Hallo, das ist der Blog von meiner Fanfiktion "Family Affairs"

Ok eigentlich weiß ich nicht wirklich, was ich hier schreiben soll, aber wir machen das jetzt mal ganz easy.

Disclaimer: Also die Figuren gehören Stephanie Meyer, bis auf die, die ich erfunden oder aus der realen Welt, in meine Story, involviert habe.

Ein genaues Genre kann ich nicht angeben, da wirklich alles darin vereint ist. Wir hätten Liebe, Drama und sogar ein bisschen Humor.

So dann sag ich mal....Have Fun...beim lesen *gg*

Mittwoch, 24. März 2010

4. a little bit of drama

Stille.



Nichts war zu hören. Doch ich wusste, dass sie noch am Telefon war. Sicherlich war sie überrascht, sprachlos, wenn nicht gar geschockt. Mein Bein fing an unwillkürlich zu zucken, nervös fuhr ich mir durch die Haare, schluckte den Kloß hinunter, der sich aufs Neue in meiner Kehle gebildet hatte und suchte meine Stimme.



„Bella?“, kam es mir über die Lippen. Meine Stimme nahm einen ungewöhnlich weichen Klang an, den ich selbst nicht kannte. Und plötzlich tat sich was. Zuerst hörte ich nur ein Glucksen, was sich aber abrupt in ein hysterisches Lachen verwandelte. Ok, damit hatte selbst ich nicht gerechnet. Zu dem Lachen glaubte ich das Wort Halluzination heraus hören zu können. Sie glaubte es offenbar nicht, dass ich es war. Dachte sie wirklich, sie würde halluzinieren? Natürlich denkt sie das, du rufst nach 19 Jahren mal so mir nix dir nix bei ihr an….jeder würde so reagieren.

Ich wollte gerade zur Argumentation ansetzten und ihr versichern, dass sie nicht verrückt würde, doch da verstummte auch schon das Lachen wieder und stattdessen fauchte sie mit kühler, zorniger Stimme: „Wenn das ein Scherz sein soll, dann finde ich ihn nicht besonders witzig.“, Und das war es, was mir zeigte, wie sehr ich sie verletzt haben musste. Nie hatte ich einen derartigen Ton bei ihr gehört. Was war nur mit ihr passiert?



„Oh Bells, es tut mir so leid…“, flüsterte ich, doch meine Stimme brach. Krampfhaft hielt ich mir meine geballte Faust vor den Mund und war kurz davor hinein zu beißen. Innerlich verpasste ich mir einige Tritte, dass ich es gewagt hatte, nach so langer Zeit einfach das Telefon in die Hand zu nehmen und ihre Nummer zu wählen. Schließlich hatte ich keine Ahnung, wie sie auf mich reagieren würde. Wusste nicht wirklich, was mein fortgehen bei ihr ausgelöst hatte. Immer wieder drang ein gehauchtes „Nein“, an mein Ohr und ich konnte sie bildlich vor mir stehen sehen, wie sie mit vor Schock geweiteten Augen, kopfschüttelnd und womöglich ihre rechte Hand aufs Herz haltend sich anspannte. Ich wollte mich erklären und stetig entwich ihr Name meiner Kehle, als ich auf einmal ein lautes „merda“, vernahm. Zwar konnte ich kein Italienisch, doch dieses Wort war mir bekannt. Zuletzt schrie ich nur noch „Bella?“

Durch das Telefon hörte ich eine andere weibliche Stimme. „Bella…Momma, ich bin hier, bitte komm wieder zu dir.“, es war nur ein leises Schluchzen, allerdings wurde mir durch die Worte, die langsam in mein Gehirn sickerten, erneut der Boden unter den Füßen weggerissen.



Wie in Trance legte ich den Hörer zurück auf die Station. Es waren zwei Dinge, die mir durch den Kopf schossen und sich an meinen Gehirnwindungen festkrallten. Mein Anruf hatte Bella offenbar zu sehr geschockt. Sie schien ohnmächtig geworden zu sein.

Und Momma….hatte die andere Stimme gesagt. Gab es etwa doch noch ein Kind? Ein Kind mit einem anderen? War Maria womöglich doch nicht meine Tochter? Aber diese Ähnlichkeiten…

Stimmten Alice Recherchen vielleicht nicht. Waren diese unvollständig? Ich musste es herausfinden.



Ein Flug, ich brauchte einen verdammten Flug. Ob mein plötzlich so dringendes Bedürfnis sie zu sehen nun daher rührte, dass ich einfach neugierig war ... oder doch viel mehr davon kam, dass ich eine unglaubliche Sehnsucht nach ihr verspürte, seit ich ihre Stimme wieder gehört hatte, konnte ich nicht genau sagen. Aber das Gefühl, dass in mir aufkeimte, befahl mir regelrecht, mich in Bewegung zu setzen.



Und das tat ich. Mein Stuhl rollte nach hinten weg und knallte mit voller Wucht gegen die Wand, als ich aus diesem heraussprang. Ich rannte regelrecht zur Tür, die ich hastig aufstieß.

„Alice, buch mir sofort einen Flug nach Pa…“, rief ich, stoppte jedoch, als ich sie sah.

Maria ... Antonella. Sie stand nur wenige Meter entfernt und sie war…Bella. Bis auf die Augen und den Mund, war alles an ihr ... meine Bella. Nein, ich hatte mich nicht getäuscht, sie musste einfach meine Tochter sein. Mein Kind, welches hier bei mir in England war und um das ich mich nun zu kümmern hatte, auch wenn ich es nicht so tun könnte, wie ich es gerne wollte. Noch nicht!

Ich wollte etwas sagen, doch ihr Anblick fesselte mich derart, dass ich nicht ein Wort herausbrachte. So wie sie da stand und mich ansah, war sie ihrer Mutter so ähnlich. Man könnte sogar meinen, sie wäre Bellas Zwilling.



Wie könnte ich sie jetzt hier alleine lassen? So sehr ich mich auch danach sehnte, mich sofort in den nächsten Flieger nach Pasadena zu setzen, so konnte ich es doch nicht. Bella hatte es neunzehn Jahre ohne mich geschafft und war um sovieles stärker gewesen als ich. Hatte studiert und nebenbei unsere Tochter zu einer großartigen Person erzogen, soweit ich das bis jetzt beurteilen konnte. Und doch schaffte es alleine ein Anruf von mir, sie in die Ohnmacht zu treiben. Wie würde sie dann auf einen direkten Besuch reagieren? Es war ein regelrechter Zwiespalt, in dem ich steckte und sowohl mein Herz, als auch mein Verstand hatten beide keine Antwort für mich. Welche Entscheidung wäre die richtige?



Meine Überlegungen wurden unterbrochen, als mich irgendetwas berührte. Vor Schreck, da ich zu vertieft in meine Gedanken gewesen war, zuckte ich zusammen.

„Wie bitte?“, fragte ich und sah auf meine Hände, in denen sich auf einmal ein paar Akten befanden. Dann erinnerte ich mich, dass mir Alice immer kurz bevor sie ging, die bearbeiteten Akten brachte.

„Ähm ..ja danke, Ms. Brandon“, erst nachdem die Worte meinen Mund verlassen hatten, bemerkte ich, dass ich meine beste Freundin mit Nachnamen angesprochen hatte. Das tat ich sonst nie. Himmel, ich war wirklich völlig durch den Wind.



Plötzlich stand sie vor mir…Antonella…meine Tochter. Sie war so nah, dass ihr Duft mir wieder in die Nase stieg. Ich musste mich arg zusammenreißen, um nicht meine Augen zu schließen und diesen tief einzuatmen.

„Ja, Ms. Masen?“, war das einzige, was mir in diesem Moment einfiel. Ich wusste nicht, was ich hätte sagen sollen. Wie vor wenigen Stunden schon, wollte ich sie am liebsten fest an mich drücken und ihr zeigen, wie schön ich es fand, eine solch hübsche, intelligente Tochter zu haben.

Tief sah sie mir in die Augen. Die ihren sahen traurig aus und spiegelten offensichtlich die gleichen Gefühle wieder, die vermutlich auch in meinen zu sehen waren. Angst, Sehnsucht, Schmerz und Hilflosigkeit.

Angst davor, was noch alles auf mich zukommen würde. Sehnsucht nach Bella und Antonella, weil ich beide um mich wissen wollte. Schmerz, weil ich noch nicht offen zeigen konnte, was ich wusste und aufgrund der Tatsache, dass ich nicht bei meiner Bella sein konnte. Und die Hilflosigkeit bestand darin, dass ich keine Ahnung mehr hatte, was Richtig und was Falsch war.



Die Worte „Tut mir Leid“ konnte ich nur von ihren Lippen lesen, denn sie hauchte sie so leise, dass ich mich selbst, wenn ich gedanklich vollkommen anwesend gewesen wäre, hätte sehr konzentrieren müssen, um sie zu verstehen. Für was entschuldigte sie sich? Für die Ohrfeige oder für das Theater, dass sie versuchte zu spielen?



Mir dröhnte der Kopf. Meine komplette Gedankenwelt war durcheinander gewirbelt und ich brauchte Ruhe. Musste nachdenken, was meine nächsten Schritte sein sollten. Ohne ein Wort drehte ich mich um, schloss die Bürotür von innen und lief auf meinen Schreibtisch zu, wo ich die Akten ablegte. Dafür hatte ich heute wahrlich keine Nerven mehr. Stöhnend ließ ich mich in den Sessel fallen und fuhr mir durch die Haare. Wie konnte es sein, dass nur ein einziger Tag soviel verändern konnte? Aber was stellte ich mir ausgerechnet diese Frage? Ich kannte es doch nicht anders. Schließlich war es nicht das erste Mal. Wenn sich irgendetwas in meinem Leben ereignete, dann geschah dies immer Schlag auf Schlag, ohne Vorbereitung oder Andeutung.



Selbst der Tod meines Vaters kam überraschend. Manchmal gab ich mir dafür noch die Schuld, jedoch hatten mich die Ereignisse geprägt und um ehrlich zu sein, hasste ich ihn. Denn Edward Cullen Senior war ein verdammtes, tyrannisches Arschloch. Nicht nur, dass er meine Mutter in den Tod getrieben hatte, mit seinen Affären und kriminellen Geschäften, als ich noch ein Junge im zarten Alter von sieben Jahren war. Nein, auch er war es, der mir sprichwörtlich die Pistole auf die Brust gesetzt hatte, damit ich Bella verlasse.



Der Gedanke an das letzte Gespräch in Forks, bevor ich sie verlassen hatte, trieb mir die Übelkeit die Kehle hoch. Schnell verdrängte ich alles wieder. Wollte nicht mehr daran zurück denken. Wieso auch? Er war nun tot und somit auch aus meinem Leben. Er konnte weder mir, noch anderen mehr etwas anhaben. Doch seine Worte werde ich nie vergessen, die mich dazu gebracht hatten, SIE, meine ewige Liebe, zu verlassen. „Dein Leben gegen das ihre. Du hast die Wahl, mein Sohn.“


Ich hatte keine Wahl, nie! Entweder würde ich sie verlassen oder er würde ihr Leben beenden. So hatte ich es zumindest verstanden. Wie genau er das meinte, konnte ich bis heute nicht deuten, aber ich wollte auch nichts riskieren. Ihr Leben nicht riskieren. Mein Vater war ein skrupelloser Mann und zu allem fähig. Und den Grund weshalb er dies forderte, nannte er mir auch nie.


Das Bild, wie er vor mir lag, um die letzten Atemzüge ringend, hatte sich in mein Gedächtnis gebrannt. Doch zu einer Gefühlsregung diesbezüglich war ich weder damals noch heute fähig. Ja, mein Vater starb vor meinen Augen an einem Herzinfarkt, nach einer heftigen Auseinandersetzung mit mir und ich stand einfach nur daneben, blickte kühl auf ihn hinab, während er darum bettelte, dass ich doch einen Arzt rufen sollte. Ich war zur Salzsäure erstarrt und die einzigen Gedanken, die ich in dem Moment hegte, waren: Leide du Drecksack, leide so wie ich all die Jahre gelitten hatte!


Konnte man es mir verdenken? Schließlich hatte er mir zweimal das genommen, was ich über alles geliebt hatte.


Nachdem er vollends in sich zusammen gebrochen war, erwachte ich aus meiner Starre und rief den Notarzt. Natürlich war es da schon zu spät. Doch ich wollte diesem Kerl nicht noch nach seinem Tod die Genugtuung geben, mich einbuchten zu lassen, wegen unterlassener Hilfeleistung. Keiner konnte mir nachweisen, dass ich ihn nicht rechtzeitig gefunden hatte und zum Telefon griff.


Mittlerweile war es nach halb sieben und es wurde Zeit, den Weg nach Hause anzutreten. Dort wartete immerhin Tanya - meine kleine Prinzessin - auf mich, die ich seit langem mal wieder für zwei Wochen zu Besuch hatte. Für sie besorgte ich mir extra ein Au-Pair Mädchen aus Deutschland, dass sich ganz meiner Tochter widmen konnte, während ich arbeitete. Und wenn Tanya bei ihrer Mutter war, kümmerte sie sich hauptsächlich um meinen Haushalt.


Schnell packte ich meinen Aktenkoffer zusammen, zog mir mein Jackett wieder an, welches ich schon vor Stunden ausgezogen hatte und griff in einer der Taschen nach meinem Autoschlüssel. Dann verließ ich zügigen Schrittes mein Büro. In der Empfangshalle verabschiedete ich mich mit einem schlichten Kopfnicken von Jasper und lief dann die weißen Treppenstufen hinunter, bis zu meinem Wagen. Einem silbernen Mercedes F800 mit Flügeltüren und rotbraunen Lederbezügen. Eigentlich machte ich mir nichts aus materiellen Dingen, doch was dieses Baby anbelangte, war ich mehr als penibel. Mein Auto wurde jeden zweiten Tag gewaschen und poliert. Keiner außer mir durfte damit fahren.



Ich fuhr durch Londons Straßen, Richtung Chelsea, zu meinem Wohnsitz in der Kings Road. Von außen sah das Haus eher unscheinbar aus. Ein einfaches rotes Backsteingebäude, mit meterhohen weißen Fenstern, doch innen war es der pure Luxus. Ich hatte keinen müden Cent an der Inneneinrichtung gespart. Eigentlich war es das Geld meines Vaters, das ich mit vollen Händen ausgab, also interessierte es mich recht wenig. Ich gönnte mir italienischen Marmor für den Boden und echte persische Teppiche als Wanddekoration. Einen Kamin im Wohnzimmer, der als Mittelpunkt des ganzen Raumes diente und ebenfalls aus grauem Marmor erbaut wurde. Die Möbel ließ ich speziell aus einer der teuersten und härtesten Holzarten, dem Wüsteneisenholz, herstellen. Jedes Teil ein Einzelstück und genau aufeinander abgestimmt.



Kurz nach sieben Uhr parkte ich meinen Wagen vor dem Haus. Die Gegend hier war eine der wenigen, mit einer äußerst niedrigen Kriminalitätsrate, zudem besaß mein Flitzer eine Alarmanlage, sodass ich ihn ohne weiteres stehen lassen konnte. Und bisher war nie etwas passiert, was besorgniserregend hätte sein können.



Ich schnappte mir meinen Mantel und den Aktenkoffer vom Beifahrersitz und stieg aus dem Wagen, verharrte einen Moment in meiner Bewegung und blickte die Straße hinunter. Nur wenige Menschen waren noch unterwegs, was nicht ungewöhnlich war um diese Jahres- und Tageszeit. Alles wirkte so friedlich und der laue Novemberwind fegte durch die letzen vorhandenen Blätter, die noch an den Bäumen hafteten. Tief sog ich die frische, kühle Luft in meine Lungen, schloss meine Augen und genoss den Augenblick der Ruhe. Die letzten Stunden hatten sehr an meinen Kräften gezehrt und ich fühlte mich vollkommen ausgelaugt.



„Daddy, Daddy…endlich bist du zu Hause“, drang die Stimme von meiner kleinen Prinzessin an mein Ohr. Sofort öffnete ich meine Augen wieder und sah zur Haustür, wo mein kleines Mädchen stand – zappelig vor Aufregung, da ich nun endlich zu Hause war. Hinter ihr, Anne, das Au-Pair Mädchen, die Tanya an den Schultern zurück hielt, damit sie nicht ohne Jacke aus dem Haus rennen konnte, um mich stürmisch zu begrüßen. Beide hatten ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, welches ich erwiderte.

Je mehr ich mich den beiden näherte, umso aufgeregter wurde meine Tochter.


Nachdem ich die letzte Stufe der kleinen Steintreppe erklommen hatte, sprang sie mir auch schon in die Arme. Mantel und Tasche ließ ich auf der Stelle fallen und drückte meine kleine Prinzessin fest an mich. Während ich sie so umarmte, hob Anne meine Sachen auf und verstaute diese in der winzigen Kleiderkammer neben der Haustür.

Sie war eine hübsche Dreiundzwanzigjährige, mit braunen Naturwellen bis über die Schultern und grau-grünen Augen. Sie hatte ein wenig mehr auf den Hüften, was aber zu ihr passte. Und wenn sie nicht für mich arbeiten würde, dann wäre sie sicherlich eine, die ich mir gut in meinem Bett hätte vorstellen können. Doch ich hatte meine Prinzipien…fang niemals etwas mit Angestellten an. Und daran hielt ich mich auch.

Tanya noch immer in den Armen haltend ging ich ins Haus.

„Na, was hat meine Prinzessin heute alles getrieben?“, fragte ich interessiert, streichelte ihr sanft über ihr rotblondes, langes Haar und setzte sie dann ab, nahm aber eine ihrer kleinen Hände in meine und zusammen durchquerten wir die große Eingangshalle in Richtung Wohnzimmer. Meine Tochter fing sofort an fröhlich zu erzählen, wie sie ihren Tag verbracht hatte, welche Themen sie in der Schule durchnahmen und was der neueste Klatsch und Tratsch bei den elfjährigen Mädchen aus ihrer Klasse war. Es war etwas beängstigend, wie frühreif die meisten Klassenkameradinnen von ihr schon zu sein schienen. Das Thema Jungs stand bereits ganz oben auf deren Liste, umso beruhigender für mich, dass meine Kleine noch mit Barbies spielte und keinerlei Interesse am anderen Geschlecht aufzeigte.


Ich saß in meinem Sessel vor dem Kamin, meine Kleine auf meinem Schoß. Wir wärmten uns am knisternden Feuer und unterhielten uns, bis das Abendessen angerichtet wurde. Es war angenehm den kindlichen Erzählungen meiner Tochter zuzuhören, was die anderen Gedanken verdrängte. Es kam nicht oft vor, dass ich mit meiner Prinzessin Zeit verbringen konnte, also nutze ich jede Minute, die mir vergönnt war.


Die letzten Minuten verbrachten wir schweigend. Tanya kuschelte sich an meine Schulter und beide starrten wir in das Feuer und hingen unseren Gedanken nach.


„Dad?“, flüsterte mein kleines Mädchen.

„Ja, mein Spatz?“

„Mum hat heute angerufen. Sie will mich schon am Freitag wieder abholen.“, erschrocken über diese Sache blickte ich Tanya in ihre traurigen, blauen Augen. Wieso schon Freitag? Das war so nicht abgemacht. Ich wollte das Wochenende mit ihr verbringen, schließlich war das die Zeit, in der ich nicht arbeiten musste.

„Hat deine Mutter einen Grund genannt, wieso?“ Ärger schwang in meiner Stimme mit, aber meine Tochter wusste, dass er nicht gegen sie gerichtet war.

„Sie möchte mit mir in den Skiurlaub fliegen, nach Aspen“, ihr Schulterzucken sagte mir, dass sie nicht unbedingt Lust dazu hatte, was mir klar war, denn Tanya mochte den Winter genauso wenig wie ich. Sie war eher das Mädchen, das am Strand spielte und dort Sandburgen baute.

„Du willst da nicht mit, richtig?“, sie schüttelte mit dem Kopf und ein Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. „Soll ich deine Mum anrufen und sie fragen, ob du bei mir bleiben kannst?“, Tanyas Augen begannen zu funkeln „Ja, Dad, bitte! Ich hasse Schnee, außerdem ich kann nicht mal Skifahren.“, beantwortete sie meine Frage und verdrehte ihre wunderschönen Augen. Ich fing herzhaft an zu lachen und auch sie stimmte mit ein.


Der Anblick von ihr war schön, wie die kleinen Sommersprossen, die kaum zu sehen waren, sich zusammenzogen, wenn sie die Nase kräuselte und mit weit aufgerissenem Mund lachte. Es war ein unbeschwertes Lachen ohne Sorgen und Probleme. Obwohl das nicht ganz richtig war, denn immerhin hatte sie selbst Sorgen. Die Situation, stetig zwischen Cat und mir hin und her gereicht zu werden, belastete sie genauso, wie auch mich. Doch dies war die einzige Möglichkeit uns beiden nahe zu sein.


„Mr. Cullen, das Essen ist nun angerichtet.“, informierte uns Anne, die auf der Schwelle von Wohnzimmer und Esszimmer stand.

„Danke, Anne. Tanya geh schon mal vor, ich komme gleich.“, bat ich meine Tochter, die sofort aufsprang und mir noch einen Kuss auf die Wange aufdrückte, bevor sie mit Anne zum Essen ging.

Derweil zückte ich mein Handy und wählte Catherins Nummer. Nach nur wenigen Sekunden nahm sie ab.

„Edward?“

„Wieso hältst du dich nicht an unsere Absprachen?“, kam ich direkt zum Punkt, ohne Begrüßung.

„Sie ist meine Tochter und wenn ich mit ihr in den Urlaub fliegen will, dann tue ich das. Ich brauche dein Einverständnis nicht“, ihre Stimme war kühl und schneidend.

„Unsere Tochter.“, berichtigte ich ihre Worte „Und vielleicht brauchst du das meinige nicht, aber Tanya ist alt genug, um selbst entscheiden zu können. Sie möchte nicht nach Aspen, sondern bei mir bleiben.“, klärte ich sie auf, anscheinend waren ihr die Wünsche unseres Kindes egal.

„Ach hat sie das gesagt?“

„Natürlich, meinst du ich denke mir das aus? Hast du sie denn gefragt, ob sie das will? Offensichtlich nicht, sonst wüsstest du es.“, gab ich barsch zurück. Was war nur in diese Frau gefahren? Sie war doch sonst nicht so…so rücksichtslos.

„Gib sie mir, ich möchte das von ihr selbst hören.“, forderte sie, im Hintergrund konnte ich sie tippen hören. Wahrscheinlich schrieb sie an ihrem neuen Roman, denn Cat war Buchautorin. Bisher schrieb sie nur Kinderbücher, doch nun wollte sie sich an etwas Größeres heran wagen.

„Okay, warte einen Moment, sie ist gerade beim Essen.“, informierte ich sie und lief ins Esszimmer zu Anne und meiner Tochter.


„Tanya deine Mutter möchte mit dir sprechen“, sie sah mich überrascht an, als ich ihr das Telefon entgegen hielt. Sie nahm es und führte es zu ihrem Ohr.


„Mum?“, sie klang ein wenig ängstlich, was aber wohl daran lag, dass sie keinen von uns beiden enttäuschen wollte.

„Ja, möchte ich, bitte“, sagte sie nach wenigen Sekunden in den Hörer.

„Okay. Hab dich auch lieb.“, verabschiedete sie sich und gab mir mein Handy, mit einem Lächeln auf den Lippen, zurück. Ich nahm es entgegen und wusste, das Cat noch dran war.

„Catherine?“, fragte ich vorsichthalber nach.

„In Ordnung, Edward. Tanya kann bei dir bleiben, bis ich wieder aus dem Urlaub zurück bin. Passt dir das denn überhaupt?“, Ob mir das passte?

„Natürlich. Ich freue mich sehr darüber“, grinste ich und zwinkerte meiner Tochter zu, die mich erwartungsvoll ansah. Sofort wurde ihr Lächeln noch breiter. Mit einem Finger deutete ich auf den Tisch, damit sie weiter aß.


„Gut, dann hole ich sie in drei Wochen bei dir ab. Kümmer dich gut um meine Kleine. Bye“, Cat legte auf, noch ehe ich etwas erwidern konnte, aber mir sollte es recht sein. Froh darüber, dass ich mit meiner Prinzessin noch mehr Zeit verbringen durfte, steckte ich mein Handy zurück in die Hosentasche und setzte mich neben sie an den Tisch.



Während des Essens schmiedeten wir Pläne, was wir alles tun könnten an meinen freien Tagen. Zusammen mit Anne lachte ich ausgelassen und wir gaben uns wenige Momente den kindlichen Fantasien meiner Tochter hin. Die Zeit verging wie im Flug und als die große Standuhr neben der Tür zur Küche Neun schlug, verabschiedete ich mich von meiner Tochter, für die es nun Zeit zum schlafen war. Unser abendliches Ritual bestand darin, dass wir uns sagten, wie lieb wir uns hatten, unterstrichen dies mit Vergleichen wie: „Ich hab dich so lieb, wie es Sandkörner in der Wüste gibt.“ oder „So sehr lieb, wie Fische im Ozean leben“. Zuletzt gab es noch ein Eskimoküsschen und einen Kuss auf die Stirn. Dann ging Anne mit Tanya nach oben.



Emotional gespalten machte ich mich wieder auf ins Wohnzimmer. Lief zu dem großen Globus neben der dunklen Ledercouch, betrachtete einen Augenblick den Kontinent, welcher früher mal mein zu Hause gewesen war und öffnete dann die Weltkugel, die in ihrem Inneren eine kleine Bar beherbergte. Darin stand eine Karaffe mit Glenfiddich Whisky, die Flasche für knappe 17 000 Pfund, dazu die passenden Gläser. Ich goss mir eines davon halbvoll und setzte mich erneut in den Sessel vor den Kamin. Ich spielte mit dem teuren Whisky-Tumbler, ein rundes Glas mit verstärktem Boden aus Kristall, kurz in meiner Hand. Der Schein des Feuers brach sich darin und tausende von Farben blitzten in alle Richtungen auf. Dann nahm ich einen Schluck von dem riesigen Bouquet aus frisch gestochenem Torf, verbranntem Heidekraut, alten Büchern, Leder und Eichenholz. Einige Sekunden behielt ich diesen im Mund, ehe der gute Tropfen meine Kehle hinab rann. Der weiche und seidige Geschmack wickelte sich mit süßen Aromen, die an Karamellsirup, Crème Brulée und geröstete Mandeln erinnerten, um meine Zunge.

Ein Stöhnen entwich mir und mein Blick lag starr auf dem Feuer vor mir.



Meine Gedanken kehrten zu den vergangenen Ereignissen des Tages zurück und erneut keimte ein merkwürdiges Gefühl im Inneren meines Körpers auf. So langsam realisierte ich, was heute wirklich geschehen war. Nicht nur, dass mir nun gestattet wurde, mich zusätzliche zwei Wochen um Tanya zu kümmern, sondern ich bekam noch eine Tochter hinzu, die sich nicht als diese zu erkennen gab. Ein Kind von der Frau, die meine erste große Liebe war und bis heute noch tief in meinem Herzen verblieb. Die ich mich in meiner Euphorie nach so langer Zeit getraute anzurufen. Plötzlich drang das Gespräch mit Bella wieder zu mir durch und ich verkrampfte mich.


Was hatte ich ihr nur angetan? Hatte ich wirklich denken können, sie würde sich darüber freuen, wieder etwas von mir zu hören? Wie hätte ich wohl reagiert? Gerade als ich einen weiteren Schluck dieser braunen Köstlichkeit zu mir nehmen wollte, öffnete sich die Tür. Mit einem Blick über meine linke Schulter entdeckte ich Anne. Schüchtern stand sie nur wenige Meter hinter mir und musterte mich.


„Ihre Tochter schläft und wenn Sie nichts mehr brauchen, würde ich auch gerne zu Bett gehen.“, berichtete sie.

„Danke Anne. Nein ich benötige nichts, geh ruhig schlafen.“, meine Stimme war leise, man konnte die Erschöpfung buchstäblich daraus hören. Sie bewegte sich nicht und sah mich einfach nur mit ihren großen, schönen Augen an. Ich zog eine Braue in die Höhe und wartete, denn offensichtlich wollte sie noch etwas.

„Ist alles in Ordnung mit ihnen, Sir?“, fragte sie mich und ich konnte mir ein spöttisches Auflachen nicht verkneifen. Nichts war in Ordnung. Schließlich erfährt man nicht alle Tage, dass man schon seit achtzehn Jahren eine Tochter hat. Schnell trank ich einen Schluck und fuhr mir dann mit der rechten Hand durch die Haare.

„Darf ich dich was fragen, Anne?“

„Natürlich, Sir!“, war ihre prompte Antwort und sie kam auf mich zu. Sie stand nun neben mir und ich richtete meine Augen wieder auf das knisternde Feuer.

„Du bist noch so jung, aber warst du schon mal verliebt? Ich meine so wirklich?“ Keine Ahnung, warum ich gerade mit einem Mädchen, welches für mich arbeitete, darüber sprach, aber ich brauchte das jetzt einfach.

Anne überlegte kurz. „Sie meinen mit Schmetterlingen im Bauch, ständigen Gedanken, wie toll dieser Mensch doch ist, im Kopf und dem Wunsch, immer mit dieser Person zusammen zu sein? Alles mit ihr zu teilen und alles durchzustehen, egal ob gut oder schlecht?“ Sie hatte es auf den Punkt gebracht. So fühlte ich mich damals, wie auch heute. Heute noch mehr, da sie einen Weg zurück in mein Leben gefunden hatte. Zwar dachte ich oft an sie zurück, jedoch war es irgendwie anders. Ich lernte mit meiner Liebe zu ihr umzugehen. Doch nun da ich wusste, dass wir etwas Gemeinsames erschaffen hatten, etwas so schönes, liebliches und reales, konnte ich die Sehnsucht nach ihr ... nach einem uns nicht mehr unterdrücken.

„Nein Sir…“, sie stockte „…aber wenn dies einmal der Fall sein sollte, dann würde ich alles für diese Liebe geben, damit sie funktioniert.“ Zum Ende hin wurden ihre Worte immer leiser. Automatisch hielt ich den Atem an. Wieder traf sie den Nagel auf den Kopf mit ihrer Antwort und schmerzlich verzog ich mein Gesicht. Sie sah es.

„Was, wenn man alles versucht hat zu geben und es trotzdem nicht ausreichend war?“ Meine Augen füllten sich mit Tränen. Damit diese nicht entweichen konnten, schloss ich sie. Ich erwartete keine Antwort, denn wie konnte mir jemand unerfahrenes, wie sie, eine solche geben, wenn ich selbst keine hatte?

„Sir, ich denke es ist nie zu spät, um für seine Liebe zu kämpfen.“, unterbrach sie meine Gedanken. Von dieser Seite hatte ich es noch nie betrachtet. Wieso nicht? Mein Vater war nun schon sieben Jahre tot und trotzdem wagte ich mich danach nicht, sie aufzusuchen. Stattdessen ergab ich mich meinem Leid und dem Leben, welches ich mir aufgebaut hatte. Mussten erst eine bereits erwachsene Tochter und ein Au-Pair Mädchen kommen, um mich wach zu rütteln? Offensichtlich!

„Danke, Anne, du hast mir sehr geholfen.“, entgegnete ich und lächelte sie an.

„Wenn das dann alles war, Sir…“

„Ja, du kannst gehen. Aber zuvor…sei so nett und nenn mich doch Edward. Sir klingt so…so spießig.“

Ihre Augen hatte sie weit aufgerissen, Erstaunen lag auf ihrem süßen Gesicht, doch dann nickte sie und schritt auf die Tür zu. Ehe sie jedoch den Raum verließ, wandte sie sich noch mal an mich. „Gute Nacht, Edward“

„Gute Nacht, Anne“, erwiderte ich. Dann verschwand sie.


Den letzten Schluck aus dem Tumbler trinkend ließ ich mir ihre Worte noch einmal durch den Kopf gehen…Es ist nie zu spät, um für seine Liebe zu kämpfen…dabei merkte ich nicht, wie mir langsam die Augen zufielen und ich einschlief.



Als sich meine Lider öffneten, war ich nicht mehr in meinem Haus in Chelsea, sondern ich stand auf den Klippen von La Pusch und vor mir stand sie…meine Bella. Doch sie war keine siebzehn mehr. Sie sah erwachsener aus. Die Haare länger, ihr Körper war noch zierlich und doch um vieles fraulicher. Bella stand mit dem Rücken zu mir vorne auf dem Felsen, die Arme weit ausgebreitet, das Gesicht nach oben gen Himmel gestreckt und hatte die Augen geschlossen. Allerdings war da kein Lächeln, sondern die Spuren von unzähligen Tränen zeichneten sich auf ihrem wunderschönen Gesicht ab. Eine halbe Ewigkeit stand ich so da und beobachtete sie. Der Wind wehte durch ihre Haare und das schwarze Kleid, welches sie trug. Ich vermutete, dass es Sommer war, ehe ich bemerkte, dass sie zitterte und sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper gebildet hatte. Sie fror.

Erschrocken blickte ich an mir hinunter. Ich sah noch genauso aus, wie heute früh als ich zur Arbeit ging und diese auch wieder verließ. Allerdings spürte ich weder Wärme, noch Kälte.

Aus dem Augenwinkel konnte ich eine Bewegung erhaschen. Sofort sah ich zu Bella, die sich immer weiter nach vorn bewegte. Panik machte sich in mir breit. Ich wollte sie zurückhalten, doch ich konnte mich nicht bewegen. Es kam mir vor, als wenn mein Körper aus Stein wäre und dieser sich mit den Klippen unter mir verbunden hätte. Da ich mich nicht rühren konnte, fing ich an zu schreien. Schrie ihren Namen, aber auch das war vergeblich. Sie hörte mich nicht. Doch dann stoppte sie am Rande des Felsens. Ihr Kopf senkte sich und ich nahm an, dass sie nun auf das Wasser, die Wellen hinunter blickte. Mittlerweile bebte ihr Körper vor Kälte und nicht nur das. Sie weinte.

„Warum hast du mich nur verlassen?“, drang die geschluchzte Frage in meine Ohren. Sofort schrie ich ihr meine Antwort entgegen. „Ich wollte es nicht. Es war zu deinem Besten. Bella ich liebe dich doch.“

Keine Reaktion.

„Irgendwann werden wir wieder vereint sein, mein Liebster.“, waren ihre letzten Worte, dann machte sie noch einen Schritt und fiel.

„NEEEIIIN! ICH BIN HIER, BELLA. HIER BEI DIR!“, aber es war zu spät.



Noch immer ihren Namen schreiend wachte ich aus diesem Alptraum auf. Mein Herz und mein Puls rasten um die Wette. Meine Atmung war so schnell, dass ich kurz davor stand zu hyperventilieren. Plötzlich fuhr mir der Schmerz durch meine linke Hand. Sofort machten sich meine Augen auf die Suche nach der Quelle dieses Gefühls. Starr sah ich auf die Blutüberlaufene Stelle und erkannte, dass ich das Glas, welches sich darin befand, zerdrückt hatte und die Splitter sich noch immer in meine zusammen gekrampfte Hand pressten. Augenblicklich lockerte ich sie, was gar nicht so einfach war, denn Taubheit breitete sich aus und ich hatte Mühe, die restlichen Scherben heraus zu ziehen. Schnell machte ich mich auf den Weg ins Bad, spülte meine Wunden mit kaltem Wasser aus, band vorsichtig ein Handtuch darum und schluckte zwei Tylenol, die ich dem Medinzinschrank entnahm.

Dem Blick in den Spiegel wich ich aus. Auch ohne hinein zu schauen wusste ich, wie furchtbar ich aussehen musste.


Völlig fertig mit den Nerven ging ich nach oben in mein Schlafzimmer, zog mich bis auf die Boxershorts aus. Die Sachen ließ ich einfach neben dem Bett fallen und legte mich auf die weiche Matratze und hoffte, dass ich durch die Wirkung der Schmerzmittel, wieder zügig einschlafen konnte. Doch weit gefehlt. Die Angst, diesen Alptraum ein weiteres Mal zu träumen, hielt meinen Verstand wach. Obwohl ich spüren konnte, dass mein Körper seine Ruhe wollte, verspotteten mich meine Gedanken.

Diesen ergeben kroch ich aus meinem Bett und lief in meinen begehbaren Kleiderschrank. Dort fiel mein Blick auf einen kleinen Karton direkt unter der Sockenschublade. Im ersten Moment zögerte ich, doch dann stürzte ich mich regelrecht auf ihn. Zitternd öffnete ich ihn. Obenauf lag ein kleines Portrait-Foto von Bella. Dies hatte sie mir einige Wochen vor meinem Weggang aus Forks geschenkt. Als Erinnerung, wenn ich auf dem College einsam wäre. Es waren mindestens zehn Minuten, die ich es anstarrte. Dann legte ich es beiseite und schon kam das nächste Foto zum Vorschein. Das Bild zeigte uns zusammen im Veela an ihrem siebzehnten Geburtstag. Beide hatten wir so komische kleine Partyhütchen auf, Luftschlangen und Konfetti in den Haaren. Es war der letzte Tag, an dem wir so ausgelassen und unbeschwert miteinander umgingen. Ihr Dad hatte dieses Foto von uns gemacht und mich nach fast zwei Jahren Beziehung mit Bella in der Familie willkommen geheißen. Damals war es das tollste und schönste für mich und ich wollte weder sie noch ihn enttäuschen.

Ein weiteres Bild zeigte den Strand von La Push, wir zusammen an einem Lagerfeuer, mit meinem Cousin Emmett und dessen damaliger Freundin, mit der er zu Besuch bei uns war. Es war eine unserer üblichen Strandpartys. Nach und nach betrachtete ich mir alle Fotos, die ich aufbewahrt hatte und am Boden des Kartons kam ein Stapel Briefe zum Vorschein. Briefe die ich geschrieben, jedoch nie abgeschickt hatte. Zeilen, mit denen ich versuchte mein Fortgehen zu erklären und mit jedem zweiten Satz beteuerte, wie sehr ich sie doch liebte. Erneut bahnte sich die salzige Flüssigkeit einen Weg aus meinen Augen, über meine Wange. Die Tränen tropften auf das bereits vergilbte Papier und verwischten die schwarze Tinte.

Wieder kam mir mein Traum in den Sinn. Ich musste wissen, was nach meinem Anruf vom späten Nachmittag passiert war. Musste mich beruhigen und absichern, dass es ihr gut ging. Nach einem Blick auf den Radiowecker, auf meinem Nachttisch, sah ich, dass es fast ein Uhr nachts war. In meiner Hose kramte ich nach meinem Handy und setzte mich, als ich es in der Hand hielt, auf die Bettkante. Die Nummer hatte ich bereits nach einem Mal wählen im Kopf und würde sie auch so schnell nicht mehr vergessen. Eilig tippte ich die Ziffern ein und drückte dann den grünen Knopf.

„Bei Swan“, erklang eine weibliche Stimme nach viermaligen Klingeln. Ich wollte etwas sagen, doch meine Kehle war wie zugeschnürt. Es war nicht Bella, sondern jemand anderes und ich musste mich zwingen, die Zähne auseinander zu bekommen und meinen Worten, die sich in meinem Kopf formten, eine Stimme zu verleihen.

„Hallo, wer ist denn dran?“, kam die Frage, die ich heute schon einmal gehört hatte. Tief sog ich die Luft ein, hielt sie einen Moment in meinen Lungen, nur um sie wieder kräftig auszustoßen.

„Ha…hallo…ist Bella zu sprechen?“, fragte ich stotternd.

„Nein, tut mir leid, aber Bella schläft. Kann ich ihr etwas ausrichten, Mister…?“, es war klar, dass sie meinen Namen wissen wollte. Aber das Mädchen würde wohl kaum was damit anfangen können. So dachte ich zumindest.

„Cullen! Edward Cullen.“, sagte ich und wollte noch etwas hinzufügen, als ich hörte, wie die Person am anderen Ende erschrocken nach Luft schnappte und so etwas flüsterte wie: „Santa Madre di dio…ich wusste sie würde auffliegen…ragazza stupida“, bei dem Satz, den sie in englisch murmelte, wurde ich hellhörig.



„Wer würde auffliegen?“, fragte ich nach.

„Was geht Sie das an? Es hat Sie neunzehn Jahre nicht interessiert. Also, was wollen Sie von Bella?“ Jetzt war es an mir, nach Luft zu schnappen. Diese Person bei Bella kannte mich und anscheinend auch die Geschichte dazu. Was sollte ich denn jetzt sagen? Ich entschloss mich für die Wahrheit.

„Ich wollte nachfragen, wie es ihr geht. Sie schien meinen ersten Anruf nicht ga…“

„SIE WAREN DAS? CRETINO STUPIDO, BASTARDO“, schrie sie mich an. Es war klar, dass die letzten Worte Beleidigungen waren, die sie mir durchs Telefon entgegen spuckte.

„Was ist mit ihr? Bitte, ich muss das wissen.“, flehte ich und war bereits wieder den Tränen nahe. Ungeduldig wartete ich auf eine Antwort, vernahm aber nur ein wütendes Schnauben und weitere gemurmelte Flüche in Italienisch.

„Bitte, sagen Sie mir, ob es ihr gut geht.“, bat ich erneut. Meine Stimme war brüchig und kaum zu verstehen. Dies hatte auch meine Gesprächspartnerin bemerkt, denn sie seufzte ergeben.

„Na gut. Sie ist ohnmächtig geworden und als sie wieder zu sich gekommen ist, brach sie in Tränen aus und hat sich gar nicht mehr beruhigt und immer nur gefragt: „Warum?“. Dann habe ich den Arzt gerufen und der hat ihr eine Beruhigungsspritze verpasst und seitdem schläft sie.“, berichtete sie mir.

Das was sie mir erzählte, traf mich wie ein Schlag in den Magen. Der Schmerz begann sich augenblicklich durch meinen Körper zu fressen und mir war, als hörte ich mein Herz erneut in tausende kleine Stücke zerspringen. Schon wieder hatte ich die Frau, die ich so abgöttisch liebte, verletzt. Diesmal, weil ich nicht nachdachte, ehe ich gehandelt hatte. Die Tränen, die sich in meinen Augen gesammelt hatten, entwichen und rannen nun wie die Niagarafälle meine Wangen hinunter. Viele würden dies wohl als unmännlich bezeichnen, aber das war mir egal, ich war alleine, niemand konnte mich sehen, nur hören und ich vermied es, auch nur einen Laut von mir zu geben.



„Sind Sie noch dran?“, fragte mich die weibliche Person nach einiger Zeit. Hart schluckte ich den Kloß, der sich in meinem Hals gebildet hatte, hinunter und antwortete mit einem schlichten, flüsterndem „Ja.“.

„Geht es Ihnen denn gut?“, machte sie sich jetzt etwa um mich Sorgen? Obwohl mir absolut nicht danach war, konnte ich es nicht verhindern, dass mein rechter Mundwinkel sich ein wenig nach oben zog. Es rührte mich, dass sich jemand um mich sorgte, der mich nur aus offensichtlich negativen Erzählungen her kannte.

„Ja, es war heute nur etwas viel. Darf ich denn fragen, wer Sie sind und wie Sie zu Bella stehen?“ So beschissen ich mich auch fühlte, aber ich brauchte ein paar Antworten und ich hatte irgendwie die Eingebung, dass sie mir diese geben könnte.

„Ich bin Leo. Leonida Liliana Montebello, die beste Freundin von Tony und Bella.“, stellte sie sich mir vor. Bei dem Männernamen stockte mir erneut der Atem, aber es war keine Zeit, um darüber nachzudenken.

„Tony? Ist…ist das Bellas…?“

„Lebensgefährte?“, unterbrach sie mich.

Ich nickte, sagte „Ja“, als mir einfiel, dass sie mich ja nicht sehen konnte. Plötzlich fing sie an zu lachen, laut zu lachen.

„Was ist denn so lustig?“, irgendwie fühlte ich mich überfordert und idiotisch.

„To…Tony…ist…ist kein Kerl“, brachte sie zwischen ihren Lachern heraus und da machte es Klick. Sie meinte Antonella. Tony war also ihr Spitzname. Ein echtes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, als ich an sie dachte, wie sie sich mir vorgestellt hatte und all die Parallelen zu ihrer Mutter und mir.

Mit einem Mal verstummte das Lachen und Stille kehrte ein.

„Merda! Sie wissen es, deshalb haben Sie auch Bella heute angerufen. Questa ragazza stupida“, es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Leonida war wirklich intelligent und schien mehr zu wissen, als ich dachte.

„Ja, aber Antonella weiß nicht, dass ich es weiß. Ich möchte, dass sie es mir selbst sagt, verstehen Sie?“, sagte ich. „Bitte, wenn Sie mit ihr Kontakt haben, sagen Sie es ihr nicht. Und scheinbar…“

„Sind Sie noch ganz dicht?“, unterbrach sie mich ein weiteres Mal. „Nachdem was mit Bella passiert ist, werde ich einen Teufel tun und irgendjemanden etwas sagen. Was allerdings nicht bedeutet, dass ich diese ganze Schmierenkomödie für Gut heiße“, fügte sie hinzu. Ja sie hatte wahrlich Temperament und schien sich sehr um meine Bella zu sorgen.



Wir redeten noch eine Weile miteinander, sie erzählte mir einiges aus ihrem Leben mit Bella und meiner Tochter. Im Gegenzug klärte ich sie über die damaligen Umstände auf, ließ dabei jedoch die Drohung meines Vaters weg und andere Kleinigkeiten, die nichts mit den beiden zu tun hatten.



„Lassen Sie Tony ruhig noch ein wenig zappeln, sie hat es verdient.“, sagte sie kichernd.

„Es wird schwer, aber ich versuche es. Gute Nacht, Leonida und danke!“, verabschiedete ich mich.

„Ich hoffe wir kriegen das hin. Buona notte, il padre della mia miglior' amica“, waren ihre letzten Worte bevor sie auflegte.


Mein Wecker zeigte mir, dass es bereits halb vier in der Früh war. Wir hatten vollkommen die Zeit vergessen, aber nach dem Gespräch mit ihr fühlte ich mich ein wenig besser. Kaum, dass ich mich hingelegt hatte, fielen mir auch schon die Augen zu und ich in einen tiefen traumlosen Schlaf.

3. Past and Present

Bella POV

Es gab mal eine Zeit, in der ich die glücklichste Person war, die man sich hätte vorstellen können und ich war so verdammt naiv zu glauben, dass diese Zeit nie enden würde. Ich fand meine große Liebe und lebte gute zwei Jahre einen Traum, der mein Leben für immer bestimmen sollte. Natürlich wusste ich, dass es nicht ständig unkompliziert verlaufen könnte und Probleme überwunden werden müssten. Doch nie hätte ich Gedacht, dass unsere kleine, gemeinsam aufgebaute Welt so unerklärlich und vor allem so überraschend zu Ende gehen würde. Sicherlich war mir bewusst, dass die Collegezeit anstand, aber ich nahm an, dass wir das eine Jahr überstehen würden. Wir liebten uns beide. Ja, er liebte mich; dies war unbestritten, denn seine Augen strahlten nie das Gegenteil aus, auch wenn man sein Handeln anders deuten konnte.
Und ich liebte ihn. Er hatte zwar eine Weile zu knabbern gehabt, da mein Interesse an ihm erst nach und nach heranwuchs, aber letztlich gewann er mein Herz für sich.

Für immer ... für ewig!



Es waren jetzt knapp über dreißig Stunden seit meine kleine Tochter - na gut, so klein war sie nicht mehr, um ehrlich zu sein, war sie bereits erwachsen, doch dies wollte ich nicht wahr haben - nicht mehr bei mir war. Sie fehlte mir so unendlich sehr. Die halbe Nacht hatte ich kein Auge zu gemacht.
Bereits um vier in der Früh war ich hellwach und spazierte durch das menschenleere Haus.
Meine kleine Tochter fehlte mir ungemein. Sie war mein halt im Leben. Antonella war die Person, die mir zeigte, dass es Sinn machte, nicht alles hinzuschmeißen.

Bevor ich wusste, dass ich sie unter meinem Herzen trug, kam ich an einen Punkt, wo ich fest davon überzeugt war, mein Leben zu beenden. Es war nachdem er, ihr Vater, mich verlassen hatte. Anfangs versuchte ich stark zu sein und redete mir ein, ich könnte ihn vergessen. Doch das konnte ich nicht. Mit jedem weiteren Tag, der verging, wurde meine Sehnsucht nach ihm stärker, bis die Verzweiflung an mir nagte. Ich versuchte ihn zu finden und bettelte sogar meinen Vater an, ihn ausfindig zu machen, da ich keinerlei Ahnung hatte, wohin er gegangen war. Aber mein Dad war wütend auf Edward. Wütend darüber, dass er mich einfach unwissend hatte stehen lassen und verschwand.

Irgendwann war es dann soweit. Ich versteckte mich in meinem Zimmer, hatte alle Fenster abgedunkelt und las mir nur immer und immer wieder seine Briefe durch, die er mir geschrieben hatte, als er um meine Liebe kämpfte.

Genau acht Wochen nach dem meine Welt zerbrach konnte ich einfach nicht mehr. Mein Innerstes war betäubt, mein Herz in tausend kleine Teile zersprungen und mein Lebenswille war zerstört.
Mit einer Flasche Vodka, von der ich wusste, dass mein Dad sie im Keller hinter dem Werkzeugschrank versteckt hielt und seinen Schlaftabletten, welche er wegen seiner Schlafstörungen verschrieben bekommen hatte, die ihn seit der Trennung von meiner Mutter plagten, schloss ich mich wieder einmal in meinem Zimmer ein.
Dad fand mich am Abend, als meine Mutter anrief und unbedingt mit mir reden wollte. Es war knapp, doch ich überlebte. Im Krankenhaus wurde mir dann offenbart, dass ich schwanger war und das mein Kind ebenso wie ich meine kleine Verzweiflungstat nur um ein Haar überlebt hatte. Zuerst wollte man mich aufgrund meines Suizidversuchs in die Psychiatrie stecken, allerdings konnte ich die Ärzte davon überzeugen, dass ich nun unter den gegebenen Umständen nicht mehr im geringsten vor hatte, ein zweites Mal mein Leben zu beenden.
Zwar war die Nachricht, dass ich ein Baby bekommen würde, ein weiterer riesiger Schock für mich, allerdings machte es mich auch glücklich. Glücklich, etwas von ihm zu haben, für immer.
Etwas, das mir keiner nehmen konnte ...

Nachdem Charlie von meiner Schwangerschaft erfuhr, war er dann derjenige, der Edward ausfindig machen wollte, jedoch stoppte ich ihn. Ich wollte nicht, dass er nur wegen unseres Kindes zu mir zurück käme. Edward sollte seinen Weg gehen. Und ich hatte nun ebenfalls wieder eine Zukunft, ein Ziel, welches ich erreichen musste. Ich wollte für mein Kind da sein, wollte ihm etwas bieten können. Also raufte ich mich zusammen, machte meinen High Schoolabschluss mit einem Einser-Durchschnitt und zog danach zu meiner Mutter nach Pasadena, Californien, um dort studieren zu können, während sie mich in Sachen Kindererziehung unterstütze.

Es wäre gelogen, würde ich behaupten, dass es durch die Hilfe meiner Mutter einfacher für mich wurde. Denn das war es nicht, nie. Die ersten zwei Jahre war ich zu Hause geblieben und konzentrierte mich vollständig auf meine Tochter. Ich wollte nichts von der allerwichtigsten Zeit verpassen, in der sich so schnell, soviel veränderte.

Als Baby sah sie ihrem Vater ja so ähnlich und eine lange Zeit hatte ich sogar Probleme sie anzusehen, aber ich liebte sie über alles und versuchte mein Bestes.

Meine Studienzeit gestaltete sich sicherlich anders, als die von Studenten, die kein Kind hatten, welches sehnsüchtig, zu Hause, auf seine Mutter wartete. Ich weiß nicht, wie oft ich nachts in meinem Bett gelegen hatte und mir die Augen aus dem Kopf heulte, weil ich, obwohl meine Mutter für Antonella da war, mich einfach schlecht dabei fühlte, nicht ausreichend Zeit für sie zu haben.
Es war unheimlich schwer, mit aufgeschlagenen Büchern am Esszimmertisch zu sitzen und nebenbei Antonella zu beschäftigen oder zu füttern.
Und trotzdem habe ich mein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen, trotz der ganzen Schwierigkeiten hatte ich es bis zu diesem Tag geschafft, Antonella bei ihren wichtigsten Schritten zu begleiten. Bei jedem wichtigen Ereignis, stand ich ihr sowohl als Mutter, wie auch als Vater zur Seite.

Je älter sie wurde, umso mehr sah sie aus, wie ich in ihrem Alter. Bis auf die Mundpartie und die Farbe ihrer Augen – diese waren nach wie vor Dinge, die sie von Edward geerbt hatte.

Edward…sicherlich hatte ich in all den Jahren, die Möglichkeit, mich bei ihm zu melden, doch ich wusste nicht, wie er reagieren würde. Würde er mich dafür hassen, dass wir ein Kind zusammen hatten? Oder wäre es die Tatsache, dass ich es solange vor ihm geheim gehalten hatte? Andererseits, schien ich doch nicht wichtig genug für ihn gewesen zu sein, denn auch er hatte nie Anstalten gemacht, sich bei mir zu melden.

Vor Antonella redete ich nicht oft von ihm, es tat einfach noch unsagbar weh, auch wenn es schon so lange her war. Aber meine Gefühle für ihn hatten sich nie geändert, ich lernte lediglich damit umzugehen.
Natürlich hatte meine Tochter Fragen. Mit jedem weiteren Jahr, welches verging, wurde sie neugieriger und aufmerksamer. Sie fragte mich, wer ihr Daddy sei und weshalb er nicht bei uns wäre.
Sie sah ein paar ihrer Freundinnen, wie sie oft mit ihren Vätern spielten oder Ausflüge mit ihnen machten. Und natürlich fragte sie sich, warum ihr dieses Glück verwehrt blieb ... warum sie keinen Daddy hatte, der ihr Zuckerwatte auf dem Jahrmarkt kaufte oder mit ihr auf den Spielplatz ging.
Natürlich wollte sie wissen, warum ihr Daddy nicht bei uns war. Und was für ein Mensch er überhaupt gewesen war.
Oft wich ich ihren Fragen aus. Nie brachte ich es über mich viel von ihm zu reden. Ab und an erzählte ich ihr Geschichten aus unserer Schulzeit und wie schön es mit ihm war, jedoch wusste ich, dass ihr das nie ganz ausreichte. Meine Mutter Renée übernahm dann diese Art von Aufklärung, wenn ich nicht in der Nähe war.



Gegen sechs Uhr in der früh hielt ich es dann einfach nicht mehr aus. Ich musste mein kleines Mädchen anrufen und zwar jetzt.
In meinem Kopf rechnete ich mir schnell aus, dass es in London jetzt ungefähr um Zwei Uhr Nachmittag war. Also durchaus eine annehmbare Zeit.
Das Gespräch verlief recht kurz, doch ich konnte hören, dass es ihr gut ging. Leider konnte ich nicht wirklich lange mit ihr telefonieren, da sie sich wohl gerade in einem wichtigen Gespräch mit ihrem Gastvater befand. Allerdings versprach mir meine Tochter, mich zurück zurufen.

Ohne wirklich zu wissen, was ich nun mit mir anfangen sollte – schließlich war es gerade einmal kurz nach Sechs – setzte ich mich in die Wohnstube um fernzusehen.
Ich zappte eine Zeitlang mehr oder weniger ziellos durch die Kanäle und bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging.

Ein Klingeln riss mich aus meiner gezwungenermaßen morgendlichen Ruhe. Ich legte die Fernbedienung beiseite und machte mich auf den Weg in Richtung Tür, an der mittlerweile ein unerbittliches Klopfen zu dem Klang der Türklingel ertönte. Ein wenig verwundert darüber, da es ja – wie ich nach einem kurzen Blick auf die Uhr feststellte – gerade mal kurz vor acht Uhr morgens war, öffnete ich sie und erstarrte….

Noch bevor ich reagieren konnte, schlangen sich zwei dünne Ärmchen um meinen Hals und ich wurde in eine feste Umarmung gezogen.

„Oh Momma…ich bin wieder daaa!“, drangen die Worte an mein Ohr. Ich erwiderte die feste Umarmung der kleinen, zierlichen Person, die mich noch immer fest in ihrem Griff hielt. Tränen schossen mir in die Augen und ich fühlte mich glücklich.
„Tut mir Leid, dass ich so früh hier herein platze, aber offensichtlich lag ich mit meiner Vermutung richtig, dass du wach sein würdest.“, entschuldigte sie sich bei mir.

„Meine kleine Leo.“, schluchzte ich und presste die beste Freundin von Tony, die wie eine zweite Tochter für mich war, an mich. Leonida war seit der Krabbelgruppe mit Antonella befreundet, bis sie vor drei Jahren, nach dem Tot ihrer Mutter, zu ihren Großeltern nach Italien musste. Lucia, ihre Mutter, war ebenfalls alleinerziehend und wir beide waren, so wie unsere Kinder, sehr gut miteinander befreundet. Jedoch erkrankte sie vor etwas mehr als vier Jahren an Brustkrebs, der leider zu spät diagnostiziert wurde und starb letzten Endes. Damals wollte ich Leo adoptieren, doch ihre Großeltern wollten das nicht und rissen sie stattdessen aus ihrer gewohnten Umgebung und holten sie zu sich, obwohl sie vorher nie wirklich Kontakt gehabt hatten. Lucia war mit Leo, als diese noch ein Säugling war, von Europa nach Amerika ausgewandert, nachdem sie sich von ihrem damaligen Mann und Vater der Kleinen getrennt hatte. Sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben, nachdem er sie mehrmals betrogen und geschlagen hatte.

Vor knapp vier Jahren brach der Krebs vollends aus und neben meiner Arbeit als Chefsekretärin in einem Handelsunternehmen kümmerte ich mich um Lucia und den beiden Kindern. Lucias Tod war ein herber und schwerer Schlag für uns alle. Lange Zeit waren wir ein tolles Quartett.
Für Leo wurde ich zur Momma aber so wie Tony nannte sie mich meistens dann doch Bella.

Als wir uns wieder von einander gelöst hatten, hielt ich sie an den Schultern von mir gestreckt fest und betrachtete sie mir genauer. Sie hatte sich wahrlich verändert in den letzten drei Jahren.
„Wow…du bist ja eine richtige Frau geworden“, staunte ich nicht schlecht und konnte meine Augen nicht von ihr wenden. Zwar hatte sie noch ihre langen braunen Haare, allerdings waren diese nun von dünnen, blonden Strähnen durchzogen. Ihre Figur wirkte um einiges weiblicher und auch ihr Gesicht hatte die kindlichen Rundungen verloren. „Was machst du überhaupt hier?“, fügte ich fragend hinzu.

„Ich bin 18 und kann tun und lassen was ich will.“, war ihre schlichte Antwort, dann stemmte sie die Hände in die Hüften und schaute mich gespielt pikiert an. Das braun ihrer Augen glitzerte und man konnte den Schalk darin erkennen. „Freust du dich etwa nicht, dass ich wieder da bin?“

„Doch natürlich…“, sagte ich schnell. „Komm her meine Kleine“, erwiderte ich und zog sie nochmals an mich heran. Und sogleich kam mir ein Gedanke. Es war schon merkwürdig: kaum, dass meine eine kleine Tochter in das entfernte Europa gegangen war, kam die andere plötzlich und überraschend von genau dort zu mir zurück.

„Tony schläft sicher noch.“, mein Körper versteifte sich ein wenig, Leo schien dies zu bemerken und wieder trennten wir uns voneinander. Ich fasste sie an der Hand und zog sie ins Wohnzimmer auf die Couch. „Momma?“

„Tony ist gestern Vormittag nach England geflogen für ein Jahr. Ich dachte sie hätte dir davon erzählt, bei eurem letzten Telefonat?“, fragte ich sie überrascht. Ihr letztes Telefongespräch lag erst zwei Wochen zurück, soweit ich wusste, von daher machte es mich jetzt umso nachdenklicher, dass Leo nichts von dem Au-pair-Job zu wissen schien.

„Piccola schifosa mentitrice“, flüsterte sie mehr zu sich selbst, als dass sie auf meine Frage einging. Ich verstand es leider nicht, obwohl Lucia mir immer versucht hatte, die italienische Sprache nahe zu bringen, stellte ich mich ehrlich gesagt zu doof dafür an und behielt nur vereinzelt ein paar Worte im Gedächtnis….bevorzugt Schimpfwörter.

„Wie bitte?“, fragte ich deshalb nach.

„Ach, schon gut. Ich hatte es wohl nur vergessen“, sagte meine Zweittochter kopfschüttelnd und grinste mich schelmisch an. Allein an ihrem Blick, mit dem sie mich anschaute, erkannte ich, was ihr Anliegen war.

„Ja, Leonida, du kannst hier bleiben, solange du möchtest“, grinste ich zurück und beantwortete somit ihre unausgesprochene Bitte. „Ich werde gleich Tonys Bett frisch beziehen, dann kannst du es dir in ihrem Zimmer gemütlich machen.“

„Danke, Momma. Ich werde dir auch nicht zur Last fallen“, bedankte sie sich, doch schnell winkte ich ab. „Du bist mir keine Last.“, entgegnete ich.

Während ich das Zimmer für Leo herrichtete, holte sie ihr Gepäck, welches noch vor dem Haus stand und in der Zeit, in der sie auspackte, machte ich mich in der Küche daran, uns etwas zum Frühstück zu zaubern. Gerade als ich die Muffins in den vorgeheizten Ofen schob, öffnete sich die Küchentür. Ich blickte in die Richtung und sah Leonida, die mich bei meinem Tun beobachtete und sichtlich angestrengt nachdachte.

„Hey Piccolina, alles in Ordnung?“, fragte ich sie lächelnd. Diesen Kosenamen, der soviel wie Kleine bedeutete, bekam sie früher von ihrer Mutter, da sie wirklich immer recht klein gewesen war, was sich nicht geändert hatte. So über den Daumen gepeilt würde ich sie auf knappe 1. 63m schätzen. Tony und ich hingegen hatten die gleiche Größe und waren schon über dem Durchschnitt, da wir die Grenze von 1.70m mit weiteren fünf Zentimetern überragten.

„Ja, Bella. Ich freu mich nur, dass ich endlich wieder hier bin, raus aus diesem Irrenhaus.“
„So schlimm?“
„Naja, es war okay, aber ehrlich, diese Italiener haben ein paar Moralvorstellungen, die sind unmöglich. Tu dies nicht, tu das nicht. Leonida so verhält sich keine Dame…bla bla bla.“, zitierte sie mit nasaler Stimme. „Ich kam mir vor wie eine Principessa im goldenen Käfig. Aber jetzt bin ich erwachsen und kann meine eigenen Entscheidungen treffen und das habe ich auch.“, erklärte sie mir mit Nachdruck.

„Und die wären?“, interessiert betrachtete ich sie mit hochgezogener Augenbraue.

„Na, als erstes denke ich, sollten wir ein wenig Spaß haben“, ihr Grinsen wurde immer breiter, dann drehte sie sich auf der Schwelle um und verschwand im Wohnzimmer. Gleich darauf hörte ich auch schon die Musik, die in voller Lautstärke durchs Haus dröhnte. Ich erkannte das Lied. Es war einer unserer Gute-Laune-Songs.



http://www.youtube.com/watch?v=Z2-kWXlKTUA




Belustigt den Kopf schüttelnd trat ich ebenfalls ins Wohnzimmer und sah Leo lachend durch den Raum tänzeln. Dies war so ansteckend, dass ich ohne groß darüber nachzudenken mitmachte. Wir fassten uns an den Händen, drehten uns, hüpften und sangen lauthals den Text mit. Es war überwältigend, all meine Gedanken waren wie weggeblasen und vorhanden war einfach nur noch ein schönes, glückliches, befreites Gefühl.

Nachdem das Lied geendet hatte, fielen wir nach Luft schnappend auf die Couch und lachten eine Zeit lang, wie Hühner, bevor sich die Stille im Zimmer ausbreitete und wir beide gedankenverloren aus dem großen Fenster uns gegenüber starrten.

„Leonida Liliana Montebello…du könntest meine Tochter sein und eigentlich sollte ich mich verhalten wie eine Mutter…“, fing ich an zu sprechen, wurde aber sofort unterbrochen.

„Bella, du warst nie die typische Mutter. Du warst immer mehr unsere Freundin und bitte, versuch dies nicht zu ändern. Es passt einfach nicht zu dir, dafür wirkst du zu jung.“
Es stimmte, ich verhielt mich nie wirklich wie eine Mutter. Um ehrlich zu sein, fühlte ich mich auch nie wie eine, immer nur wie eine Freundin. Ob dies wohl der Grund war, weshalb Antonella, Leo und ich so ein tolles Verhältnis miteinander hatten? Na ja, die meisten Leute, die uns nicht kannten, hielten Tony und mich ohnehin immer für Schwestern, was mir gewissermaßen schmeichelte.

„Nun werd' mal nicht frech, Piccolina…“, startete ich einen neuen Versuch, ein wenig wie eine Autoritätsperson zu handeln, doch wieder kam ich nicht weiter, denn ich verstummte, als mir der Geruch von Verbranntem in die Nase stieg. „Verdammt…mein Essen“, schrie ich und rannte in die Küche.

Schnell schnappte ich nach den Topflappen und riss die Ofentür auf, holte die verkohlten Muffins heraus, stellte diese auf der Küchentheke ab und starrte wie gebannt darauf.
„Na super“, murmelte ich stöhnend und strich eine Haarsträhne, die mir ins Gesicht gefallen war, zurück. Durch unsere kleine Party hatte ich völlig die Zeit vergessen. Dabei war es mir vorgekommen, als seien nur wenige Minuten vergangen.
So etwas war mir schon ewig nicht mehr passiert.

„Also, ich wäre ja für Starbucks“, holte mich das Gekicher von Leo aus meinen Gedanken. Ruckartig schoss mein Kopf in die Richtung, aus der ich dieses vernahm und augenblicklich musste ich auch wieder lachen.
„Okay, dann wird es eben ein etwas späteres Frühstück mit belegten Bagels “, gluckste ich.
„Gut, ich fahr schnell zu dem um die Ecke und hol uns etwas, ja?“, sagte meine kleine Italienerin und hatte bereits meine Autoschlüssel in den Händen. „Den gibt es doch noch oder?“
„Ja, klar! Im Handschuhfach müsste noch Geld liegen, das kannst du nehmen. Ich räume in der Zeit hier auf.“, erwiderte ich und griff nach der Backform, deren Inhalt ich im Abfalleimer entsorgte.

Leo war bereits seit gut zehn Minuten unterwegs, ich räumte derweil den Geschirrspüler ein und versuchte den Ofen zu reinigen, dessen Boden voll mit angebranntem Teig war, als das Telefon klingelte. Ich wollte gerade abnehmen, doch es verstummte wieder, noch ehe ich es erreichte.
„Hm…komisch“, dachte ich und lief zur Spüle, um den Lappen auszuwaschen. Gerade als ich das Wasser wieder abstellte, klingelte erneut das Telefon. Diesmal beeilte ich mich ran zu gehen.

„Isabella Swan“, meldete ich mich wie üblich. Doch nichts. Niemand sagte etwas, allerdings konnte ich leises Atmen am anderen Ende der Leitung vernehmen.

„Hallo? Wer ist denn da?“, fragte ich, aber noch immer sagte keiner etwas. Die Atmung der Person wurde schneller und schien ebenso lauter zu werden. Langsam machte es mich wütend. Ich hatte wahrlich keine Lust auf Spielchen.

„Ich kann sie atmen hören, also sagen sie doch was.“, forderte ich ein weiteres Mal, es gelang mir jedoch nicht ganz, die Wut in meiner Stimme zu unterdrücken. Dann hörte ich die Haustür und wollte schon mit dem Telefon aus der Küche laufen, blieb aber stehen, denn auf einmal erklang ein leises „Hallo, Bella!“ von der wohl schönsten Stimme, die ich je in meinem Leben gehört hatte.

Ich erstarrte.

Scharf sog ich die Luft ein. Das konnte doch nicht wirklich…?
Wie lange war es her, als meine Ohren sie zum letzten Mal vernahmen? Ich erkannte sie auf Anhieb, wie auch nicht? Schließlich verging seit gut neunzehn Jahren nicht ein Tag, an dem ich nicht an ihn dachte. Ich hatte noch nicht einmal einen anderen Mann je wieder in mein Leben gelassen ... mal abgesehen von einem ganz bestimmten Tag im Jahr. Aber dieser zählte für mich nicht.

Nie wieder hatte ich mich emotional an jemanden gebunden. Wieso meldete er sich ausgerechnet jetzt? Warum nach so langer Zeit? Meine Gedanken überschlugen sich. So viele Fragen, die sich in meinen Kopf drängten und keine einzige kam mir über die Lippen. Alles in mir zog sich schmerzhaft zusammen, mir wurde übel und schnell schlug ich mir die Hand vor den Mund.

„Bella?“, erklang erneut die warme, weiche Stimme, von der ich dachte, sie nie wieder zu hören. Die Stimme eines Mannes, von dem ich dachte, dass er für immer aus meinem Leben verschwunden war. Plötzlich schoss ein weiterer Gedanke wie ein Stromschlag durch mein Gehirn. Das musste ein Witz sein. Das konnte nicht echt sein. Mit einem mal fing ich lauthals an hysterisch zu lachen und zwischendurch, immer wenn ich nach Luft schnappte, entwichen meiner Kehle Worte wie: Halluzination, Scherz und unwirklich.

Leo erschien durch die Küchentür und sah mich mit geweiteten Augen entsetzt an. Sofort wurde ich wieder ernst.
„Wenn das ein Scherz sein soll, dann finde ich ihn nicht besonders witzig“, fauchte ich ins Telefon, mein Blick lag noch immer auf Leonida, deren Augen sich nun zu Schlitzen geformt hatten.

„Oh Bells, es tut mir so Leid…“, flüsterte die raue, engelsgleiche Stimme Edwards durch den Hörer….und da erkannte ich, dass es keine Halluzination war. Er war es wirklich. Tränen schossen mir in die Augen. Ich konnte es nicht fassen und schüttelte wild meinen Kopf, hauchte immer wieder ein „Nein“, bevor mich der Abgrund in die Tiefe zog. All meine Gefühle, die ich in den ganzen Jahren gelernt hatte, unter Kontrolle zu bringen, stürzten mit einem Mal wieder auf mich ein. Bilder von ihm und mir schoben sich vor mein inneres Auge….dann Leere…völlige Leere. Meine Beine wurden weich und ich bemerkte, wie ich in mich zusammensackte. Das letzte, das ich mitbekam, waren die beiden Stimmen von Edward und Leo gemischt. Während er immer wieder meinen Namen wiederholte, schrie sie „Merda“, dann umfing mich die Schwärze vollends.

Dunkelheit umhüllte mich. Es kam mir vor, als würde ich in dem Strudel der Zeit verschwinden, der mich an den Ort zurück brachte, an dem alles angefangen und zugleich geendet hatte.

Ich stand wieder auf den Klippen, ließ meinen Blick schweifen und alles war grau, wie in einem Schwarz-Weiß-Film. Von hier oben sah ich auf das Meer und den Strand hinab, entdeckte zwei Personen, die Hand in Hand durch die seichten Wellen spazierten. Ein Mädchen und einen Jungen, sie sahen beide so verliebt aus ... Diese Blicke, die sie miteinander austauschten. Schrecken und Sehnsucht machten sich in mir breit, als ich erkannte, wer diese beiden waren. Das Paar, auf welches ich nieder blickte, waren Edward und ich. Es war der Tag, an dem er es nach Wochen des Kämpfens endlich geschafft hatte, mein Herz zu erobern. Der Tag, an dem auch ich ihm meine Liebe gestand.


Dann kam die Schwärze zurück, wieder dieser Strudel, nur dieses Mal ein anderer Schauplatz.

Nun stand ich in meinem Zimmer am Fenster und sah auf mein Bett. Edward und ich saßen darauf und führten eine hitzige Diskussion. Selbst nach zwanzig Jahren konnte ich mich noch an jedes einzelne Wort erinnern. Es ging darum, dass sein Vater etwas gegen unsere Beziehung hatte. Er war der Meinung, ich sei nicht gut genug für seinen Sohn. Doch damals stellte er sich gegen ihn. Edward hatte mir an diesem Tag versprochen, egal was passieren würde, nie könnte uns jemand trennen. Ich glaubte ihm!


Plötzlich stand ich wieder in La Push auf dem Felsen, auf dem wir uns ein letztes Mal geliebt hatten. Wo alles endete.


„Ich liebe dich.“ hauchte er mir leise ins Ohr und verschloss meine Lippen mit den seinen, als er langsam und zärtlich in mich eindrang.
Unter ihm liegend stöhnte ich seinen Namen in den Kuss hinein und klammerte mich mit all meiner Kraft an ihm fest. Seine Hände schoben sich unter meinen Rücken und drückten mich so nah an ihn, dass ich seinen Herzschlag spüren konnte. Er…er war alles, was ich brauchte, was ich wollte. Er war mein Leben. Und doch fühlte es sich so sehr nach Abschied an.


Erneut erfasste mich die Dunkelheit und dieses Mal blieb sie. Umwickelte nicht nur meinen Körper, sondern auch meine Seele und meinen Verstand. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Nichts war zu sehen. Nichts war zu hören.

~*~





Tony POV



Wütend stapfte ich aus seinem Büro, Alice folgte mir einen Augenblick später. Toll Tony, du hast es voll verkackt…
So sauer wie ich auch war, wusste ich, dass mein Verhalten falsch war. Ich hätte ihm keine Ohrfeige verpassen dürfen. Schließlich war er offiziell mein Chef und es war nicht eindeutig, ob er mich Küssen wollte. War es doch nicht, oder?
Deprimiert ließ ich mich auf einen der Stühle, neben Alice Schreibtisch fallen und vergrub mein Gesicht kopfschüttelnd in meinen Händen.
Was hatte ich nur getan?

„Ist alles in Ordnung, Maria?“, hörte ich die Stimme von Dads Assistentin und spürte eine Hand auf meinem Knie. Ich blickte auf. Sie kniete vor mir und schaute mich mit traurigen Augen an. „Keine Ahnung, was er nun wieder angestellt hat, aber soviel kann ich sagen, er ist eigentlich ein netter Kerl, wirklich.“, beteuerte Alice und versuchte mich somit zu beruhigen.

„Himmel, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, Alice. Ich habe ihm eine geknallt…den Job kann ich vergessen.“, erklärte ich fast schreiend.
„Oh“, war ihre einzige Reaktion darauf. Dann fing sie an zu grinsen. Ungläubig starrte ich sie mit offenem Mund an. Warum zur Hölle grinste mich diese Frau jetzt an?
„Das ist toll, Maria“, waren ihre nächsten Worte und ich glaubte mich verhört zu haben.
„Bitte was?“ Wenn mein Unterkiefer nicht fest gewachsen wäre, dann müsste ich den sicherlich irgendwo auf dem Boden aufsammeln. „Das ist nicht dein ernst, Alice?!“
„Und wie es das ist“, kicherte sie und verdrehte belustigt die Augen. „Mach dir keine Gedanken, er wird sie verdient haben und er wird das auch wissen“ Das Grinsen, welches ihr Gesicht zierte, wollte gar nicht mehr verschwinden. „Weißt du was?“ Immer noch geschockt, schüttelte ich mit dem Kopf. „Ich zeige dir jetzt erstmal dein Appartement und später hol ich dich ab und wir gehen etwas essen, wie klingt das?“ Ihre Augen waren flehend auf mich gerichtet und irgendwie….oh Mist….sie war eine derjenigen, die so richtig diesen Du-kannst-mir-eh-keinen-Wunsch-abschlagen-Blick drauf hatten.
„Aber…aber…ich, aber ...“, war mein letzter kläglicher Versuch, mich gegen sie zu wehren.
„Nichts aber, los komm!“, sagte sie bestimmt, packte mich an den Händen und zog mich mit sich.


Alice führte mich aus dem großen Firmengebäude heraus und direkt in ein anderes, welches genau gegenüber davon lag. Es war ebenfalls im neoklassizistischen Stil und ähnelte dem Firmengebäude immens. Sie schleifte mich durch die Eingangstür, die hier jedoch aus Glas bestand und zerrte mich zum Fahrstuhl. Dieser öffnete sich und wir stiegen ein. Alice drückte den Knopf für die zweite Etage, und da fiel es mir auf.
„Ähm, Alice? Wo ist eigentlich mein Gepäck?“
„Das ist schon im Appartement. Ich habe es von Richard, dem Chauffeur, dorthin bringen lassen“, sie klang lässig, als ob das alles normal wäre. Aber vielleicht war es das ja auch, schließlich kannte ich mich in der Hinsicht nicht aus. Denn wenn man es genau betrachtete, sollte ich in einem Collegewohnheim sein und anfangen zu studieren, anstatt hier auf erfahrene Marketingleiterin zu machen, die ich bei weitem nicht war. Dies würde noch einige Probleme mit sich bringen.

Im zweiten Stock angekommen traten wir aus dem Fahrstuhl in einen langen, hellen Flur hinaus. Und während ich hinter Alice her stöckelte, fing ich wieder an zu plappern.
„Wieso bist du dir eigentlich so sicher, dass ich den Job trotzdem bekomme?“, fragte ich sie.
„Ganz einfach, ich kenne deine Bewerbungsunterlagen und Edw…ehm, Mr. Cullen wäre verrückt, jemanden wie dich, mit diesen Zeugnissen, nicht zu nehmen.“, Wir blieben vor einer weißen Holztür am Ende des Flures stehen und verlegen schaute ich zu Boden. Wenn sie wüsste, dass dies nicht meine Unterlagen waren und ich sie nur gefälscht hatte….
Das schlechte Gewissen hatte mich gepackt, denn Alice war so eine verdammt nette Person und es missfiel mir, sie so belügen zu müssen. Deinen Dad belügst du auch…

Das ist doch was ganz anderes, schnauzte ich meine Gedankenstimme an.

Das kleine Persönchen neben mir zückte eine Schlüsselkarte aus ihrer hinteren Hosentasche und schob diese durch das Scannerschloss, welches neben der Tür befestigt war. Ein Klicken erklang, dann drehte sie an dem runden Türknauf und schon öffnete sich die Wohnungstür und wir traten hinein.

Neben dem Eingang sah ich sofort meinen Koffer stehen. Das Appartement selbst hatte eine normale Größe und war mit einem hellen Hochflor-Teppich ausgelegt, die Möbel waren in sanften Beige- und Brauntönen gehalten und sahen normal aus. Nichts war hier, dass auf übermäßigen Luxus hindeuten könnte.

„Mach es dir bequem, Maria. Ich muss leider wieder hinüber, aber ich bin spätestens um 18 Uhr hier und dann gehen wir schick etwas essen, okay?“ Sie drehte sich auf der Schwelle wieder um und bevor ich überhaupt meinen Mund aufmachen konnte, rief sie noch: „Keine Widerrede!“ und verschwand. Die Schlüsselkarte hatte sie auf das kleine Tischlein neben der Couch gelegt, wo auch eine Stadtkarte von London lag. Wie aufmerksam…

Ich schaute mich ein wenig in der Wohnung um und sah erst nach wenigen Minuten das große Fenster an der Südseite des Raumes. Neugierig stellte ich mich davor und wollte sehen, wohin diese Aussicht führen würde, als ich bemerkte, dass der Ausblick direkt auf dem Firmengebäude lag. Seufzend lief ich zur Couch zurück und ließ mich darauf nieder. Mit den Fingern trommelte ich neben mir auf das weiche braune Leder und dachte angestrengt nach, was ich nun tun könnte. Die Uhr zeigte gerade mal 15.30 Uhr an, also hatte ich noch gute zweieinhalb Stunden Zeit, bis Alice wieder hier auftauchen würde und mir vermutlich mitteilte, dass ich morgen wieder verschwinden könnte, da ich die Jobsache wirklich vergeigt hatte.

Die Haare raufend wanderte mein Blick neben die Appartementtür, wo mein Gepäck stand….Duschen…ja das wäre jetzt toll. Schnell erhob ich mich, schnappte mir meinen Koffer und machte mich auf den Weg ins Schlafzimmer, welches ich nach zwei Fehlversuchen gefunden hatte. Zuerst erwischte ich die Tür, die zur Küche führte und dann die zur Gästetoilette. Aber wie erwähnt fand ich dann doch mein eigentliches Ziel…das Schlafzimmer. Dort legte ich das schwere Teil auf dem großen Bett ab und öffnete diesen. Wie schon Stunden zuvor sprang er auf und all die Klamotten, die ich hineingeworfen hatte, kamen mir entgegen. Ich sollte wirklich an meinen Verpackungskünsten arbeiten.

Nach kurzer Suche, griff ich nach der schwarzen Unterwäsche, einem blauen Rollkragenpullover, einer schwarzen Weste und einer ebenso schwarzen Röhrenjeans, die ich ordentlich auf die Matratze drapierte. Dann drehte ich mich um und spazierte durch eine Tür, die, wie ich vermutete ins Bad führte. Auch dieses war nicht sehr groß, jedoch mit einer Badewanne und einer separaten Dusche ausgestattet. Gegenüber davon befand sich der Waschtisch mit einem riesigen Spiegelschrank. Kurz erkundete ich alles, fand recht zügig die Handtücher und die anderen Waschsachen, inklusive eines Föhns.

Nachdem ich das warme Wasser der Dusche eingeschaltet hatte, entkleidete ich mich und stellte mich unter den entspannenden Wasserstrahl. Das Gefühl der Tropfen auf meiner Haut tat gut und für einen Moment vergaß ich, wo ich war und stellte mir vor, zu Hause zu sein. Meine Mutter würde jeden Augenblick nach mir rufen und es wäre so wie sonst auch. Wir würden einen gemeinsamen DVD Abend machen, uns selbst gemachtes Popcorn rein schaufeln und einfach nur unseren Spaß haben. Irgendwie vermisste ich sie.

Als ich fertig war mit duschen, schlang ich mir eines dieser großen, weißen Badetücher um meinen Körper und ging zurück ins Schlafzimmer, wo ich mich abtrocknete und meine zurechtgelegten Klamotten anzog.
Auf dem Bett sitzend starrte ich in den Spiegel, der zugleich die Tür des Kleiderschranks war. Wie ich mich darin so musterte, mit meinen nassen Haaren und mein ganzes Selbst, überrollten mich aufs Neue die Gedanken. War es richtig hier her zu kommen? Vor allem mit diesem Aufwand und dem Theater, dass ich hier versuchte zu spielen? Wäre es nicht vielleicht besser, einfach zu ihm zu gehen und zu sagen, wer ich wirklich war? Dass ich seine Tochter war, die er mit seiner High School Liebe gezeugt hatte? Selbst wenn er es nicht glauben sollte, die Fakten sprachen doch eigentlich für sich. Wie blind war dieser Kerl eigentlich? Ich sah meiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten und er schien absolut nichts bemerkt zu haben. Immer mehr verworrene Gedanken schlichen sich in meinen Kopf und je länger ich über das Aufeinandertreffen nachdachte, umso wütender wurde ich.

Dann fasste ich einen Entschluss.

Ich ging zurück ins Bad, föhnte meine Haare trocken, ließ sie naturgelockt über meine Schultern, bis zu meinen Hüften fallen, tuschte mir ein wenig die Wimpern und zum Abschluss trug ich noch farblosen Lipgloss auf meine Lippen. Nach einem weiteren, allerdings nur kurzen Blick in den Spiegel, stapfte ich wieder ins Schlafzimmer, holte meine weißen Chucks aus dem Koffer und zog sie an.

Im Wohnzimmer richtete ich meine Augen auf die Uhr…es war bereits kurz nach 17 Uhr. Ich packte meine Handtasche und gerade als ich zur Wohnungstür raus wollte, fiel mir ein, dass ich ja noch diese komische Schlüsselkarte brauchte. Als ich diese in meine hintere Gesäßtasche steckte, klingelte mein Handy. Der Song „Tigerlily“ von La Roux ertönte und ich wusste sofort, wer der Anrufer war.

„Hey Tigerlily“, begrüßte ich meine beste Freundin Leo, die diesen Spitznamen vor gut zehn Jahren von mir bekam, als ihre Mutter sie in ein Tigerkostüm zu Halloween gesteckt hatte. Seither nannte ich sie fast nur noch so.

„Porca puttana, wo steckst du?“, schrie sie mich durchs Telefon an. Okay, ich kannte ihr Temperament, aber mit solch einer netten Begrüßung hatte ich wahrlich nicht gerechnet.
„Ja, ich hab dich auch vermisst“, war meine grandiose Antwort. „Und was heißt hier, wo ich stecke? Ich bin in England, ich hatte dir doch davon erzählt.“
„Ganz Prima, Tony. Ich dachte nicht, dass du das wirklich durchziehen würdest. Soll ich dir verraten, wo ich bin? Ich bin vor wenigen Stunden in LA gelandet und wollte dich überraschen.“
„Wie, du bist in LA? Bei Mum?“, völlig perplex, ließ ich mich auf die Couch sinken und fuhr mir mit der Hand über mein Gesicht. „Wieso hast du mir nicht gesagt, dass du wieder nach Amerika kommst, Leo?“, fragte ich sie nun.
„Hallooo…klopf, klopf. Sagte ich nicht gerade, dass ich dich überraschen wollte?“, sie war wirklich ziemlich wütend und das kam bei ihr nicht sehr oft vor. Eigentlich war sie eine Frohnatur, hatte immer gute Laune und die schlechtesten Witze auf Lager, die einen trotzdem zum Lachen bringen konnten.
„Lill, hör zu, ich musste das tun, bitte sei nicht sauer, bitte“, flehte ich sie an.
„Und wie stellst du dir das bitte vor, Antonella Maria Swan? Hast du dir überhaupt Gedanken gemacht, wie das ganze dort bei dir in England ablaufen soll? Denn ich glaube nicht, dass das, was du vor hast, funktionieren wird.“, Uhh jetzt waren wir also schon beim vollen Namen.
„Also eigentlich…“
„Was eigentlich?“, unterbrach sie mich schon fast schreiend.
„Hör auf mich anzuschreien und hör mir endlich zu“, blaffte nun ich zurück.
„Okay, gut, sprich!“, forderte Leo, aber ich hörte aus ihrer Stimmlage heraus, dass egal, was ich ihr erzählen würde, sie sowieso dagegen wäre. Und trotzdem erzählte ich ihr das bisher erlebte in der Kurzfassung, ließ allerdings die Ohrfeige aus und die Tatsache, dass ich den Job womöglich versiebt hatte.

Schweigen!

„Tony, du glaubst doch wohl nicht, dass ich dieses Spiel mitspiele?“
„Bitte Leo, nur für ein paar Monate. Ich will ihn kennenlernen als Menschen“, flehte ich sie erneut an.
„MONATE? Bist du vollkommen irre geworden? Solange kann ich Bella nicht belügen und ich will es auch gar nicht.“, wieder wurde sie mit jedem Wort, das sie sprach lauter. „Ich gebe dir höchstens vier verdammte Wochen, mehr nicht. Regel es, Tony“, im Hintergrund hörte ich eine Frauenstimmte fragen: “Was darf es sein?“

„Sag mal, wo steckst du gerade?“, fragte ich ruhig und verwundert. Doch statt einer Antwort, vernahm ich nur: „Zwei belegte Bagel, zwei Schoko- und zwei Blaubeermuffins, bitte.“, Ich denke nicht, dass dies an mich gerichtet war.
„Bist du bei Starbucks?“
„Ja, bin ich, hole für Bella und mich Frühstück. Ihr sind die Muffins vorhin verbrannt“, kicherte sie, wurde aber sofort wieder ernst.
„Bitte Tony, klär das auf. Keine Spielchen!“, forderte meine beste Freundin. Im Grunde hatte sie ja Recht und eigentlich war es auch das, was ich vorhatte. Noch bevor sie mich anrief, hatte ich den Entschluss gefasst, Edward einfach die Wahrheit zu sagen.
„Versprochen!“, entgegnete ich und dann beendeten wir das Gespräch.

Auf den Weg in die Firma dachte ich noch einmal nach. Ich hatte sowieso keine andere Wahl mehr, ich musste ihm alles gestehen, den Job konnte ich eh vergessen nach der Aktion. Oh Gott…ich hab meinen Vater geschlagen…meinen eigenen Dad. Schmerzhaft kehrte die Erinnerung in mein Gedächtnis, als er wie versteinert da stand, sich die Wange hielt und mich mit seinen Blicken verfolgte. Wie ich ihn runter gemacht hatte und mein Temperament mit mir durch ging. Verdammt…ich musste mich entschuldigen…

Ich beschleunigte meine Schritte und rannte die Treppen zum Eingang hoch, ohne anzuhalten an Jasper vorbei und die weiteren Stufen hinauf in die zweite Etage. Keuchend nach Luft ringend stoppte ich vor Alice Schreibtisch. Nach vorne gebeugt, mit den Händen auf den Knien abstützend, reckte ich meine Kopf in die Höhe und blickte direkt in ihr Gesicht. Sie hatte ihre Augenbrauen zusammen gezogen und sah mich ungläubig an.

„Ahl…Al…Alice, ich muss mit ihm reden.“, schnaufte ich und zog immer wieder Luft in meinen ausgepowerten Körper. „Wenn es um deinen Arbeitsvertrag geht, den wollte ich dir eigentlich gleich mitbringen, damit du ihn unterschreiben kannst.“, sie hob einige Akten, die auf ihrem Tisch lagen an und zerrte einen etwas dickeren Stapel Blätter heraus.
„Arbeitsvertrag?“, fragte ich verdutzt, mit hochgezogener Braue. „Ja, das Teil, das man benötigt, damit du offiziell hier anfangen kannst.“, Wow, ihr Sarkasmus war ja fast so schlecht, wie der meine. Moment…

„Wie? Heißt das ich hab den Job?“, wieder einmal klappte mir der Mund auf und ich war wie erstarrt. Alice verdrehte ihre Augen und grinste mich dann an. „Jaaaa hast du, wovon rede ich denn die ganze Zeit?“
Plötzlich ertönte ein Quietschen und vor meinen Augen schwang alles auf und ab. Dads Assistentin erhob sich von ihrem Platz, kam um den Schreibtisch herum, hielt mich fest und legte ihre Hand auf meinen Mund. „Ich verstehe ja deine Freude, aber würdest du aufhören hier rum zu hüpfen und zu quieken wie ein Schweinchen?“, lachte sie und schüttelte den Kopf. Erst da bemerkte ich, was ich gerade tat. Abrupt hörte ich auf und nickte, da sie noch immer ihre kleinen Finger über meine Lippen hielt.

„Okay, kann ich dich jetzt los lassen oder schreist du dann weiter?“ Sie sprach jedes Wort ganz langsam aus, als hätte sie eine Begriffsstutzige vor sich, aber ich verübelte es ihr nicht. Wieder nickte ich, dann ließ sie mich los. „Gut, ich räume hier noch fix zusammen, dann können wir los.“

„Wohin?“
„Na, essen. Es ist 18 Uhr…Feierabend für heute.“, antwortete sie und schnappte sich die ganzen Akten, anschließend, wollte sie die ins Büro meines Dads bringen. Doch noch bevor sie den Türknauf berühren konnte, sprang diese auf und Alice einen Schritt zurück. Zum Glück, sonst hätte sie das schwere, dunkle Holz, voll gegen den Kopf geschlagen bekommen.

„Alice, buch mir sofort einen Flug nach Pa…“, sogleich als er mich erspähte, verstummte er und schluckte den Rest des Satzes hinunter. Sein Blick glitt über meine Gestalt und ich sah, wie er etwas sagen wollte, denn sein Mund öffnete und schloss sich jedoch sofort wieder.

„Danke, Mr. Cullen! Ja, mir geht es gut. Nein, sie haben mich nicht verletzt.“, schnaubte die kleine Schwarzhaarige und drückte ihm wütend die Akten in die Hand. Edward zuckte zusammen, als würde er aus einer Art Trance erwachen.

„Wie bitte?“, er schaute auf seine Arme, dann zu Alice. „Ähm..ja danke, Ms. Brandon“ Himmel, war der durcheinander. Doch das war mir egal…in der ganzen Zeit hafteten meine Augen an ihm. Meine Beine machten sich selbstständig, aber dies bemerkte ich erst, als ich direkt vor ihm zum stehen kam.
„Ja, Ms. Masen?“, fragte er mich, seine Stimme so sanft und weich.

Minutenlang stand ich vor ihm und sah ihm tief in die Augen. Zumindest kam es mir so lange vor, ehe ich meinen Mund aufbekam und ein leises „Tut mir Leid“, hauchte.
Das Grün in ihnen war noch immer intensiv, doch da war noch mehr, soviel mehr.

„Können wir los?“, fragte Alice. Mein Kopf ruckte nach rechts, wo sie fertig bekleidet und einer Tasche über der Schulter auf mich zu warten schien. Ich hob einen Finger, um ihr zu deuten, dass ich noch einen Augenblick benötigte. Dann wandte ich mich wieder meinem Dad zu. Doch der war so schnell wieder in seinem Büro verschwunden, dass ich es nicht mitbekommen hatte, wie er sich zurück zog. Achselzuckend und seufzend widmete ich mich Alice, bei der ich mich einhakte und wir ein weiteres Mal das Gebäude verließen. Am liebsten wäre ich wieder umgedreht, doch was hätte ich dieses Mal sagen sollen? Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Irgendwas lief verdammt falsch und es lag nicht an der Tatsache, dass ich mich an meinen schauspielerischen Künsten versuchte. Es war etwas, das in seinen Augen lag, was mir dieses Gefühl bescherte.
Doch was war es? Angst? Sehnsucht? Hilflosigkeit? Schmerz?




Übersetzung:

piccola schifosa mentitrice = kleine, miese Lügnerin
Piccolina = Kleine
Principessa = Prinzessin
merda = scheiße
porca puttana = verdammte Schlampe

2. Suprise, suprise (Epov)

Wenn ich mein Leben mit nur wenigen Worten beschreiben müsste, dann würde ich sagen, ich habe das erreicht, was ich wollte - auch wenn ich Abstriche machen musste. Doch es heißt ja bekanntlich, Zeit heilt alle Wunden. Die meinen hatte ich mir selbst zugefügt und diese sind nie ganz verheilt. Den Schmerz, den ich dadurch erlitten hatte, vergrub ich tief in meinem Innersten und war gewillt ihn niemals mehr an die Oberfläche dringen zu lassen. Es hatte funktioniert. Bis zum heutigen Tage blieb er verborgen ... doch nun schien alles wieder zurückzukehren.

Noch immer starrte ich auf die Tür meines Büros, hinter der Maria und Alice verschwunden waren und noch immer hielt ich mir meine Wange. Was war das bitte gewesen? Die Gefühle und die wirren Gedanken, die Besitz von meinem Körper und Verstand ergriffen hatten seitdem sie hier war, waren so alt und doch so neu. Vertrautheit, Anziehung, Erinnerungen an eine vergangene Zeit, die schon viel zu lange der Vergangenheit angehörten und nun wie eine Lawine auf mich einstürzten.



~*~



Als ich das Gespräch zwischen Alice, meiner Assistentin und Maria, die ich bis Dato nicht kannte, mit angehört hatte, konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Es war typisches Frauengeplapper, wobei die Tatsache, dass meine „rechte Hand“ als die ich Alice gerne bezeichnete, sich in unseren Pförtner Mr. Whitlock verliebt haben sollte, doch sehr interessant gewesen war. Alice arbeitete jetzt schon seit drei Jahren für mich, sie war nicht nur meine Assistentin, sondern sie wurde in den Jahren auch zu einer Art Freundin, sogar zu einer sehr guten Freundin und in der ganzen Zeit hatte sie sich für ihre Arbeit und mich aufgeopfert. Sie hätte es verdient, wenn ihre Liebe erwidert werden würde und dieser Whitlock schien ein ganz netter Kerl zu sein, sonst würde er wohl kaum für mich arbeiten, auch wenn es nur als Pförtner war. Ich würde Al bei passender Gelegenheit darauf ansprechen müssen.

Durch ein Räuspern und einem amüsierten Grinsen auf den Lippen meinerseits unterbrach ich die Unterhaltung der beiden, die mich einen Moment erschrocken anstarrten. Dann sprang Alice auf und überreichte mit ein paar Unterlagen, die ich, nachdem ich einen kurzen Blick darauf geworfen hatte, als Bewerbung erkannte. Alice stellte mir die Brünette als Ms. Masen vor, die sich für die freie Stelle der Marketingchefin beworben hatte.

Ich öffnete die schwere Tür zu meinem Büro und trat hinein in der Annahme, dass mir die Frau folgen würde. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte mir jedoch, dass sie das nicht tat, also forderte ich sie auf, mir nachzukommen. Ich setzte mich gemütlich in meinen bequemen schwarzen Ledersessel und legte die Bewerbungsunterlagen vor mir auf meinen dunklen Kirschholzfarbenen Schreibtisch ab. Mein Blick wanderte zu der Brünetten, die es ebenfalls endlich geschafft hatte in den Raum zu treten und wie angewurzelt stehen blieb und sich sichtlich beeindruckt umsah.

Von der Gesamtoptik her, zumindest den Teil, den ich bis jetzt sehen konnte, würde sie auf jeden Fall ins Bild der Mitarbeiter meiner Firma passen. Nicht das ich Oberflächlich wäre, doch ich wollte nicht nur gute Leistung, sondern auch gutes Aussehen. Schließlich stand meine Baufirma für moderne und junge Baukunst und dies sollten auch meine Mitarbeiter und ganz besonders die aus der Abteilung für Marketing aufweisen können.

Nachdem ich sie aufforderte sich zu setzen und sie dem nach kam, musterte ich sie nochmal eindringlicher aus der Nähe. Von ihren langen Beinen aufwärts über ihren schönen, schlanken, feminin-gerundeten Körper zu ihrem hübschen Gesicht, wo ich einige Sekunden verweilte und mich das erste Mal der Schock mit der Wucht eines Presslufthammers traf. Jetzt wo ich sie genauer betrachtete, fielen mir erst diese Ähnlichkeiten auf. Das Herzförmige Gesicht, die blasse Haut, die wohlgeformten Augenbrauen, die hohen Wangenknochen, die gerade Nase, die sich nach vorne hin zur leichten Stupsnase formte und die vollen, rosigen Lippen. Ms. Masen sah aus wie sie…wie meine erste große Liebe.

Wie Bella….

Selbst die Haarfarbe passte genau. Der einzige Unterschied bestand darin, dass Ms. Masen grüne Augen hatte und ein ähnlich schiefes Lächeln wie ich. STOPP….grüne Augen? Schiefes Lächeln, das meinem glich??? NEIN…nein, nein, nein…das konnte doch nicht?

Schnell schielte ich auf die Papiere, die offen vor mir lagen und suchte nach dem Geburtsdatum. Dort stand der 13. September 1984. Das hieß, sie war 25, also zu alt, um meine Tochter sein zu können. Der 13. September…das war auch Bellas Geburtstag, Sie und ich waren nun seit neunzehn Jahren getrennt und selbst wenn die Frau vor mit Jünger wäre, Bella hätte mich ausfindig gemacht und es mir gesagt, wenn sie ein Kind von mir bekommen hätte, also konnte das nicht sein. Es musste purer Zufall sein, vielleicht sollte sie meine persönliche Hölle werden? Mich daran erinnern, welch furchtbaren Fehler ich begangen hatte. Cullen, abwarten und seh nicht alles gleich schwarz…

Abschätzend blickte ich sie an…und dann tat ich etwas, was völliger Irrsinn war. Ich fragte sie doch tatsächlich, ob wir uns kennen würden. Warum ich ihr ausgerechnet diese Frage stellte, wusste ich nicht. Ich denke, ich wollte lediglich eine Bestätigung dafür haben, dass ich mir da etwas eingebildet hatte, was nicht sein konnte.
Als sie anfing mir zu antworten, stockte mir der Atem, denn der Anfang klang extrem danach, als wenn sich meine Befürchtung bestätigen würde, doch dann nahm die Sache einen anderen Verlauf an, der mich, um ehrlich zu sein, wieder beruhigte. Zufrieden mit der Antwort, dass wir uns nie zuvor getroffen hatten und sie mich ebenfalls nur aus Presse und Internet zu kennen schien, überlegte ich mir in Sekundenschnelle einen Start für das weitere Gespräch.

Dann begann ich mit meinen Fragen, was das Vorstellungsgespräch voran bringen sollte und was mich vor allem davon überzeugen sollte, dass sie auch für die Stelle taugte. Das, was ich von ihr wissen wollte, bezog sich auf das A und O des Marketings und war quasi der Grundbaustein dessen. Es handelte sich dabei um das AIDA-Prinzip und normal müsste dies jeder kennen, der BWL studiert hatte. Denn es war vom Grund her nichts anderes, wie für Mathematiker der Satz des Pythagoras. Jeder könnte diesen wie aus der Pistole geschossen aufsagen, doch Maria Masen zögerte und das ließ mich erneut stutzig werden.

Während ich ihre Bewerbungsunterlagen durchging und mir ihre Zeugnisse betrachtete, fragte ich sie, ob sie denn überhaupt dieses Prinzip kennen würde und was dann kam, verpasste mir den zweiten Schock, innerhalb von zehn Minuten. Es lag nicht an der Antwort selbst, sondern eher an dem Ton, in dem sie mir antwortete, der mich erneut aufblicken ließ, um sie zu mustern. Sie hörte sich in dem Moment genauso an, wie Bella, wenn sie sich angegriffen fühlte und versuchte sich zu verteidigen. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte, aber ich bemerkte, wie sich mein Mund öffnete und wieder schloss. Noch ehe ein Laut meiner Kehle entweichen konnte, fing sie an zu sprechen und erklärte das von mir verlangte AIDA-Prinzip.

Mittlerweile hatte ich mich wieder gefasst, meine Augen waren abermals auf ihre Bewerbung geheftet, stellte ihr eine weitere Frage bezüglich dieses Prinzips und zu gleich bat ich um Erlaubnis, sie beim Vornamen nennen zu dürfen, denn das tat ich bei den meisten meiner Mitarbeiter.
Und zum dritten Mal bekam ich einen Schlag verpasst, als sie mir, statt zu antworten die selbe Frage als Gegenfrage entgegen schmetterte. In gewisser Weise war ich völlig perplex und schockiert über diese Dreistigkeit. Noch nie hatte sich ein Mitarbeiter die Frechheit herausgenommen, beziehungsweise sich so respektlos verhalten, mich mit meinem Vornamen anzureden, schließlich war ich der Chef hier.

Doch als sie zusätzlich eine ihrer fein geschwungenen Brauen in die Höhe hob, riss es mir ganz den Boden unter den Füßen weg und vor meinem inneren Auge spielte sich eine Szene ab, an die ich lange nicht mehr zurück dachte.


**Flashback**

Es war mein erster Schultag an der Forks High, ich war 16 und schritt gerade durch die Tür der Cafeteria, als ich sie an einen der Tische entdeckte. Sie war mir bereits schon Stunden zuvor aufgefallen, als ich meinen Wagen auf dem Schulparkplatz abgestellt hatte und sah, wie sie an einer Mauer lehnte, mit ihren Freunden zusammen erzählte und lachte. Sie war so wunderschön, strahlte etwas Magisches aus, was mein Interesse erweckte und schon da hatte ich den Entschluss gefasst, dass ich sie kennenlernen musste. Durch Taylor, einem Typen aus meinem Jahrgang, erfuhr ich, dass sie Isabella hieß, aber lieber Bella genannt wurde und noch einiges mehr. Dies war nun also meine Chance. Selbstbewusst, mit der Hand durch mein Haar streichend, lief ich auf ihren Tisch zu, stoppte direkt vor ihr, setzte mein schiefes Lächeln auf und streckte ihr meine Hand entgegen.

„Hi, ich bin Edward Cullen und du bist Bella. Ich darf dich doch Bella nennen?“ siegessicher, grinste ich sie noch immer an, ohne einen Hauch von Zweifel, da ich mir meiner Wirkung auf das weibliche Geschlecht, vollstens bewusst war. Doch was sie anging, hatte ich mich wohl ein wenig verkalkuliert.
Spöttisch zog sie eine ihrer vollkommenen, wohlgeformten Augenbrauen in die Höhe und musterte mich von unten nach oben.
„Oh hi Eddy, ich darf dich doch Eddy nennen, nicht wahr?“, in ihrer Stimme schwang eine Spur von Empörung mit. Dann erhob sie sich von ihrem Platz und schlenderte murmelnd davon und ließ mich wie einen begossenen Pudel, der ihr fassungslos hinterher schaute, stehen.

**Flashback ende**


Kopfschüttelnd riss ich mich von der Vergangenheit los, räusperte mich geräuschvoll und versuchte mich wieder der Frau vor mir zu widmen, die mich fragte, ob alles in Ordnung mit mir sei. Ihre Anspielung mit den Namen hatte ich verstanden, sie wollte nicht, dass ich sie beim Vornamen nannte…also gut. Schnell gab ich ihr zu verstehen, dass ich den Wink mit dem Zaunspfahl registriert hatte, als sie plötzlich nachfragte, ob sie mich nun doch nicht mit Edward ansprechen durfte, was mich völlig verwirrte.

Wollte sie mich wahnsinnig machen? Wenn ja, dann Gratulation…sie war gerade dabei, dies erfolgreich durchzusetzen…

Genervt stöhnte ich auf und fuhr mir durch das wirre Chaos auf meinem Kopf. Das tat ich schon immer, wenn ich nervös, genervt, gestresst oder gar wütend war. Und im Moment vereinigten sich all diese Adjektive und brachten mich innerlich zum Kochen. Aber ich würde den Teufel tun und dieser Maria auch nur im Ansatz zeigen oder gar die Bestätigung erteilen, dass sie der Grund für meinen baldigen Wahnsinn war.

Unmerklich holte ich tief Luft und forderte Maria erneut auf, mit ihrer Erklärung bezüglich des AIDA-Prinzips fortzufahren. Dabei sprach ich sie mit dem Vornamen an und betonte diesen extra, was sie wieder schief Lächeln ließ. In meinem Inneren lief ich stetig gegen eine dicke Betonwand und fragte mich: „Wieso ich? Wieso jetzt? Warum sie?“
Diese gedankliche Verzweiflungstat, den Kopf gegen die Wand zu schlagen, wurde durch das klingeln eines Handys unterbrochen.

In dem Augenblick, als ich die Melodie erkannte, spürte ich, wie sich mein Herz zusammen zog und all mein Blut in meinem Adern gefror. Der Rest meines Körpers war taub und leblos und gedanklich war das einzige, was ich noch tun wollte…sterben.
„Sweet Child“ war unser verdammtes Lied. Wir liebten Axel Rose und wir mochten deren Musik und dieses eine Lied hatten wir zu dem Zeitpunkt das erste mal gehört, als wir in meinem Zimmer zusammen im Bett lagen und darüber sinnierten, ob wir wohl irgendwann Kinder haben würden, welche Namen diese bekämen und vieles mehr.


Konnte das wirklich alles nur Zufall sein, dass ausgerechnet wenige Tage vor meinem jährlichen Ereignis, welches mir immer vor Augen führen sollte, was für ein dummer und materieller Idiot ich doch war, eine Frau in mein Leben trat, die mich genau an die Person erinnerte, die ich so verzweifelt liebte und trotzdem so sehr verletzte - und zwar nicht nur vom Aussehen, sondern auch vom Verhalten her, wegen der ich das tat?

Ich gab Bella für nichts die Schuld, denn ich war ja der verfluchte Trottel, der seine Liebe aufs Spiel setzte und glaubte, irgendwann darüber hinwegkommen zu können. Doch in all diesen Jahren gab es nicht eine Frau, die auch nur annähernd mein Herz so berühren konnte wie sie.
In meinem ewigen Kampf gegen die Sehnsucht und das Verlangen nach ihr ... als ich bemerkte, dass es sinnlos war, dass ich sie nie gänzlich aus meinen Gedanken, meine Herzen verbannen können würde, beschloss ich meinen Frust anderweitig zu entsorgen. Ich nahm keine Rücksicht auf Verluste. Verluste und gebrochene Herzen, die ich wohl reihenweise hinter mir ließ. Jedesmal, wenn ich mit einer anderen Frau zusammen war, tat es nicht mehr so sehr weh und es erlaubte mir in diesen kleinen Momenten zu vergessen.

Ich wusste, dass ich vor neunzehn Jahren den größten Fehler meines Lebens begangen hatte, aber mir wurde keine Wahl gelassen. Sollte ich nun wirklich noch mehr dafür bestraft werden? Weiterhin leiden? Gerade jetzt, wo ich an einem Punkt angelangt war, an dem ich endlich wieder begann zu leben?

Sofort erfüllte sich mein Körper mit Zorn und Wut. Aus dem Augenwinkel erkannte ich, dass Maria gerade dabei war ihr Handy wieder zu zuklappen, vom Telefonat selbst bekam ich nichts mit, dafür war ich zu sehr mit meinen eigenen Gedanken beschäftig. Diese nun vollkommen anderen Gefühle, wollten aus mit herausbrechen und ich konnte sie nur mit Mühe zurück drängen.
Genervt blaffte ich die Kleine mir gegenüber an, ob sie endlich fertig sei und unwillkürlich hämmerten meine Finger auf dem Schreibtisch ein.

Sie entschuldigte sich bei mir und plötzlich erkannte ich, dass ich nicht auf sie wütend war, sondern ganz alleine auf mich. Alles was ich die Jahre über sorgsam vergraben hatte und nur an einem einzigen Tag heraus holte, überrollte mich voreilig. Es kam zu schnell, zu überraschend und ich war einfach nicht darauf vorbereitet.
Damit ich nicht doch noch die Kontrolle über mich verlieren würde, schnappte ich mir ihre Unterlagen und blätterte sie durch, bis ich ein ganzes Stück weiter hinten an ihrem Lebenslauf hängen blieb.

Und da fiel es mir auf. Diese Papiere konnten nicht echt sein, denn laut den Jahreszahlen, müsste sie mit fünf Jahren an der Forks High-School gewesen sein. Innerlich verkniff ich mir ein Lachen über dieses naive Verhalten.
Es war also doch möglich. Maria Masen sollte tatsächlich ... Konnte das sein?!
Abermals beäugte ich sie kritisch aus dem Augenwinkel heraus. Die langen, Mahagonifarbenen Haare, das herzförmige Gesicht. Die gerade, kleine Stupsnase. Ihr schiefes Lächeln, die strahlend grünen Augen. Die Art, wie sie die Augenbrauen nach oben zog, sich durch ihr Haar fuhr, auf ihre Lippe biss ... wie sie mit einem Finger über ihr Schlüsselbein fuhr, wenn sie nachdachte oder abwesend war.
Und dann diese Zeugnisse ... die aller Wahrscheinlichkeit nach – wenn ich sie genauer betrachtete – wohl Bellas Zeugnisse sein mussten.
Ich konnte es immer noch nicht ganz begreifen, aber ich empfand es als eine wunderschöne Vorstellung, dass ich eine Tochter mit meiner großen Liebe haben sollte.
Ich ließ die vergangenen fünfundzwanzig Minuten noch einmal Revue passieren und zählte eins und eins zusammen. Maria Mason war ganz offensichtlich Bellas und meine Tochter und hatte sich mit einer schlecht gefälschten Bewerbung ein Bewerbungsgespräch ergattert.

Meine Reaktion auf diese Erkenntnis war sicherlich mehr als ungewöhnlich, jedoch war ich in gewisser Weise entsetzt und trotzdem glücklich darüber, dass ich ein bereits erwachsenes Kind hatte, von dem ich nichts wusste und welches sich bei mir einschlich, um mich offenbar kennen zu lernen.
Ich meine ... sie wollte mich kennen lernen ... und das, obwohl sie genauso gut allen Grund hätte, auf mich sauer zu sein. Schließlich hatte ich ihre Mum verlassen ... ihr vermutlich das Herz gebrochen.
Doch dann überrollte mich die Enttäuschung. Wieso hatte sich Bella nie bei mir gemeldet? Okay, ich war gegangen ohne ein Wort davon zu sagen, wohin ich gehen würde, genauso wenig sagte ich ihr den wahren Grund meines Verschwindens. Und doch hätte sie mich ausfindig machen können und tat es nicht. Wollte sie unser Kind nicht mit mir teilen? Hatte sie womöglich Angst, dass ich nur wegen eines Babys bei ihr bleiben würde und nicht aus dem Grund der aufrichtigen Liebe? Ja, genau dies muss sie gedacht haben, es würde ihr so ähnlich sehen.

Doch wieso war Maria jetzt hier? Und war das überhaupt ihr richtiger Name? Und wieso stellte sie sich mir nicht direkt als meine Tochter vor, sondern versuchte sich an einer derartigen Schmierenkomödie?

Cullen, du könntest dich genauso gut fragen, warum du ihr nicht einfach sagst, dass Daddy Bescheid weiß!

Hmpf ... Vorerst galt es erst einmal herauszufinden, warum genau sie eigentlich hier war. Und warum sie den indirekten Weg wählte, anstatt einfach hereinzuplatzen und zu sagen „Hey, Dad, hier bin ich.“

Weil sie dann vermutlich nicht Bellas Tochter wäre...

Ich würde also vorerst in dieses Theater mit einsteigen und sehen, wohin es und führte und wie es sich entwickelte und dann entscheiden.

Mein Blick wanderte zu dem hinzugefügten Foto und mit den Augen verglich ich noch einmal die ganzen Merkmale und stellte mir vor, wie schön es doch gewesen wäre, mit Bella die Zeit der Schwangerschaft durchzustehen: Der erste Ultraschall, die ersten Tritte, die Schwangerschaftslaunen, die bei meiner Liebsten sicher Amüsant gewesen wären und dann die Geburt. Ich hätte sie in meinen Armen gehalten, während sie tapfer all die Schmerzen ertragen hätte, um unser beider Schöpfung aus ihrem wunderschönen, göttlichen Körper zu pressen. Ich hätte nicht nur meine väterlichen Pflichten bestritten, ich wäre jede Nacht aufgestanden, um unser Fleisch und Blut zu füttern und zu wickeln. Später, wenn sie älter gewesen wäre, hätte ich ihr alles beigebracht, was sie wissen müsste.
Ich wäre immer für sie da gewesen...

Doch all das blieb mir verwehrt und das nicht zum ersten Mal.
Ein leicht stechender Schmerz durchfuhr meine Brust.

Einige Jahre nachdem ich Forks verlassen, mein Studium hinter mich gebracht und mich nach Europa abgesetzt hatte, ließ ich mich wieder auf eine Frau ein. Damit meine ich, dass ich nach sieben Jahren, in denen ich nur, direkt ausgedrückt, herum gehurt hatte, eine Frau in mein Leben ließ, die ich länger als für eine Nacht duldete. Ich liebte sie nicht, aber ich hatte es so satt, stetig Neue zu suchen. Ich wollte sesshaft werden, auch wenn das hieß, meine Schauspielkünste ausreifen zu müssen. Jedoch hielt das Ganze nicht länger als ein halbes Jahr. Ich ertrug es einfach nicht, jemanden bei mir und um mich zu haben, für den ich nichts empfand. Natürlich war Catherine Donahue hübsch, intelligent und nett, aber sie war eben nicht meine Bella. Und je mehr sich Cat bemühte, umso abstoßender fand ich das Ganze.


Diesmal waren es die Klänge meines Handys, die mich aus den Gedanken rissen. Auch ich hatte Axel Rose und einen Song, der mich an meinen Fehler erinnerte, als Klingelton.
November Rain….ja es war November, so wie jetzt auch und in acht Tagen wäre es zum wiederholten Male soweit. Der 10.11 seit neunzehn Jahren der Tag, an dem ich mich hasste, verfluchte und all den verborgenen Schmerz ausgrub.
Noch immer sang Axel den Text. Schnell nahm ich das Gespräch an.

„Hallo, mein Schatz“, begrüßte ich die Person am anderen Ende der Leitung.

„Daddy, Barbie und Ken sollen heiraten und ich brauche jemanden, der die Hochzeit ausrichtet. Darf ich mir den besten Wedding-Planer aussuchen, den England zu bieten hat? Büüüüüdddeee, Daddy.“, fragte mich meine elfjährige Tochter, deren Mutter mein kläglich, gescheiterter Beziehungsversuch Catherine war.

„Tanya, es ist mir egal, welchen Hochzeitsplaner du engagierst, für dich ist mir nichts zu teuer.“, antwortete ich ihr. Mir war klar, dass sie das nicht ernst meinte und es zu ihrem Spiel gehörte.

Beim ersten Mal bekam ich fast einen Herzinfarkt und fragte mich, welche Flausen Cat ihr in den Kopf pflanzte, doch mittlerweile verstand ich die Spielregeln und spielte einfach mit.

Gedankenverloren zog ich eine Braue in die Höhe und Grinste, während ich über meine Kleine und ihre Spiele nachdachte.

Tanya hatte bis auf einen leichten Rot-Stich in den Haaren absolut keine Ähnlichkeiten mit mir. Sie glich zu 99% ihrer Mutter und lebte auch die meiste Zeit bei dieser. Wir hatten uns bereits vor der Geburt darüber geeinigt, dass ich definitiv meiner Vaterpflicht nachkommen würde, es allerdings nichts daran ändern würde, was die Trennung betraf. Ich stellte alle finanziellen Mittel und nahm Tanya auch alle zwei Wochen zu mir, kümmerte mich um sie, wie es sich für einen Vater gehörte. Anfangs hatte ich recht wenig Bindung zu ihr, da ich immer der Meinung war, dass all meine Gefühle nur Bella galten und für niemand anderen mehr ausreichen würden. Doch je öfter ich meine kleine Tochter um mich herum hatte, umso mehr liebte und verwöhnte ich sie.
Tanya wurde zu meinem Goldschatz, der mir Halt gab, wenn die Sehnsucht und die Verzweiflung versuchten mich wieder in die Tiefe zu reißen.

„Danke, Daddy. Wann kommst du heute nach Hause?“, holte mich die helle Stimme meines Goldengels aus den Gedanken.

„Wie immer, meine Süße, ich werde mich natürlich beeilen.“, erwiderte ich und mein Blick haftete derweil an Maria, die wütend zu sein schien. Und wenn man den Spruch: „Wenn Blicke töten könnten“ für bare Münze nehmen würde, dann wäre ich sicherlich völlig leblos zur Seite gekippt, denn ihre Augen durchbohrten mich. Zudem war ich ganz froh darüber, kein Gedankenleser zu sein. Wer weiß, welche Mordszenarien sie gerade gedanklich durchging?

Ich beendete das Gespräch mit Tanya und beäugte meine andere Tochter, teils belustigt und teils ungläubig, da mir nicht einfallen wollte, woher ihr Stimmungsumschwung so plötzlich kam.
Nach meiner Frage, ob mit ihr alles in Ordnung sei, räusperte sie sich und schien ihre Wut zügeln zu wollen, jedoch kam ihre Antwort und vor allem mein Name schärfer aus ihrem Mund als vermutlich beabsichtigt.
Der Ton, der den Klang ihrer Stimme in diesem Augenblick beherrschte, erinnerte mich erneut an meine Bella…ich setzte eine ausdruckslose Maske auf und musterte Maria von neuem….nur wenige Sekunden lang. Sie dachte nach. Die verschiedensten Emotionen flackerten in ihren Augen auf, die das Ebenbild meiner waren ... und trotzdem konnte ich sie nicht lesen.

Anschließend erschien wieder mein schiefes Lächeln auf ihrem Gesicht und wieder traf es mich mit einem Fausthieb, wie ähnlich sie Bella und mir doch war.

Ungeachtet dessen, musste ich mich und meine Gefühle wieder unter Kontrolle bringen. Wie würde sie reagieren, wenn ich ihr jetzt schon zeigen würde, dass ich sie durchschaut hatte? Und ich wollte alles über sie wissen, sie kennenlernen, ohne Vorbehalte also würde ich das durchziehen müssen. Bis auf den Lebenslauf waren die Zeugnisse in Ordnung. Na ja ... Bellas Zeugnisse waren in Ordnung – denn ich war mir nahezu hundertprozentig sicher, dass es die ihren waren – aber in Anbetracht der Tatsache, dass Maria unsere Tochter war, konnte sie eigentlich nur ein intelligentes kleines Mädchen sein ...
Ich meine, allein ihr Einfallsreichtum was diese ganze gefälschte Bewerbungsgeschichte anging war doch wohl Beweis genug.

Mit einem wiederholten Räuspern zog sie meine Aufmerksamkeit wieder auf sich und ich erklärte, dass ihre Papiere in Ordnung seien und sie die Stelle haben könnte, insofern sie ihre Kompetenzen wahren würde. Mit dieser Aussage spielte ich auf ihre Dreistigkeit an, bevor ich realisierte, dass sie meine Tochter war.
Flüsternd fragte sie mich nochmal, ob ich diesen Job wirklich an sie vergab und ihrem Gesicht nach zu urteilen schien sie meine Antwort anzuzweifeln, also nickte ich und unterstrich dies mit einem breiten Grinsen.

Plötzlich spürte ich zwei dünne Ärmchen um meinen Hals, hörte ihr lautes Lachen und mittendrin das Wort Danke, dass sie immer und immer wieder wiederholte.
Eine ungeahnte Welle des Glücks überrollte mich ... auch wenn sie noch nicht wusste, dass ich es wusste. Aber ich hielt soeben zum ersten Mal meine große Tochter in den Armen ... und das Gefühl war einfach wundervoll.
Dann - mit einem Mal - schlug mir ihr Duft in die Nase und sofort versteifte sich mein ganzer Körper. Sie sah nicht nur aus wie Bella, sie roch auch noch wie sie. Nie würde ich den Namen ihres Parfums vergessen. Sie benutzte immer „Eternity“ von Calvin Klein, welches eine lieblich, blumige Note besaß, die aus Rosen, Freesien, Lilie, Mandarinenblüte und unter anderem aus Zitronenblüte bestand. War es möglich, dass es das noch immer gab und Maria dies nun auch verwendete?

Sie bemerkte meine Starre, löste sich von mir, trat einen Schritt zurück und murmelte eine leise Entschuldigung. Ich wusste nicht wieso, doch ehe sich Maria wieder ganz von mir entfernen konnte, griff ich nach ihrem Handgelenk und hielt sie fest. Ihrer Kehle entwich ein Keuchen und ihre Augen weiteten sich unmittelbar daraufhin.

Ich erhob mich aus meinem Sessel und stand nun ganz nah vor ihr und blickte auf sie hinab, tief in ihre Augen. Am liebsten hätte ich sie an meine Brust gezogen und sie fest an mich gedrückt. Wollte all die Jahre, die ich verpasst hatte, in dem einen Augenblick nachholen und sie all die Liebe spüren lassen, die ich für ihre Mutter empfand und nun auch mit Maria teilen würde.

Noch einmal wollte ich ihren Duft, diesen wunderbaren, süßen, blumigen Geruch tief einatmen und beugte mich ein wenig zu ihr hinunter, ließ sie dabei nicht eine Sekunde aus den Augen, als ich mit einem Mal einen Knall und einen stechenden Schmerz vernahm, der durch meine rechte Gesichtshälfte schoss. Sie hatte mich geohrfeigt und sich von mir losgerissen. Warum?

Eine Hand auf meine Wange haltend, starrte ich sie an und erst dann realisierte ich, dass sie wild mit den Händen in der Luft fuchtelnd durch mein Büro auf und ab rannte, gleichzeitig warf sie mir die unmöglichsten Unterstellungen an den Kopf. Du solltest dich verteidigen, Cullen…sie ist deine Tochter und denkt gerade, dass du sie womöglich küssen wolltest…tu was!

Doch bevor ich etwas sagen oder unternehmen konnte, klopfte es an der Bürotür und Alice kam herein. Sie fragte, ob alles in Ordnung sei, weil ihr das Geschrei nicht entgangen war. Maria stoppte in ihrem Tun und beschwichtige meine Assistentin und Freundin mit der Aussage, dass alles Bestens sei und sie gerade im Begriff war zu gehen. Kaum das sie die Worte ausgesprochen hatte, war sie auch schon aus der Tür verschwunden und Alice mit ihr, nachdem ich von ihr noch einen Blick kassierte, der soviel bedeutete wie: „Was zur Hölle hast du angestellt?“

Und ich stand immer noch da wie angewurzelt. Mein Verstand schrie mich an, dass ich das klarstellen sollte, doch mein Körper tat einfach gar nichts. Ich war zu einer Statue mutiert und konnte trotz meines starken Willens, nicht dagegen ankämpfen. Woran das lag, wusste ich selbst nicht. Aber wie Maria so hin und her lief, erweckte dies ebenfalls wieder Erinnerungen und Bilder, die sich nicht verdrängen ließen, weil es genau diese waren, die mich seit neunzehn verfluchten Jahren immer wieder einholten.


Es war der 10. November 1990 ein verdammt regnerischer Tag in Forks und der Tag an dem sich mein ganzes Leben veränderte. Der Tag, an dem ich mein eigenes Herz in den Abgrund gerissen hatte. Damals war mir dessen noch nicht klar und ich tat im Grunde nur das, was man von mir verlangte.

**Flashback**

Wie jeden Samstag stand ich nachmittags um kurz nach Drei vor dem Haus der Swans und holte Bella wie üblich ab. Der Regen hatte sich gerade eingestellt, was mir nur recht sein konnte. Heute würden wir nicht nach Port Angeles in unser Stammcafé fahren und uns mit unseren Freunden treffen. Heute würde ich mich von ihr verabschieden und ihr für die letzten zwei Jahre, in denen sie mir ihre Liebe geschenkt hatte, bedanken. Die Wahrheit würde ich ihr nicht sagen können, denn sie würde es nicht verstehen, ich selbst verstand es ja noch nicht einmal wirklich und trotzdem stand ich hier und wartete geduldig, dass sie aus dem Haus kam.

Als sich die Tür öffnete, trat meine Bella heraus und winkte mir zu, bevor sie die Treppen der Veranda hinab rannte, direkt auf mich zu. Sie war das schönste Geschöpf, dass ich je gesehen hatte; mit ihrem wunderschönen, langen, braunen Haar und den wilden, großen Locken, die ihr vollkommen atemberaubendes, schönes Gesicht umspielten. Ihre warmen, tiefbraunen Augen, darüber die völlig akkurat, geschwungenen Brauen und die gerade, kleine Stupsnase. Und nicht zu vergessen, ihre vollen rosafarbenen Lippen, die mich immer wieder aufforderten, sie zu küssen ... zu schmecken. Mein Herz begann zu rasen, mein Puls schoss in die Höhe und die Flugzeuge drehten Loopings in meinem Bauch. Dies war die normale Reaktion auf meine Geliebte Bella. Für den Moment verdrängte ich das Motiv meines Erscheinens und fing sie auf, als sie in meine Arme sprang. Ganz innig drückte ich sie an mich und presste meine Lippen mit all meiner Liebe und Leidenschaft, die ich aufbringen konnte, auf die ihren. Ohne auf ihre Erlaubnis zu warten, schob ich meine Zunge in ihren Mund, suchte die ihre, umspielte sie mit meiner und saugte an ihr. Ich musste sie einfach spüren und schmecken…wenigstens ein letztes Mal. Nie wollte ich mich von ihr lösen, doch der Mangel an Luft machte dies notwendig. Dann atmete ich ihren blumigen Duft tief ein und hielt meine Augen fest verschlossen, als würde ich schlafen und in einem wunderschönen Traum stecken, aus dem ich nie mehr erwachen müsste.

Bella war es, die sich von mir löste und mich merkwürdig musterte.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie mich mit hochgezogener Braue. Meine Antwort war ein schlichtes Kopfnicken, denn ich wusste, würde ich den Mund öffnen und den Versuch starten zu reden, ich würde kläglich scheitern und in Tränen ausbrechen. Mein Traum würde heute enden, doch ehe es dazu kam, würde ich versuchen, meiner Bella die Zeit bis dahin noch zu versüßen.

Sie glaubte mir nicht, das konnte ich in ihren Augen lesen, doch sie sprach mich nicht weiter darauf an. Ich drehte mich von ihr weg und öffnete die Beifahrertür meines Wagens, an dem wir bis eben noch gelehnt hatten. Bevor sie einstieg hielt ich sie nochmal an ihrem Handgelenk zurück, gab ihr einen flüchtigen, zärtlichen Kuss auf den Mund und zwang mir ein leichtes Lächeln auf. Dann stieg Bella ein. Während ich das Auto umrundete, sprach ich mir gedanklich immer wieder Mut zu.

Die Fahrt verlief anfangs schweigend, doch als sie merkte, dass ich nicht die Straße nach Port Angeles einschlug, sondern die nach La Pusch, sah sie mich verwirrt an.

„Fahren wir heute nicht ins Veela?“ Wieder schwieg ich und schüttelte lediglich den Kopf. Aus den Augenwinkeln, erkannte ich, dass Bella die Lippen kräuselte und die Augen zu Schlitzen verengt hatte. Sag was Cullen…mach dein verdammtes Maul auf…mahnte ich mich selbst. Doch ich konnte nicht, zu fest steckte der Kloß in meiner Kehle.

„Okay, Edward Anthony Cullen, ich will jetzt wissen, wo wir hinfahren und DU…“, dabei piekte sie mir mit ihrem schlanken Zeigefinger in den Arm „…wirst jetzt sofort deinen Mund aufmachen und es mir sagen.“ In ihrer Stimme schwang ein Funken Wut mit und noch immer stocherte sie mit dem Finger auf mich ein, unaufhörlich, was mich unwillkürlich zum Lachen brachte, obwohl es mir weiß Gott nicht danach zu Mute war. Aber eine wütende Bella war mehr als amüsant. Ein solch liebliches Geschöpf wie sie es war, konnte nicht wütend sein und wenn doch, dann sah sie noch bezaubernder aus als sonst.

Das Lachen tat mir gut, der Knoten in meinem Hals löste sich und ich war wieder fähig, meine Stimme einzusetzen.

„Schon gut, meine Süße, ich sag es dir.“ Ich zwinkerte ihr zu und setzte erneut zum Reden an. „Wir fahren an die Klippen…da wo…“
„…alles angefangen hat“, beendete sie meinen Satz und ich nickte bestätigend, löste meine Hand vom Lenkrad und griff nach der ihren. Mit ineinander verwobenen Händen, die auf ihrem Schoß ruhten, fuhren wir immer weiter unserem Ziel entgegen, dabei sah Bella gedankenversunken aus dem Fenster.
Mir selbst zog es sämtliche Innereien zusammen, mit jeder weiteren Minute die verstrich, wurde mein Gefühl bestärkt, dass Bella bereits wusste, was passieren würde und trotzdem sagte sie nicht einen Ton.

Den Wagen parkte ich wie immer am Straßenrand, stieg aus, öffnete den Kofferraum und entnahm diesem eine dicke Decke. Bella war ebenfalls schon ausgestiegen, mit geschlossenen Augen richtete sie ihr Gesicht hinauf gen Himmel und atmete tief die frische Novemberluft ein. Ich hätte sie stundenlang so betrachten können, wie ihre wilden Locken vom Winde verweht wurden. Überhaupt sah sie wieder etwas verrückt und doch absolut perfekt aus. Sie trug eine dicke, hüftlange Winterjacke, einen kurzen, grauen Bundfaltenrock, darunter schwarze Leggins, mit schwarz-weiß gestreiften Overknees und flachen, schwarzen Ballerinas.

Sie wirkte so losgelöst, als würde alles Glück und Schöne auf Erden in ihr vereint sein.
Ohne es zu merken, hatte ich mich auf sie zubewegt und stand nun ganz nah vor ihr, blickte in ihr Gesicht und versuchte mir jedes noch so winzige Detail einzuprägen, damit ich dies niemals vergessen würde. Augenblicklich fühlte ich, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten, schnell schloss ich diese, um die salzige Flüssigkeit zurück zu drängen. Just in diesem Moment berührte etwas Zartes, Weiches meinen Mund. Es waren ihre Lippen, welche die meinen eroberten.
Augenblicklich fasste ich Bella mit der rechten Hand an die Taille und zog sie so eng an mich, dass nicht mal mehr ein Blatt Papier zwischen uns gepasst hätte. Wie ein ertrinkender klammerte ich mich an sie, ihre Hände fanden den Weg um meinen Hals und Bella verschränkte sie in meinem Nacken miteinander.

Es waren nur wenige Sekunden, die wir so verbrachten, doch mir kam es vor wie Stunden und ich wollte es für immer, für die Ewigkeit.

Aber dies war nicht möglich und ich war derjenige, der dieser Sache ein Ende bereiten musste. Mein Verstand wurde wieder klarer und wir lösten uns voneinander. Mit verschränkten Händen liefen wir den schmalen Weg durch das kleine Stückchen Wald, der zu den höchsten Klippen von La Push führte. Unser Lieblingsort, der Ort an dem sie zu meiner Bella wurde.

Dort angekommen, breitete ich die Decke auf dem harten Fels unter uns aus, wo wir uns auch gleich nieder ließen.
Ich saß hinter ihr und sie zwischen meinen Beinen, mit dem Rücken an meine Brust gelehnt. Abermals zog ich sie in einer festen Umarmung an mich. Mein Gesicht vergrub ich dabei in ihren Haaren und genoss ihren Duft, den ich wohlmöglich niemals wieder riechen würde, den ich aber unter gar keinen Umständen vergessen wollte.

Minutenlang starrten wir regungslos in die Ferne und ergötzen uns an dem Ausblick, der sich uns bot. Das einzige, was die Stille durchbrach, was das Pfeifen des Windes und das unregelmäßige Schlagen unser beider Herzen. Beide pochten sie wild in unserer Brust, ihres wohl vor Liebe und das meine wegen des aufkeimenden Schmerzes, der immer mehr wurde.

Ich wusste, nun war es soweit, jetzt müsste ich es beenden und den Schlussstrich ziehen…einen glatten Bruch.

Gerade als ich meinen Mund öffnete, drehte sie sich ruckartig zu mir um und versiegelte meine Lippen zum wiederholten Male mit den ihren. Ich versuchte dagegen anzukämpfen und es gelang mir. Meine Hände legten sich auf ihre Schultern und ich konnte sie ein Stück von mir drücken. Was ich allerdings dann zusehen bekam, zerriss mir fast das Herz. Ihre Augen durchbohrten die meinen und ich konnte die stumme Bitte darin erkennen, sie nicht von mir zu stoßen.


Ich löste meine Hände und eine legte ich auf ihre Wange, was für sie das Zeichen war, ihre weichen Lippen abermals auf meine zu pressen.
Und ich küsste sie mit all der Liebe, all der Leidenschaft und all der grenzenlosen Verzweiflung, die ich im Moment empfand.

Wie sollte ich es jemals, ohne sie schaffen? Wie sollte ich ihr jemals sagen, dass dies vielleicht unser letzer Kuss war? Das letzte Mal, das wir uns sahen?

Ihre zarten Hände schoben sich unter den Bund meiner Jacke und meines T-Shirts und legten sich kalt auf meine warme Brust.
Und da wurde mir erneut klar, dass ich es beenden musste. Das ich es beenden musste, bevor ich noch mehr Schaden anrichten konnte.
Ich griff nach ihren Hüften und versuchte sie ein Stück von mir wegzuschieben.
„Bella, ich ... ich muss dir etwas sagen.“, murmelte ich schwach gegen ihre Lippen. Ihre Hände krallten sich in meine Haut und sie drängte sich mir näher entgegen.
„Nicht jetzt.“, hauchte sie, ehe sie meine Lippen mit einem erneuten Kuss versiegelte. „Später.“ Ihre Hände bewegten sich langsam wieder meinen Körper entlang nach unten und platzierten sich an meinem Hosenbund.
„Aber, Bella ...“
„Pscht.“, abermals verschloss sie meine Lippen mit einem Leidenschaftlichen Kuss.
Und ich war verloren.

Ich war hoffnungslos verloren und das wusste ich so sicher, wie nie zuvor.

Ich spürte, wie ihre Hände langsam meine Hose öffneten und sie anschließend eine Hand in meine Boxer gleiten ließ. Ich zischte laut.
„Bella, es ... es ist kalt.“, startete ich einen letzten schwachen Versuch, sie von ihrem aktuellen Kurs abzubringen. Doch ich schaffte es nicht. Wusste nicht einmal mehr, ob ich das überhaupt noch wollte.
„Halt, mich fest Edward.“, hauchte sie und führte eine meiner Hände unter ihre Jacke und ihre Bluse. „Berühr mich. Dann wird uns nicht kalt.“

Umgehend kam ich ihrem Wunsch nach. Ich konnte nicht anders. Alles in mir sehnte sich nach ihr, nach ihrem Körper, ihrer Nähe. Mit all meiner verzweifelten Liebe klammerte ich mich an diesen einen Augenblick und ich tat alles, um ihn jetzt noch nicht zu verlieren. Alles, um sie noch ein paar Sekunden, ein paar Minuten an meiner Seite zu wissen.
Meine vom starken Novemberwind ganz kalten Hände bewegten sich langsam über ihren flachen Bauch. Ich sah sie nicht, doch ich spürte jeden Zentimeter ihrer warmen, weichen, elfenbeinfarbenen Haut.
Unsere Lippen waren immer noch in einem innigen Kuss verschmolzen und ich lechzte nach der unmöglichen Unendlichkeit dieses Momentes.
Ich wollte die Zeit anhalten, wollte, dass das hier nie endete. Ich wollte sie halten, sie spüren, sie lieben, sie riechen und sie schmecken können ... für immer.
Ich wollte vergessen, dass wir bereits am Ende angekommen waren ... ich wollte mir einbilden, dass es nicht vorbei war. Dass wir noch immer unendlich und ein Ganzes waren.

Langsam schob sich meine Hand unter den dünnen Stoff ihres BHs.
Ihre seidige Haut unter meinen Händen, ihre zarte Knospe, die sich mir entgegen reckte ... vorsichtig drückte ich sie zurück auf die Decke, sodass ich über ihr schwebte.
Und so lag sie vor mir ... meine Bella.
Ihre wunderschönen braunen Augen, die mit all ihrer Liebe in die meinen Blickten, ihre von der Kälte geröteten Wangen, die zerzausten Locken ihres weichen Haares, ihre weichen Lippen, ihrer zarte Nase ... die ganze Welt, SIE, mein Leben lag mir zu Füßen.

Ihre kleine Hand bewegte sich immer noch in meiner Hose. Schloss sich um meine Länge und rieb sie in sanften, langsamen Bewegungen.
Alles war wie bei unserem ersten Mal. Leicht, vorsichtig ... erforschend. Und instinktiv wusste ich, dass es jetzt gerade genauso sein sollte. Und doch war es so verdammt falsch.

So sehr ich diesen Gedanken auch verabscheute, aber es endete, wie es begonnen hatte. Hier an den Klippen schloss sich der Kreis unserer Liebe.

Eine ihrer Hände wanderte in meinen Nacken, um mich für einen erneuten Kuss zu ihren Lippen zu führen.
Unterdessen schob sie mit ihrer anderen meine Hose ein wenig nach unten, sodass meine Erregung sich nun frei gegen ihren flachen Bauch drückte.
Meine Lippen wanderten ihren Hals hinab.
Ich öffnete die dicke Jacke ein wenig, sodass ich ihr Schlüsselbein liebkosen konnte.
Ich biss leicht hinein und leckte danach beruhigend darüber.
Ich wollte irgendetwas von mir auf hier hinterlassen. Wollte, dass ich noch ein wenig länger ein Teil von ihr sein konnte ... auf ihrer Haut sein konnte. Auch, wenn ich schon gegangen war.

Ich rollte ihre inzwischen harte Knospe zwischen meinen Fingern und spürte ihren heißen, keuchenden Atem in meinem Haar.
„Edward.“, hauchte sie atemlos. Ich sog jeden ihrer Laute in mir auf. Jede ihrer Berührungen, ihren Geruch, den Geschmack ihrer Haut. Ich wollte mich später genau an diesen Moment erinnern können.

Meine linke Hand, die nach wie vor an ihrer Hüfte lag wanderte langsam ihren Oberschenkel hinab. Liebkoste ihre langen, schlanken Beine durch den Stoff ihres Rockes hindurch, bis sie dessen Saum erreichten.
Fast schleichend schob ich meine Hand darunter und ließ sie auf dem dünnen Stoff ihrer Leggings wieder nach oben gleiten.
Bellas Hände lagen nun beide in meinem Nacken, wanderten nach oben und krallten sich in mein Haar – fester als je zuvor.
Es war fast so, als spürte auch sie, dass dieser Moment ... das Ende war. Der letzte wundervolle Augenblick einer unvergesslichen Liebe. Unsere Unendlichkeit.

Diesen Augenblick würden wir für immer festhalten. Ihn wie einen Talisman unser ganzes Leben lang in unseren Herzen tragen. Bis ins Grab.

Meine Hand erreichte den Saum ihrer Leggings und zusammen mit ihrem Slip zerrte ich sie ihr bis weit unter die Kniekehlen nach unten.
Sie zitterte leicht, doch ich wusste nicht, ob dies an meiner Berührung oder einfach nur der kalten Novemberluft lag.
Ich löste mich von ihrem Hals, krabbelte ein Stück tiefer und liebkoste die weiche Haut an der Innenseite ihrer Oberschenkel.
Küsste zärtlich den vorherigen Pfad meiner Hände wieder hinauf, bis ich das Ende ihrer Schenkel erreichte.
Ich drückte einen sanften Kuss auf ihre heiße, feuchte Mitte und hörte, wie Bella kurz auf keuchte.
„Bitte, Edward. Bitte ... ich ... bitte.“

Ich wusste, was sie wollte und ich wusste auch, dass dies nicht der Moment für irgendwelche Spielchen war. In ihrer Mitte lag so viel mehr, als reine sexuelle Begierde oder Leidenschaft. Da war Sehnsucht, sie suchte Halt, Nähe ... und möglicherweise war da sogar eine Spur meiner eigenen Verzweiflung.
Ich rutschte wieder nach oben und platzierte meine Lippen über den ihren. Mit meiner Hand schob ich ihren Rock nach oben und legte die Spitze meiner Erregung an ihren feuchten Eingang.

Ich sah in ihre Augen und für einen Moment schien tatsächlich die Zeit stillzustehen. Ich wollte, dass sie wusste, wie sehr ich sie begehrte, sie liebte, sie vergötterte. Ich versuchte all meine Emotionen in diesen einen Augenblick zu legen.
Ihr Atem kam immer abgehackter und schlug gegen meine leicht geöffneten Lippen.

„Ich liebe dich.“ hauchte ich leise. Und verschloss ihre Lippen mit den meinen, als ich langsam und zärtlich in sie eindrang.
Sie stöhnte meinen Namen in den Kuss hinein und ich konnte nicht anders; schob meine Hände unter ihren Rücken, drückte sie so nahe an mich, dass ich ihren Herzschlag an meiner Brust spüren konnte. Sie .. sie war alles was ich brauchte und ich wusste nicht, wie ich ohne sie überleben sollte.
Eine einzelne Träne verließ mein Auge und fand ihren Weg in Bellas Haar, welches der Wind nun wild um unsere beiden Köpfe wehte.
Ihre Hände krallten sich beinahe schmerzhaft in die meinen und in meine Haut ... doch sie war immer noch nicht nah genug. Konnte gar nicht nah genug sein.
In diesem Moment begriff ich, dass ich die Zeit nicht aufhalten könnte. Auch wenn ich Bella noch in meinen Armen hielt, unserer Körper noch immer in inniger Vereinigung verschmolzen waren ... so hatte es doch bereits begonnen.
Ich verließ sie. In diesem Moment hatte ich angefangen, zu gehen ... mich zu entfernen.

Allein diese Erkenntnis brachte meinen Körper zum Beben. Ich hatte Angst ... Angst davor, ohne sie zu sein. Angst davor in einer Welt ohne sie zu leben, ihr lachen und ihre warmen Augen nicht mehr sehen zu können. Verzweifelt vergrub ich mein Gesicht an ihrer Halsbeuge, während ihre Nägel sich schmerzhaft in meine Haut vergruben. Tief sog ich ihren süßen Duft ein, presste die Lippen zusammen, als ich spürte wie ihre Muskeln um mich herum kontraktierten. Ich realisierte, dass Bella soeben ihren Höhepunkt erreichte ... den letzten mit mir. Der letzte Augenblick überschwänglicher Leichtigkeit und Freude, den wir beide teilen würden.
Das zusammenziehen ihrer Muskeln bewirkte, dass auch ich meiner Erlösung entgegentrieb.

Erlösung ... was für ein beschissenes Wort. Nichts würde mich je von der Last, die nun auf meinem Herzen lag, erlösen können. Nur sie ...

„Ich liebe dich, Edward.“, keuchte sie atemlos, als ich mich in ihr ergoss. Ich drückte sie noch ein wenig fester an mich. Wollte sie nicht ziehen lassen, obwohl ich wusste, dass es schon zu spät war.
„Für immer, Bella.“, hauchte ich und brachte meine Lippen zum letzten Mal zu ihrem zarten, weichen Mund.

„Für immer ...“, hauchte ich noch einmal und verlor mich in diesem süßen Moment.


Stunden später standen wir wieder vor ihrem Haus, an der Motorhaube meines Wagens gelehnt und sahen uns tief in die Augen. Lange konnte ich diesem Blick nicht stand halten, ich hatte bereits zu lange gewartet und dabei einen Fehler nach dem anderen begangen. Doch jetzt gab es kein zögern mehr.

„Bella, ich werde weggehen“ Meine Stimme klang härter als beabsichtigt, aber dies war wohl notwendig.

„Ich weiß…“, flüsterte sie brüchig. „…aber nur noch ein Jahr, dann kann ich auf das gleiche College….“

„NEIN“, unterbrach ich sie forsch und mein Blick heftete sich auf ihr Gesicht.

„Aber…“, erschrocken riss sie die Augen auf und ihr klappte die Kinnlade gen Boden, als sie mein Kopfschütteln sah. Sie taumelte ein paar Schritte zurück, ihre Augen musterten mein Gesicht, suchten nach Anzeichen dafür, dass ich log … Meine Lippen bildeten eine schmale Linie, als sie auf keuchte, sich am Geländer der Verandatreppen festhielt. Sie hatte verstanden. Dann drehte sie sich von mir weg und lief den kleinen Weg vom Vorgarten bis zur Verandatreppe auf und ab, die Augen geschlossen und die Arme vor der Brust verschränkt. Mir war klar, dass es in ihrem Kopf ratterte und sie gerade über die ausgesprochenen Worte und das noch Ungesagte nachdachte. Am liebsten hätte ich sie gestoppt, wieder in meine Arme gezogen und sie ganz fest an mich gedrückt und alles wiederrufen, doch das konnte und durfte ich nicht. Ich hatte verdammt nochmal keine Wahl. Es brachte mich fast um, sie so zu sehen, so verzweifelt nach einer Lösung suchend, also tat ich das, was mir in dem Moment in den Kopf schoss.

Ich umrundete den Wagen, stieg ein und fuhr ohne einen weiteren Blick auf sie davon.

**Flashback ende**



Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen hatte, denn gleich am nächsten Tag verließ ich Forks und zog mit meiner Familie nach Los Angeles, wo ich sechs Jahre lang lebte und studierte. Und nun war ich hier in England, hatte meine eigene Firma und der Grund, der mich damals zu diesem Entschluss zwang, war ebenfalls nicht mehr vorhanden. Warum ich dann nicht gleich die Chance ergriff, um meiner Liebe wieder Nahe zu sein? Ich war der festen Überzeugung, dass sie mich für das, was ich ihr angetan hatte, hassen musste. Und noch immer glaubte ich daran, doch jetzt gab es einen weiteren Grund, sie zu suchen, meine Bella ausfindig zu machen…und dieser Grund war Maria!



~*~




„Alice!“, rief ich durch das ganze Büro, als ich mich endlich aus meiner Starre gelöst hatte und wieder bei Verstand war.

„ALICE, VERDAMMT, SCHWING DEINEN ARSCH HIER HER!“, schrie ich diesmal lauter. Sofort wurde meine Bürotür aufgerissen und eine keuchende kleine schwarzhaarige stand im nu vor mir. Mit hochgezogener Braue musterte ich sie. „Bist du einen Marathon gelaufen oder wieso schnaufst du so?“, fragte ich sie belustigt. Augenblicklich handelte ich mir einen wütenden Blick ein, jedoch fasste sie sich schnell wieder.

„Was gibt es denn so dringendes, dass DU schreist, wie ein Irrer?“, stellte sie mir die Gegenfrage.

„Ich will, dass du mir alles besorgst, was du über Isabella Marie Swan in Erfahrung bringen kannst.“, forderte ich sie auf. „Isabella wurde am 13. September 1973 in Forks, Washington geboren; das dürfte dir bei der Recherche behilflich sein. Frag nicht, sondern tu was ich dir aufgetragen habe. Das alles am besten schon gestern. Danke, du kannst gehen.“, fügte ich in barschem Ton hinzu. Ja im Moment ließ ich den bösen, harten Chef raushängen, aber das tat ich nur, weil ich absolut keine Lust auf irgendwelche Fragen von Alice hatte. Das Verhör würde ich noch früh genug über mich ergehen lassen müssen.
Mit einem weiteren Giftpfeil verschießenden Blick auf mich, wandte sie sich um und verließ mein Büro.


Keine Ahnung, wie sie es geschafft hatte, aber nicht mal zwei Stunden später, stand Alice mit ein paar DIN A4 Seiten, fein säuberlich abgeheftet vor meinem Schreibtisch.
„Wirst du mir verraten, was es mit dieser Frau auf sich hat?“, fragte sie mich und wedelte mit den Papieren vor meiner Nase herum.
„Wenn ich der Meinung bin, dass es dich etwas angeht, dann sicherlich“, grinste ich sie frech an und entriss ihr die Unterlagen. „Danke Al, ich werde mich revanchieren.“
Und bevor sie ein weiteres Mal aus dem Raum verschwand, rief ich ihr noch hinterher: „Ach und sei so nett und zeig Ms. Masen ihr Appartement und mach den Arbeitsvertrag mit ihr fertig, ja?“

Keine Reaktion, aber ich war mir sicher, dass Alice alles verstanden hatte und sich nun um das Restliche kümmern würde.

Mit zitternden Händen hielt ich die Papiere zwischen meinen Fingern und starrte sie einige Minuten lang an, sollte ich es wagen und sie öffnen? Und was würde ich dann zu sehen bekommen? War meine Bella unterdessen verheiratet? Lebte sie noch immer in Forks?
Langsam blätterte ich die erste Seite um und entdeckte einen Lebenslauf. Meine Augen nahmen jedes einzelne Wort ins Visier und weiteten sich, als ich las, dass Bella kurz nach ihrem Abschluss in Forks nach Pasadena, Kalifornien gezogen war und zwei Jahre später auch dort anfing zu studieren. Pasadena – das war nur etwas mehr als zehn verdammte Meilen von LA entfernt. Maximal eine halbstündige Autofahrt und ich wäre bei ihr gewesen.
Wieso sind wir uns da nie begegnet? Wollte es das Schicksal so?
So langsam begann ich wirklich daran zu zweifeln, ob es sowas wie Schicksal überhaupt gab. Denn, wenn ja, dann schien es mich nicht besonders zu mögen. Ich hatte eine Tochter, von der ich nichts wusste und dann lebte sie auch noch gut fünf Jahre lang praktisch nebenan und ich bemerkte nichts davon.
Ungläubig schüttelte ich den Kopf.


Doch dann entwich ein erleichtertes Seufzen meiner Kehle, als ich feststellte, dass mich mein Glück vielleicht doch noch nicht ganz verlassen hatte: Familienstand: ledig. Sie hatte also nicht geheiratet.
Als nächstes kam ich zu den Zeilen mit der Kinderfrage.
Dort stand: eine Tochter.
Name des Kindes: Antonella Maria Swan, geboren am 13. August 1991.

Erst da dämmerte es mir….unsere letzte Vereinigung, der Tag auf den Klippen ... dort wo alles anfing und auch geendet hatte, war es passiert. Der Tag an dem unsere Tochter entstand.

Antonella…eine Mischung aus Anthony und Bella. Mein Herz schwoll vor Stolz an und irgendwie überkam mich aus heiterem Himmel das Gefühl, die Stimme meiner Liebsten hören zu wollen.
Ich hatte so lange nichts von ihr gehört ... ich vermisste den Klang ihrer sanften Stimme.
Und irgendwie hatte ich das dringende Bedürfnis, mit ihr zu sprechen.
Schnell überflog ich die weiteren Notizen und suchte nach einer Telefonnummer. Drei Seiten weiter fand ich die aktuelle Adresse und eine aktuelle Telefonnummer. Sie lebte also noch immer in Pasadena.

Sofort nahm ich den Hörer meines Telefons ab und wählte die angegebene Nummer. Es klingelte: einmal, zweimal…dann legte ich auf. Der Mut hatte mich verlassen und auch sonst wusste ich nicht, was ich hätte zu ihr sagen sollen. Hey Bella, hier ist Edward, kannst du dich erinnern? Am liebsten hätte ich in die Tischkante gebissen, wegen meiner Blödheit. Nein, du willst nur ihre Stimme hören, mehr nicht…sobald du sie vernommen hast, legst du wieder auf….

Ich holte tief Luft, nahm erneut den Hörer in die Hand und drückte dann die Wahlwiederholung. Erneut ertönte das klingeln. Einmal, zweimal, dreimal….gerade als ich wieder auflegen wollte, hörte ich sie.

„Isabella Swan“, erklang die wohl schönste Stimme, die ich in meinem ganzen Leben je gehört hatte und welcher ich schon solange nicht mehr lauschen durfte. Ein angenehmer Schauer lief über meinen Rücken.

„Hallo? Wer ist denn da?“, fragte meine Bella nach einer Weile nach, da ich keinen Ton sagte und auch mein Vorhaben scheiterte, aufzulegen, sobald ich das bekommen hatte, was ich wollte. Mein Herz fing an zu rasen und ein riesiger Kloß bildete sich in meinem Hals, der aber so schnell verschwand, wie er aufkam, als ich erneut die liebliche Stimme meiner großen Liebe vernahm.

„Ich kann sie atmen hören, also sagen sie doch was.“, forderte sie mich ungeduldig auf und ich glaubte, eine Spur Wut heraushören zu können, was mir ein Lächeln aufs Gesicht zauberte und all meinen Mut zurück brachte.

„Hallo, Bella!“, war alles, was ich sagte und ich bekam nur noch mit, wie am anderen Ende der Leitung scharf die Luft eingezogen wurde…

Stille.