich mich damals, wie auch heute. Heute noch mehr, da sie einen Weg zurück in mein Leben gefunden hatte. Zwar dachte ich oft an sie zurück, jedoch war es irgendwie anders. Ich lernte mit meiner Liebe zu ihr umzugehen. Doch nun da ich wusste, dass wir etwas Gemeinsames erschaffen hatten, etwas so schönes, liebliches und reales, konnte ich die Sehnsucht nach ihr ... nach einem uns nicht mehr unterdrücken.

„Nein Sir…“, sie stockte „…aber wenn dies einmal der Fall sein sollte, dann würde ich alles für diese Liebe geben, damit sie funktioniert.“ Zum Ende hin wurden ihre Worte immer leiser. Automatisch hielt ich den Atem an. Wieder traf sie den Nagel auf den Kopf mit ihrer Antwort und schmerzlich verzog ich mein Gesicht. Sie sah es.

„Was, wenn man alles versucht hat zu geben und es trotzdem nicht ausreichend war?“ Meine Augen füllten sich mit Tränen. Damit diese nicht entweichen konnten, schloss ich sie. Ich erwartete keine Antwort, denn wie konnte mir jemand unerfahrenes, wie sie, eine solche geben, wenn ich selbst keine hatte?

„Sir, ich denke es ist nie zu spät, um für seine Liebe zu kämpfen.“, unterbrach sie meine Gedanken. Von dieser Seite hatte ich es noch nie betrachtet. Wieso nicht? Mein Vater war nun schon sieben Jahre tot und trotzdem wagte ich mich danach nicht, sie aufzusuchen. Stattdessen ergab ich mich meinem Leid und dem Leben, welches ich mir aufgebaut hatte. Mussten erst eine bereits erwachsene Tochter und ein Au-Pair Mädchen kommen, um mich wach zu rütteln? Offensichtlich!

„Danke, Anne, du hast mir sehr geholfen.“, entgegnete ich und lächelte sie an.

„Wenn das dann alles war, Sir…“

„Ja, du kannst gehen. Aber zuvor…sei so nett und nenn mich doch Edward. Sir klingt so…so spießig.“

Ihre Augen hatte sie weit aufgerissen, Erstaunen lag auf ihrem süßen Gesicht, doch dann nickte sie und schritt auf die Tür zu. Ehe sie jedoch den Raum verließ, wandte sie sich noch mal an mich. „Gute Nacht, Edward“

„Gute Nacht, Anne“, erwiderte ich. Dann verschwand sie.


Den letzten Schluck aus dem Tumbler trinkend ließ ich mir ihre Worte noch einmal durch den Kopf gehen…Es ist nie zu spät, um für seine Liebe zu kämpfen…dabei merkte ich nicht, wie mir langsam die Augen zufielen und ich einschlief.



Als sich meine Lider öffneten, war ich nicht mehr in meinem Haus in Chelsea, sondern ich stand auf den Klippen von La Pusch und vor mir stand sie…meine Bella. Doch sie war keine siebzehn mehr. Sie sah erwachsener aus. Die Haare länger, ihr Körper war noch zierlich und doch um vieles fraulicher. Bella stand mit dem Rücken zu mir vorne auf dem Felsen, die Arme weit ausgebreitet, das Gesicht nach oben gen Himmel gestreckt und hatte die Augen geschlossen. Allerdings war da kein Lächeln, sondern die Spuren von unzähligen Tränen zeichneten sich auf ihrem wunderschönen Gesicht ab. Eine halbe Ewigkeit stand ich so da und beobachtete sie. Der Wind wehte durch ihre Haare und das schwarze Kleid, welches sie trug. Ich vermutete, dass es Sommer war, ehe ich bemerkte, dass sie zitterte und sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper gebildet hatte. Sie fror.

Erschrocken blickte ich an mir hinunter. Ich sah noch genauso aus, wie heute früh als ich zur Arbeit ging und diese auch wieder verließ. Allerdings spürte ich weder Wärme, noch Kälte.

Aus dem Augenwinkel konnte ich eine Bewegung erhaschen. Sofort sah ich zu Bella, die sich immer weiter nach vorn bewegte. Panik machte sich in mir breit. Ich wollte sie zurückhalten, doch ich konnte mich nicht bewegen. Es kam mir vor, als wenn mein Körper aus Stein wäre und dieser sich mit den Klippen unter mir verbunden hätte. Da ich mich nicht rühren konnte, fing ich an zu schreien. Schrie ihren Namen, aber auch das war vergeblich. Sie hörte mich nicht. Doch dann stoppte sie am Rande des Felsens. Ihr Kopf senkte sich und ich nahm an, dass sie nun auf das Wasser, die Wellen hinunter blickte. Mittlerweile bebte ihr Körper vor Kälte und nicht nur das. Sie weinte.

„Warum hast du mich nur verlassen?“, drang die geschluchzte Frage in meine Ohren. Sofort schrie ich ihr meine Antwort entgegen. „Ich wollte es nicht. Es war zu deinem Besten. Bella ich liebe dich doch.“

Keine Reaktion.

„Irgendwann werden wir wieder vereint sein, mein Liebster.“, waren ihre letzten Worte, dann machte sie noch einen Schritt und fiel.

„NEEEIIIN! ICH BIN HIER, BELLA. HIER BEI DIR!“, aber es war zu spät.



Noch immer ihren Namen schreiend wachte ich aus diesem Alptraum auf. Mein Herz und mein Puls rasten um die Wette. Meine Atmung war so schnell, dass ich kurz davor stand zu hyperventilieren. Plötzlich fuhr mir der Schmerz durch meine linke Hand. Sofort machten sich meine Augen auf die Suche nach der Quelle dieses Gefühls. Starr sah ich auf die Blutüberlaufene Stelle und erkannte, dass ich das Glas, welches sich darin befand, zerdrückt hatte und die Splitter sich noch immer in meine zusammen gekrampfte Hand pressten. Augenblicklich lockerte ich sie, was gar nicht so einfach war, denn Taubheit breitete sich aus und ich hatte Mühe, die restlichen Scherben heraus zu ziehen. Schnell machte ich mich auf den Weg ins Bad, spülte meine Wunden mit kaltem Wasser aus, band vorsichtig ein Handtuch darum und schluckte zwei Tylenol, die ich dem Medinzinschrank entnahm.

Dem Blick in den Spiegel wich ich aus. Auch ohne hinein zu schauen wusste ich, wie furchtbar ich aussehen musste.


Völlig fertig mit den Nerven ging ich nach oben in mein Schlafzimmer, zog mich bis auf die Boxershorts aus. Die Sachen ließ ich einfach neben dem Bett fallen und legte mich auf die weiche Matratze und hoffte, dass ich durch die Wirkung der Schmerzmittel, wieder zügig einschlafen konnte. Doch weit gefehlt. Die Angst, diesen Alptraum ein weiteres Mal zu träumen, hielt meinen Verstand wach. Obwohl ich spüren konnte, dass mein Körper seine Ruhe wollte, verspotteten mich meine Gedanken.

Diesen ergeben kroch ich aus meinem Bett und lief in meinen begehbaren Kleiderschrank. Dort fiel mein Blick auf einen kleinen Karton direkt unter der Sockenschublade. Im ersten Moment zögerte ich, doch dann stürzte ich mich regelrecht auf ihn. Zitternd öffnete ich ihn. Obenauf lag ein kleines Portrait-Foto von Bella. Dies hatte sie mir einige Wochen vor meinem Weggang aus Forks geschenkt. Als Erinnerung, wenn ich auf dem College einsam wäre. Es waren mindestens zehn Minuten, die ich es anstarrte. Dann legte ich es beiseite und schon kam das nächste Foto zum Vorschein. Das Bild zeigte uns zusammen im Veela an ihrem siebzehnten Geburtstag. Beide hatten wir so komische kleine Partyhütchen auf, Luftschlangen und Konfetti in den Haaren. Es war der letzte Tag, an dem wir so ausgelassen und unbeschwert miteinander umgingen. Ihr Dad hatte dieses Foto von uns gemacht und mich nach fast zwei Jahren Beziehung mit Bella in der Familie willkommen geheißen. Damals war es das tollste und schönste für mich und ich wollte weder sie noch ihn enttäuschen.

Ein weiteres Bild zeigte den Strand von La Push, wir zusammen an einem Lagerfeuer, mit meinem Cousin Emmett und dessen damaliger Freundin, mit der er zu Besuch bei uns war. Es war eine unserer üblichen Strandpartys. Nach und nach betrachtete ich mir alle Fotos, die ich aufbewahrt hatte und am Boden des Kartons kam ein Stapel Briefe zum Vorschein. Briefe die ich geschrieben, jedoch nie abgeschickt hatte. Zeilen, mit denen ich versuchte mein Fortgehen zu erklären und mit jedem zweiten Satz beteuerte, wie sehr ich sie doch liebte. Erneut bahnte sich die salzige Flüssigkeit einen Weg aus meinen Augen, über meine Wange. Die Tränen tropften auf das bereits vergilbte Papier und verwischten die schwarze Tinte.

Wieder kam mir mein Traum in den Sinn. Ich musste wissen, was nach meinem Anruf vom späten Nachmittag passiert war. Musste mich beruhigen und absichern, dass es ihr gut ging. Nach einem Blick auf den Radiowecker, auf meinem Nachttisch, sah ich, dass es fast ein Uhr nachts war. In meiner Hose kramte ich nach meinem Handy und setzte mich, als ich es in der Hand hielt, auf die Bettkante. Die Nummer hatte ich bereits nach einem Mal wählen im Kopf und würde sie auch so schnell nicht mehr vergessen. Eilig tippte ich die Ziffern ein und drückte dann den grünen Knopf.

„Bei Swan“, erklang eine weibliche Stimme nach viermaligen Klingeln. Ich wollte etwas sagen, doch meine Kehle war wie zugeschnürt. Es war nicht Bella, sondern jemand anderes und ich musste mich zwingen, die Zähne auseinander zu bekommen und meinen Worten, die sich in meinem Kopf formten, eine Stimme zu verleihen.

„Hallo, wer ist denn dran?“, kam die Frage, die ich heute schon einmal gehört hatte. Tief sog ich die Luft ein, hielt sie einen Moment in meinen Lungen, nur um sie wieder kräftig auszustoßen.

„Ha…hallo…ist Bella zu sprechen?“, fragte ich stotternd.

„Nein, tut mir leid, aber Bella schläft. Kann ich ihr etwas ausrichten, Mister…?“, es war klar, dass sie meinen Namen wissen wollte. Aber das Mädchen würde wohl kaum was damit anfangen können. So dachte ich zumindest.

„Cullen! Edward Cullen.“, sagte ich und wollte noch etwas hinzufügen, als ich hörte, wie die Person am anderen Ende erschrocken nach Luft schnappte und so etwas flüsterte wie: „Santa Madre di dio…ich wusste sie würde auffliegen…ragazza stupida“, bei dem Satz, den sie in englisch murmelte, wurde ich hellhörig.



„Wer würde auffliegen?“, fragte ich nach.

„Was geht Sie das an? Es hat Sie neunzehn Jahre nicht interessiert. Also, was wollen Sie von Bella?“ Jetzt war es an mir, nach Luft zu schnappen. Diese Person bei Bella kannte mich und anscheinend auch die Geschichte dazu. Was sollte ich denn jetzt sagen? Ich entschloss mich für die Wahrheit.

„Ich wollte nachfragen, wie es ihr geht. Sie schien meinen ersten Anruf nicht ga…“

„SIE WAREN DAS? CRETINO STUPIDO, BASTARDO“, schrie sie mich an. Es war klar, dass die letzten Worte Beleidigungen waren, die sie mir durchs Telefon entgegen spuckte.

„Was ist mit ihr? Bitte, ich muss das wissen.“, flehte ich und war bereits wieder den Tränen nahe. Ungeduldig wartete ich auf eine Antwort, vernahm aber nur ein wütendes Schnauben und weitere gemurmelte Flüche in Italienisch.

„Bitte, sagen Sie mir, ob es ihr gut geht.“, bat ich erneut. Meine Stimme war brüchig und kaum zu verstehen. Dies hatte auch meine Gesprächspartnerin bemerkt, denn sie seufzte ergeben.

„Na gut. Sie ist ohnmächtig geworden und als sie wieder zu sich gekommen ist, brach sie in Tränen aus und hat sich gar nicht mehr beruhigt und immer nur gefragt: „Warum?“. Dann habe ich den Arzt gerufen und der hat ihr eine Beruhigungsspritze verpasst und seitdem schläft sie.“, berichtete sie mir.

Das was sie mir erzählte, traf mich wie ein Schlag in den Magen. Der Schmerz begann sich augenblicklich durch meinen Körper zu fressen und mir war, als hörte ich mein Herz erneut in tausende kleine Stücke zerspringen. Schon wieder hatte ich die Frau, die ich so abgöttisch liebte, verletzt. Diesmal, weil ich nicht nachdachte, ehe ich gehandelt hatte. Die Tränen, die sich in meinen Augen gesammelt hatten, entwichen und rannen nun wie die Niagarafälle meine Wangen hinunter. Viele würden dies wohl als unmännlich bezeichnen, aber das war mir egal, ich war alleine, niemand konnte mich sehen, nur hören und ich vermied es, auch nur einen Laut von mir zu geben.



„Sind Sie noch dran?“, fragte mich die weibliche Person nach einiger Zeit. Hart schluckte ich den Kloß, der sich in meinem Hals gebildet hatte, hinunter und antwortete mit einem schlichten, flüsterndem „Ja.“.

„Geht es Ihnen denn gut?“, machte sie sich jetzt etwa um mich Sorgen? Obwohl mir absolut nicht danach war, konnte ich es nicht verhindern, dass mein rechter Mundwinkel sich ein wenig nach oben zog. Es rührte mich, dass sich jemand um mich sorgte, der mich nur aus offensichtlich negativen Erzählungen her kannte.

„Ja, es war heute nur etwas viel. Darf ich denn fragen, wer Sie sind und wie Sie zu Bella stehen?“ So beschissen ich mich auch fühlte, aber ich brauchte ein paar Antworten und ich hatte irgendwie die Eingebung, dass sie mir diese geben könnte.

„Ich bin Leo. Leonida Liliana Montebello, die beste Freundin von Tony und Bella.“, stellte sie sich mir vor. Bei dem Männernamen stockte mir erneut der Atem, aber es war keine Zeit, um darüber nachzudenken.

„Tony? Ist…ist das Bellas…?“

„Lebensgefährte?“, unterbrach sie mich.

Ich nickte, sagte „Ja“, als mir einfiel, dass sie mich ja nicht sehen konnte. Plötzlich fing sie an zu lachen, laut zu lachen.

„Was ist denn so lustig?“, irgendwie fühlte ich mich überfordert und idiotisch.

„To…Tony…ist…ist kein Kerl“, brachte sie zwischen ihren Lachern heraus und da machte es Klick. Sie meinte Antonella. Tony war also ihr Spitzname. Ein echtes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, als ich an sie dachte, wie sie sich mir vorgestellt hatte und all die Parallelen zu ihrer Mutter und mir.

Mit einem Mal verstummte das Lachen und Stille kehrte ein.

„Merda! Sie wissen es, deshalb haben Sie auch Bella heute angerufen. Questa ragazza stupida“, es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Leonida war wirklich intelligent und schien mehr zu wissen, als ich dachte.

„Ja, aber Antonella weiß nicht, dass ich es weiß. Ich möchte, dass sie es mir selbst sagt, verstehen Sie?“, sagte ich. „Bitte, wenn Sie mit ihr Kontakt haben, sagen Sie es ihr nicht. Und scheinbar…“

„Sind Sie noch ganz dicht?“, unterbrach sie mich ein weiteres Mal. „Nachdem was mit Bella passiert ist, werde ich einen Teufel tun und irgendjemanden etwas sagen. Was allerdings nicht bedeutet, dass ich diese ganze Schmierenkomödie für Gut heiße“, fügte sie hinzu. Ja sie hatte wahrlich Temperament und schien sich sehr um meine Bella zu sorgen.



Wir redeten noch eine Weile miteinander, sie erzählte mir einiges aus ihrem Leben mit Bella und meiner Tochter. Im Gegenzug klärte ich sie über die damaligen Umstände auf, ließ dabei jedoch die Drohung meines Vaters weg und andere Kleinigkeiten, die nichts mit den beiden zu tun hatten.



„Lassen Sie Tony ruhig noch ein wenig zappeln, sie hat es verdient.“, sagte sie kichernd.

„Es wird schwer, aber ich versuche es. Gute Nacht, Leonida und danke!“, verabschiedete ich mich.

„Ich hoffe wir kriegen das hin. Buona notte, il padre della mia miglior' amica“, waren ihre letzten Worte bevor sie auflegte.


Mein Wecker zeigte mir, dass es bereits halb vier in der Früh war. Wir hatten vollkommen die Zeit vergessen, aber nach dem Gespräch mit ihr fühlte ich mich ein wenig besser. Kaum, dass ich mich hingelegt hatte, fielen mir auch schon die Augen zu und ich in einen tiefen traumlosen Schlaf.