„Tony, nun komm endlich, sonst fliegt das Flugzeug noch ohne dich los.“, rief meine Mutter von unten aus der Küche.
„Ja Mum, bin sofort unten.“, schrie ich entnervt zurück, während ich auf meinem Koffer saß und diesen versuchte zu schließen. Nach unzähligem darauf herum Hüpfen und Fluchen, gelang es mir schließlich. Schnell sprang ich auf, packte ihn am Griff und zog ihn mit einiger Kraftanstrengung vom Bett. Dann ließ ich ein letztes Mal den Blick durch mein Zimmer schweifen, in dem ich die vergangenen Achtzehn Jahre verbracht hatte. Es war ein komisches Gefühl wegzugehen, meine gewohnte Umgebung und meine überalles geliebte Mum zu verlassen, um einen Plan durchzuführen, den ich bereits seit zwei Jahren aufs genaueste durchdacht und vorbereitet hatte. Und dieser Plan beinhaltete, dass ich endlich meinen Vater kennenlernen würde.
Natürlich wusste meine Mutter nichts davon, denn sie wich meistens jeglichen Gesprächen aus, die sich um dieses Thema drehten. Nur manchmal gab es Momente, in denen sie dazu in der Lage war. Sie hatte mir nie verboten, ihn zu suchen oder Kontakt mit ihm aufzunehmen, aber mir war klar, wie sehr sie das verletzen würde. Noch immer liebte sie ihn über alles und hatte Angst vor seiner Reaktion auf mich, deswegen vermied sie alles, um ihn ausfindig zu machen, nachdem er sie nach seinem High-Schoolabschluss verlassen hatte, um woanders zu studieren. Erst Wochen später erfuhr sie von ihrer Schwangerschaft und erneut brach eine Welt zusammen. Keiner wusste, wo mein Dad mit seiner Familie hingezogen war und nur mit Müh und Not schaffte es meine Mum, sich aufzuraffen und ihr Leben weiterzuführen.
Hochschwanger, mit den Gerüchten einer Kleinstadt im Nacken und einem überforderten Charlie, meinem Grandpa, meisterte sie ihren Abschluss trotzdem mit Bravur.
„Wenn du noch etwas essen willst, dann beeil dich!“, ertönte wieder die liebliche Stimme meiner Mum, die mich aus meinen Gedanken riss. Sofort öffnete ich meine Zimmertür und schleifte den schweren Koffer hinter mir her die Treppen hinunter. Dort stellte ich ihn neben der Haustüre ab und begab mich in die Küche, wo meine Mutter am Herd stand und in einer Pfanne Pancakes für mich machte.
„Hm…das riecht lecker.“ Meine Nase kräuselte sich und ich genoss den herrlichen Duft von frisch Gebackenem, der in der Luft lag.
„Ja, das sind Blaubeermuffins. Ich dachte mir ... für unterwegs?“, fragte sie lächelnd. Heftig mit dem Kopf nickend setzte ich mich auf einen der Hocker an der Küchentheke und beobachtete sie mit aufgestützten Ellenbogen und den Händen unterm Kinn, wie sie da stand. Isabella, meine Mutter, war eine richtige Schönheit und sie sah keinen Tag älter aus als dreißig.
Als ich noch kleiner war, zeigte sie mir einmal Fotos aus ihrer Schulzeit und sie hatte sich kein bisschen verändert. Okay, man konnte ihr ansehen, dass sie reifer geworden war, aber ansonsten…noch immer hatte sie die gleichen wunderschönen, langen, dunkelbraunen Haare, nur trug sie diese mittlerweile immer zu einem unordentlichen Dutt hochgesteckt, ihre warmen, tiefbraunen Augen hatten noch immer dieses schöne Strahlen, wenn sie mich anschaute und selbst die Schwangerschaft hatte ihrer Figur nicht geschadet, im Gegenteil, sie war nicht mehr ganz so zierlich wie Früher, sondern wirkte weiblicher durch ihre wohlgeformten Rundungen. Um ehrlich zu sein, hielten uns die Menschen, die uns nicht kannten, für Geschwister, da ich meiner Mutter ziemlich ähnelte, zumindest was die langen braunen Haare und die Gesichtszüge betraf. Meine Augen hingegen waren leuchtend grün und auch mein Lächeln war anders, als das meiner Mum Bella.
Wie sie da so stand und immer wieder die Pfanne hin und her schwenkte, hätte man meinen können, dass sie glücklich sei. Dieses Bild versuchte sie vor mir aufrecht zu erhalten, aber ich wusste, dass sie traurig war über mein Fortgehen. Ich erzählte ihr, ich würde ein soziales Jahr in England als Au-pair machen, bevor ich mein Studium am Darthmouth College in New Hampshire antrat. In Wirklichkeit stellte ich Nachforschungen an und fand heraus, dass mein Vater dort lebte und diesen wollte ich unbedingt kennenlernen. Ich wollte den Mann sehen, der sich so tief in das Herz meiner Mutter gebrannt hat, dass sie seit ihm keinen anderen Mann auch nur ansah. Es gab unzählige Kerle, die versucht haben sich ihr zu nähern, aber jeden einzelnen wies sie ab. Einmal fragte ich sie nach dem Grund und als Antwort bekam ich nur: „Es wäre nicht richtig, einem anderen Mann die Hoffnung auf Liebe zu geben, wenn doch meine Liebe nur einem einzigen je galt und gelten wird - für immer.“
Seitdem war meine Neugier noch größer. Sicher erzählte sie mir davon, wie schön die Zeit mit ihm auf der High-School war. Bei beiden war es Liebe auf den ersten Blick gewesen, doch hatten sie unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Er wollte reich werden, Karriere machen und sie wollte einfach nur ein glückliches Leben mit ihm führen. Letztendlich zog meine Mutter nach ihrem Abschluss in Forks von ihrem Vater nach Pasadena Kalifornien zu meiner Grandma Renée, die ich jedoch nie so nennen durfte. Renée sagte immer, sie sei zu jung, um als Oma durchzugehen. Im Grunde führten wir dann eine nette Dreier-Wohngemeinschaft. Bis vor drei Jahren. Da kreuzte Phil, mein ehemaliger Sportlehrer, den Weg meiner Granny und die beiden wanderten nach Jacksonville aus - in ein Haus, welches er geerbt hatte.
Sobald ich in England war, würde Mum sich in der Zeit eine Wohnung in Manchester suchen, da sie in meiner Nähe wohnen wollte, sobald ich aufs College ging.
„Antonella Maria Swan, wo bist du nur schon wieder mit deinen Gedanken?“, hörte ich meine Mutter fragen. „Du bist eine richtige Träumerin“, fügte sie kichernd hinzu und stellte einen prallgefüllten Teller vor mir ab.
„Danke“, murmelte ich und fing sofort an, mein Essen zu verschlingen.
Nach dem Frühstück, was eigentlich keines mehr war, da die Küchenuhr an der Wand bereits weit nach Mittag zeigte, schnappte ich meinen Koffer und verstaute diesen draußen im alten Wagen, der in der Einfahrt parkte. Dann fuhr mich Bella, so nannte ich sie immer, sobald wir die heimischen vier Wände verließen, zum National Airport in Los Angeles. Der Grund, weshalb ich sie Bella nannte, war eben die Tatsache, dass uns die meisten Leute für Schwestern hielten und irgendwie fanden wir das witzig und verhielten uns auch dementsprechend. Kindisch, nicht wahr?
Während der halbstündigen Fahrzeit, hingen wir unseren Gedanken nach und aus dem Augenwinkel erkannte ich, dass sie - je näher wir dem Ziel kamen - immer nervöser wurde.
Sollte ich mein Vorhaben lieber sausen lassen und bei ihr bleiben? Immerhin hatte ich achtzehn Jahrelang keinen Vater und mir ging es gut dabei. Andererseits musste Mum auch lernen, dass wir nicht immer zusammen bleiben konnten, dass auch ich meinen Weg finden und gehen musste.
Am Check-in zog mich meine Mutter noch einmal in eine feste Umarmung und ich bemerkte ihr schluchzen.
„Bella, ich bin nicht aus der Welt, ich komme wieder. Das ist versprochen, Mum.“, flüsterte ich ihr mit brüchiger Stimme zu, da sich ebenso Tränen in meinen Augen bildeten. Ich würde sie und unsere gemeinsame Zeit vermissen, da sie zugleich meine beste Freundin war.
Aber ich hatte einen Plan und diesen musste und wollte ich unbedingt umsetzen. Ich denke sogar, es würde Bella glücklich machen und SIE würde wieder öfter Lächeln können.
~*~
Nach Zwölf Stunden Flug - mit einem Zwischenstopp - landete ich endlich in London am Heathrow Airport. Die Maschine war eine halbe Stunde zu früh, was mich ein wenig überraschte, aber so hatte ich Zeit, nochmal die Toiletten aufzusuchen, mich umzuziehen und frisch zu machen, bevor ich von der Assistentin meines Vaters abgeholt werden würde. Natürlich war ich nicht so blöd, ihm auf die Nase zu binden, dass ich seine Tochter sei, das hätte er mir sicher nicht geglaubt und mir wahrscheinlich sogar die Chance genommen, ihn unverblümt kennenzulernen. Also hatte ich mir über Jason, einen guten Freund aus Pasadena, gefälschte Papiere besorgt, die Zeugnisse meiner Mutter verändert und eine ebenso falsche Bewerbung geschrieben und abgeschickt. Laut diesen Dingen, war ich nun fünfundzwanzig, hatte einen Abschluss in BWL und bewarb mich für die Stelle als Marketingleiterin in der Baufirma meines Dads, wo ich zum Glück auch noch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde.
Okay, man könnte sagen, ich spielte ein gefährliches Spiel mit dem Feuer und würde mir wahrscheinlich schneller die Finger verbrennen, als mir lieb wäre, aber darauf würde ich es ankommen lassen. Zu meinem bisherigen Glück gehörte auch, dass ich sogar ein Appartement gestellt bekäme, welches sich direkt in einem Gebäude neben der Firma in Richmond befand, wenn ich den Job sicher in der Tasche hätte.
In der Toilette angekommen, öffnete ich meinen überfüllten Koffer, wobei mich mein Glück zu verlassen schien, da mir sämtlichste Klamotten entgegen gesprungen kamen. Verdammter Mist!
Schnell suchte ich mir das schwarze Kostüm, welches ich meiner Mum aus dem Schrank entwendet hatte, dazu eine weiße Bluse, die schwarzen High Heels und zog mich fix in einer der Kabinen um. Danach kramte ich nach meiner Haarbürste und ein paar Klemmen und steckte meine Hüftlangen Haare zu einer Hochsteckfrisur zusammen, zusätzlich legte ich ein wenig Mascara, grünen Lidschatten farblosen Lipgloss auf, damit ich älter und geschäftsmäßiger wirkte. Die Uhr an meinem Handgelenk verriet mir, dass ich mich beeilen musste. Nicht, dass ich dann alleine hier am Flughafen stand und den Termin bei meinem Dad höchstpersönlich verpasste. Durch die Zeitverschiebung war es hier bereits Montag und halb Elf Uhr mittags und um Dreizehn Uhr hatte ich mein Vorstellungsgespräch.
Eilig packte ich meine Sachen wieder zurück in den Koffer und vollzog das gleiche Spiel, wie zu Hause auf meinem Bett, was mich wieder wertvolle Minuten meiner Zeit kostete. Mit eiligen Schritten stürmte ich aus der Damentoilette in Richtung Ausgang.
Völlig aus der Puste ging ich durch die gläsernen Schiebetüren des Flughafens und trat hinaus auf die Straße. Dort standen etliche Taxis und ein Gefährt, welches mir sofort ins Auge stach: eine schwarze Limousine und davor eine kleine, zierliche Person mit schwarzen, kurzen Haaren, die in einen Beigen Trenchcoat gekleidet war und ein Schild mit dem Namen Maria Masen darauf hoch hielt. Dies galt dann wohl mir. Denn das war der Name, den ich in all meinen Unterlagen angegeben hatte.
Tief atmete ich die ungewohnte Londoner Luft ein, bevor ich auf die kleine schwarzhaarige zulief. Let the game begin…dachte ich nur noch und legte mein schiefes Lächeln auf meine Lippen.
Als sie mich entdeckte, weiteten sich kurz ihre Augen ein wenig, doch dann lächelte sie ebenfalls und kam direkt auf mich zu.
„Hallo, du musst Maria Masen sein, richtig? Ich bin Alice Brandon, die persönliche Assistentin von Mr. Cullen. Ich freue mich dich kennenzulernen. Ich hoffe, du hast den Flug gut überstanden und konntest etwas essen, da wir nicht mehr viel Zeit haben und sofort los müssen. Mr. Cullen wartet nicht gerne. Er kann ja so ein ungeduldiger Mann sein, aber in seiner Position kann er sich das natürlich erlauben. Also hopp hopp.“, begrüßte sie mich ohne Luft zu holen ... in einem scheinbar unaufhörlichen Redeschwall und winkte zugleich den Chauffeur heran, der meinen Koffer nahm und in den Wagen packte. Perplex und amüsiert darüber, dass sie mich sofort mir DU anredete, starrte ich Alice vor mir an und nickte ihr zu.
„Freut mich ebenfalls dich kennen zu lernen.“, erwiderte ich, übernahm die Du-Form und schüttelte ihr die Hand. Dann stiegen wir zusammen in die Limousine und fuhren los.
Die ganze Fahrt über nach Richmond, erklärte sie mir, wie die gewöhnlichen Abläufe waren, die ich zu beachten hätte.
„Also, ich habe hier deine Bewerbungsunterlagen, die nimmst du an dich und legst sie Mr. Cullen nachher vor. Obwohl du bereits eine Zusage erhalten hast, heißt das noch lange nicht, dass du die Stelle auch wirklich bekommst. Der Chef wird dich nochmals unter die Lupe nehmen und dir Fragen stellen. Lass dich dadurch nur nicht nervös machen, sobald er feststellt, dass du Angst vor ihm hast oder unsicher wirkst, wird er dich bei lebendigem Leib verspeisen.“ Plapperte sie ohne Punkt und Komma auf mich ein und ihre blauen Augen musterten mich abschätzend. Es war seltsam, aber ich war in keinster Weise aufgeregt, mein Puls war normal, insofern ich das beurteilen konnte und selbst mein Herzschlag erklang im gewohnten Rhythmus.
„Ich verstehe. Müsste ich denn Angst vor ihm haben?“, fragte ich Alice im belustigtem Ton und grinsend. Diese beäugte mich zuerst ungläubig, dann erhellte ein Strahlen ihr Gesicht.
„Nein, eigentlich nicht, er ist ein fairer und netter Mensch, wenn man ihn nicht verärgert.“, kicherte sie kopfschüttelnd. „Aber das wirst du schnell merken, seinem Charme kann keine Frau wiederstehen.“
„Wie darf ich das verstehen?“, mein Grinsen erstarb bei ihren letzten Worten und ich zog herausfordernd eine Augenbraue in die Höhe. Ich mochte das Gefühl nicht, welches sich in meinem Magen ausbreitete. Zwar kannte ich ihn nur aus den wenigen Erzählungen meiner Mutter, aber sie schwärmte in den kurzen Momenten immer so vehement von ihm. Dabei verlor sie nie ein Böses Wort und im Grunde gab sie allein sich die Schuld, für sein Verlassen und die Jahre danach. Um ehrlich zu sein, waren meine Gefühle ihm gegenüber neutral eingestellt. Sicher, andere Kinder hassten oder waren zumindest sehr wütend auf den Elternteil, der sie alleine ließ, aber ich konnte es nicht. Zu groß war meine Neugierde, den Mann kennenzulernen, den Bella bis zum heutigen Tage in ihrem Herzen beschütze.
Bei meinem Projekt „Find Daddy“, wie ich es kurzerhand nannte, fand ich auf dem Dachboden unseres Hauses eine kleine Kiste voll mit Briefen. Es waren Liebesbriefe, die mein Dad an meine Mutter geschrieben hatte, während ihrer Schulzeit. In den meisten standen selbst geschriebene Gedichte, was mich in meinem Vorhaben bestärkte. Denn welcher Mann, der seine Gefühle derart zu Papier bringen konnte, besaß die Eiseskälte, jemanden wie Bella zu verlassen? Bella, die beste Mum und wohl unglaublichste Frau auf diesem Planeten, zumindest für mich.
Irgendetwas anderes musste dahinter stecken und ich war diejenige, die dies herausfinden würde. Und wenn ich eine Sache gewiss von meiner Mutter geerbt hatte, dann war das ihre Stur- und Beharrlichkeit.
„Das wirst du gleich sehen, ich bin mir sicher, selbst du wirst Mr. Cullen anschmachten, so wie es jede andere Frau hier auch tut. Wir sind übrigens da.“, antwortete sie nun in einem pikierten Ton. Einen, den ich die letzte halbe Stunde kein einziges Mal bei ihr heraushören konnte. War sie etwa auch einer der Frauen, die seinem Charme erlag
Erschrocken darüber, dass wir bereits in Richmond bei der Firma angekommen waren, blickte ich aus dem Fenster der Limousine und bewunderte das riesige Gebäude im neoklassizistischem Baustil, vor dem wir stoppten. Nachdem wir ausgestiegen waren, blieb ich einen kurzen Augenblick stehen und betrachtete das Haus ehrfurchtsvoll. Es sah alt aus, war aber in einem makellosen Zustand, soweit ich das beurteilen konnte. Die weiße Farbe strahlte noch wie neu. Die Rundbogenfenster waren aus modernem Kunststoff und die kunstvollen Verzierungen an den Mauern sahen einfach nur atemberaubend aus.
„WOW“, war alles, was ich sagen konnte. Alice neben mir kicherte, umfasste meinen Arm und zerrte mich die breite, ebenfalls weiße Treppe zum Eingang hinauf, der durch meterhohe Säulen zu jeder Seite beeindruckte.
„Ja, nicht wahr? Der Mann hat eben Stil.“ Sie seufzte. Die restlichen Stufen erklommen wir schweigend. Oben angekommen erschien eine riesige, aus dunklem, robusten Holz geschnitzte Flügeltür, die sich automatisch öffnete, sodass wir schnell hindurch schritten. Wir betraten eine prachtvolle überdimensionale Eingangshalle. Zu meiner rechten und linken Seite waren Sitzgelegenheiten im Stil des Barocks, mit weinrotem Samt bezogen und kleinen Beistelltischen, die aus ebenso dunklem Holz waren wie die Tür. Vor uns lag ein hochmoderner gläserner Tresen, dahinter saß ein junger, gutaussehender, blonder Mann in Pförtneruniform, der Alice und mir freundlich zunickte.
„Guten Tag Ms. Brandon, schön sie zu sehen.“, begrüßte er sie, als wir vor ihm zum stehen kamen.
„Hallo Mr. Whitlock, das hier ist Maria Masen, sie wird höchstwahrscheinlich die neue Leiterin der Marketingabteilung.“ Erklärte sie dem Pförtner, dabei war ihre Stimme so weich und zart. Sogar ihre Augen funkelten nun stärker als bisher. Oho, eine die nicht meinem Vater verfallen war, sondern wohl eher dem Typen…Froh über diese Erkenntnis kicherte ich und aus dem Augenwinkel konnte ich erkennen, dass die kleine Schwarzhaarige neben mir rot anlief. Volltreffer!
„Hallo.“, sagte ich schlicht, nachdem ich mein Kichern wieder unter Kontrolle hatte.
„Schön sie kennenzulernen, Ms. Masen.“, erwiderte er im selben Maße freundlich, wie schon bei Alice zuvor.
„Ist Mr. Cullen schon wieder vom Mittagessen zurück?“, fragte diese, ohne ihn anzusehen und spielte stattdessen nervös mit dem Griff ihrer Handtasche. Himmel, ist das niedlich…
„Noch nicht, Ms. Brandon, aber er dürfte in den nächsten zehn Minuten eintreffen.“
„Gut, danke.“ Dann packte sie mich wiederholt am Arm und zerrte mich zu einer Steintreppe, die ein ganzes Stück weiter neben dem Tresen, versteckt hinter einer grauen Marmorsäule, vermutlich in den zweiten Stock führte. „Maria, wir werden derweil oben vor seinem Büro auf ihn warten.“, wandte sie sich nun an mich. Ich nickte.
„Wie kommt man eigentlich dazu, sich von Amerika aus in England zu bewerben? Ich meine, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wird es doch sicherlich auch einen Job für dich gegeben haben, bei diesen Zeugnissen?“ Mit dieser Frage, versuchte sie ein unverfängliches Gespräch anzufangen, aber mich traf es völlig unerwartet.
„Ähm…ja…wie soll ich sagen…also…“, stotterte ich unbeholfen vor mich hin.
„Lass mich raten, du wolltest einfach mal raus und etwas von der Welt sehen, habe ich recht?“, unterbrach sie mich, bevor ich weiter stammeln konnte. Zwar wollte ich gerade zu einer anderen Erklärung ansetzen, die mir spontan einfiel, jedoch war ihre wesentlich besser, als meine, die sich darin begründete, wahllos Bewerbungen verschickt und bei der erst besten zugegriffen zu haben.
„Richtig, ja“ antwortete ich und setzte ein gezwungenes Lächeln auf.
In der zweiten Etage angekommen, führte mich Alice durch einen langen, breiten Flur, der in einem hellen, nicht zu grellem Sonnengelb gestrichen und mit den verschiedensten Kunstwerken im Neoimpressionistischem Kunststil verziert war. Am Ende des Ganges befand sich eine ebenso dunkle, edel geschnitzte Flügelholztür, daneben eine kleine Nische, mit einem gläserner Schreibtisch, auf dem ein Computer und diversen anderen Büroartikeln platziert waren. Nicht unweit davon stand noch eine Reihe teurer Stühle an der Wand…der Wartebereich?
Schnell setzte sich die Assistentin meines Vaters hinter ihren Tisch auf den sehr bequem aussehenden Sessel und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung der Stühle, dass ich ebenfalls platz nehmen und warten sollte, bis dieser wieder kam. Dabei ließ sie mich keine Sekunde aus den Augen.
Es war keine Minute vergangen, als ein mulmiges Gefühl in mir hochkroch. Nervosität? Ausgerechnet jetzt, wo ich diese am allerwenigsten gebrauchen konnte?!
Unruhig starrte ich auf meine Hände und fing an sie zu kneten.
„Verrätst du mir dein Geheimnis?“, fragte Alice mich plötzlich und ich erstarrte in meiner Position. Geheimnis? Oh mein Gott…war es so offensichtlich?
„Ehm … ich... ich habe keine Geheimnisse!“, redete ich mich heraus und hielt unwillkürlich den Atem an.
„Ach komm schon.“, sie verdrehte die Augen. „Keine Frau ab 25 siehst so jung aus. Sag schon, was ist dein Geheimnis? Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich dich mindesten 5 Jahre jünger geschätzt.“ Angestrengt versuchte ich ruhig zu bleiben. Ich durfte mich jetzt auf keinen Fall verplappern. Okay Tony, tief durchatmen. Ich meine, es geht hier darum, dass du deinen Vater triffst! Du darfst jetzt keine Fehler machen, die dich verraten könnten!
„Uhm...ja.....Körperpflege?“, nuschelte ich in mich hinein. Himmel. Das war ja so schlecht!
„Körperpflege?“, sie zog eine ihrer perfekt gezupften Brauen in die Höhe. „Meinst du, ich pflege mich nicht und lege mir täglich Gesichtsmasken auf? Nein. Daran liegt es bestimmt nicht! Sag schon. Ist es Lifting? Botox?“
Ungläubig weiteten sich meine Augen. WAS? Schönheitsoperationen? Sah ich etwa aus wie Pamela Anderson?! Alice schien meinen Gesichtsausdruck richtig zu deuten, denn ihre Hände schossen sofort in die Höhe und ihre Züge nahmen einen Entschuldigenden Ausdruck an.
„Nicht, dass du künstlich wirken würdest, Maria. Ich versuche nur herauszufinden, wie man mit 25 noch aussehen kann wie 20! Ich meine ich studiere jeden Tag mein Gesicht und habe das Gefühl, dass meine Falten sich vermehren und…“
„Alice, was denn für Falten?“, unterbrach ich sie mit gerunzelter Stirn. Wovon sprach sie? Ihr Gesicht war glatt wie ein Babypopo.
„Die da!“, sagte sie und deutete auf ihre Stirn. „Und die da!“, nun zog sie ihre Brauen zusammen und deutete auf das kleine „V“, welches sich zwischen ihnen bildete. Oh mein Gott. Das war doch jetzt nicht ihr Ernst?
„Alice, die habe ich auch, wenn ich mich aufrege, oder nachdenke. Glaub mir, du bist eine sehr schöne Frau. Mit deinem Gesicht stimmt alles, mach dir da mal keine Sorgen.“, antwortete ich überzeugt und ehrlich, denn Alice war wirklich sehr hübsch.
„Danke“, seufzte sie. „Ich wünschte nur, dass bestimmte andere Personen das genauso sehen würden.“ Jetzt musste ich grinsen.
„Meinst du zufällig Mr. Whitlock?“, fragte ich frech. Ruckartig schossen ihre Augen nach oben und sie musterte mich mit einer Mischung aus Unglauben und Verlegenheit.
„Nein..Ich..meine…wie kommst du denn darauf? Ich glaube, du hast da was...missverstanden, Maria. Ich meine...Ich bin Mr. Cullens Assistentin…und...er ist nur der...Pförtner.“, versuchte sie sich zu rechtfertigen. Ich kicherte amüsiert.
„Achja? Ich glaube selbst ein Blinder würde sehen, dass du ihm verfallen bist. Ich nehme es dir nicht übel, er ist ein sehr attraktiver Mann. Und warum genau ist es so schlimm, dass er der Pförtner ist?“
Sie wollte gerade etwas erwidern, als sich jemand neben uns räusperte. Geschockt starrten wir den Mann an, der uns sichtlich amüsiert musterte. Und mein Herz setzte augenblicklich für einen Schlag aus. Mir stockte der Atem und all meine Gedanken verflüchtigten sich, sodass mein Gehirn einem Vakuum glich. Dieser war groß, schlank, hatte braune Haare mit einem leicht rötlichen Schimmer und leichten Grauansätzen an den Seiten, funkelnd grüne Augen und den Ansatz eines Drei-Tage-Barts. Mir war sofort bewusst, wer er war und ich musste den Drang nieder kämpfen, aufzuspringen, um ihm nicht mit einem „Hi Dad“ um den Hals zu fallen. Er sah noch genauso aus, wie auf dem Foto, das ich in eben der gleichen Kiste auf dem Dachboden fand, wo Bella auch seine Briefe aufbewahrte, nur ein wenig älter, reifer, seine Gesichtszüge waren markanter, nicht mehr so Jungenhaft. Mein Blick war starr auf ihn gerichtet, mein ganzer Körper war wie gelähmt und ich glaubte sogar, dass sich mein Unterkiefer unwillkürlich gen Boden richtete…Oh Gott, was musste er nun von mir denken? Da saß ich hier mit offenem Mund und brachte keinen einzigen Ton heraus. Na, wenn das mal kein guter erster Eindruck war, Tony...
Alice erhob sich aus ihrem Sessel und reichte ihm meine Bewerbungsunterlagen mit den Worten: „Das ist Ms. Masen, sie hatte sich für die Stelle der Marketingleiterin beworben“ und deutete auf mich. Nach einem kurzen Blick auf das Deckblatt, öffnete er die Tür zu seinem Büro und trat hinein und rief von drinnen: „Kommen Sie, Ms. Masen.“
Seine Stimme war kräftig, rau und doch so weich, so sanft. Ich musste schwer schlucken, jetzt überkamen mich mit der Wucht eines Orkans, die Nervosität und das flaue Gefühl im Magen, dass ich schon von Anfang an hätte haben sollen. Ok Tony, straff die Schultern, atme tief ein und stell dich ihm. Er weiß nicht, dass es dich gibt, also nur keine Angst zeigen.
Ruckartig stand ich von dem Stuhl auf, zupfte mir den Rock meines Kostüms zurecht und folgte ihm, hinter mir konnte ich gerade noch das geflüsterte „Viel Glück“ von Alice vernehmen, bevor ich die Tür schloss und wie erstarrt stehen blieb. Das Büro war überwältigend, ich ließ meinen Blick schweifen und betrachtete mir alles. Es war nicht übermäßig groß, aber eindrucksvoll gestaltet. Die Wände waren Weinrot mit goldenen Streifen verziert, Wengeholzparkett durchzog den Raum. Auf der rechten Seite, über die ganze Länge der Wand, waren dunkle Kirschholzregale angebracht, mitten im Büro befand sich sein dunkler, massiver Schreibtisch, ebenfalls aus Kirschholz und auf der linken Seite stand das auffälligste Möbelstück: ein Sofa im späten Empire-Stil, welches ebenso mit dunklem Büffelleder und goldenen Nieten bezogen war. Obwohl es nicht wirklich zu den anderen Sachen passte, stimmte trotz allem das Gesamtbild. Ich war beeindruckt!
„Wollen Sie sich nicht setzen?“, fragte er mich mit hochgezogener Augenbraue und dem schiefen Lächeln, welches meinem glich. Er hatte bereits in seinem Bürosessel platz genommen und meine Unterlagen aufgeklappt vor sich liegen.
„Oh natürlich, Da…Mr. Cullen.“, berichtigte ich mich fix und ließ mich in dem Stuhl, ihm gegenüber, vor seinem Schreibtisch nieder. Reiß dich zusammen…noch ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür…mahnte ich mich selbst.
Ich legte mein schiefes Lächeln auf, grinste ihn an und versuchte krampfhaft die Ruhe zu bewahren, denn dieses Gespräch würde mir entweder die Pforte zu einem Kennenlernen mit meinem Vater öffnen oder sie ganz und gar schließen.
Edward musterte mich noch immer, sein Blick wanderte über meine Gestalt von unten nach oben und blieb an meinem Gesicht hängen, wo ihm regelrecht alle Gesichtszüge entgleisten, als er mein Lächeln und meine Augen sah, die ich von ihm vererbt bekommen hatte, jedoch in allem anderen, sah ich aus wie Bella.
Doch er brachte diese innerhalb von Sekunden wieder unter Kontrolle, schien einen Moment nachzudenken und blickte mich abschätzend an. Na, das angegebene Alter passt wohl nicht so richtig, was?...kicherte ich innerlich.
„Kennen wir uns vielleicht?“ Seine Augen verengten sich ein wenig und sein Ton wurde härter. Nur nicht die Nerven verlieren, das ist ein Test…tief durchatmen…
„Also wenn Sie mich so direkt fragen…“ Sein Atem geriet ins stocken und süffisant grinsend, verlängerte ich die theatralische Pause, ehe ich weiter sprach. „Nein! Ich kenne Sie lediglich aus der Presse, beziehungsweise durch die Informationen auf Ihrer Website.“
Meine Antwort schien ihn zu erleichtern, denn er stieß die angehaltene Luft, hörbar aus.
„Nun gut, dann erzählen sie mir doch einmal ein wenig was über das AIDA-Prinzip, unterdessen werde ich mir einen genaueren Überblick über ihre Unterlagen verschaffen.“ Uff…verdammt, was war das doch gleich nochmal. Kurz überlegte ich und versuchte mich an meine Internetrecherche zurück zu erinnern. Schließlich hatte ich mich vorher natürlich eingehend über den Job einer Marketingchefin informiert. Natürlich war ich nicht so blauäugig, ohne auch nur einen Funken Fachwissen zu einem Vorstellungsgespräch zu fahren. Nein, wenn, dann musste ich meine Rolle schon überzeugend spielen.
Gott sei dank hatte ich das Glück, ein fotografisches Gedächtnis zu besitzen, sodass ich es nach wenigen Augenblicken vor meinem inneren Auge sehen konnte. Ihm schien das aber deutlich zu lange zu dauern.
„Was ist los, Ms. Masen? Kennen sie dieses Prinzip etwa nicht?“
„Natürlich kenne ich es, nur bin ich keine Maschine, Mr. Cullen, sodass auch ich erst einen Moment nachdenken musste.“ Erwiderte ich im schnippischen Ton, wobei ich mich anhörte, wie meine Mutter, wenn sie mich zurecht wies. Dies veranlasste ihn dazu, von den Papieren aufzusehen. Noch bevor er erneut zum Reden ansetzen konnte, legte ich los.
„Also, die wohlbekannte AIDA-Formel wurde 1898 von Elmo Lewis erfunden und ins Leben gerufen. Diese wurde zur Darstellung der Wirkungsabsichten von Werbung, und damit auch zur Darstellung der Werbewirkung genutzt. Diese wiederrum basiert auf einen vierstufigen Prozess.“ Rasselte ich die Definition herunter.
„Nennen Sie mir die vier Stufen, Maria. Ich darf Sie doch Maria nennen?“, fragte er mich erneut, noch immer klang er sehr geschäftig und streng.
„Sicherlich, Edward! Ich darf Sie doch Edward nennen?“, stellte ich ihm bewusst provozierend dieselbe Frage. Sogleich schossen sein Kopf und beide Augenbrauen in die Höhe. Er sah etwas schockiert, über meine Äußerung, aus. Sofort zog auch ich eine Braue nach oben, was ihm erneut die Gesichtszüge entgleiten ließ. Ich brauchte kein verdammter Gedankenleser sein, um zu wissen, was er dachte. Sein Gesicht und der Ausdruck in seinen Augen verrieten mir alles. Die Ähnlichkeit, welche ich mit ihm selbst und meiner Mutter hatte, war eindeutig zu erkennen.
Ein weiteres Mal starrte er mich nachdenklich an und ich konnte den Blick nicht von ihm abwenden, dann räusperte er sich geräuschvoll und lehnte sich Kopfschüttelnd zurück, als müsse er die Gedanken, die seinen Verstand einnahmen, vertreiben.
„Alles in Ordnung mit Ihnen?“ fragte ich ihn gespielt besorgt.
„Natürlich, ich habe schon verstanden, Ms. Masen“
„Oh! Also darf ich sie nicht Edward nennen, verstehe ich das richtig?“ Meine Anspielung ließ ihn genervt aufstöhnen und fuhr sich dabei durch sein eh schon unordentliches Haar. Eine Angewohnheit, die auch ich des Öfteren aufzeigte), wenn ich überfordert oder gestresst war.
„Nun fahren sie endlich fort, MARIA.“, forderte er mich auf und stöhnte erneut, was mir wieder ein schiefes Lächeln auf die Lippen legte. Ich wollte gerade mit meiner Erläuterung über die vier Stufen, des AIDA-Prinzips fortfahren, als laut und unverkennbar „Sweet Child“ von Gun´s n Roses ertönte, wodurch meinem werten Vater plötzlich alle Farbe aus dem Gesicht wich.
Oh ja, ich sollte vielleicht erwähnen, dass es mein Handy war, welches diese Laute von sich gab, und dass dieses Lied nicht nur der Lieblings- „Oldie“ meiner Mum und mir war, sondern auch der Song von Edward und ihr aus ihrer Jugendzeit.
Woher ich das wusste? Nun, diese kleine Kiste vom Dachboden verbarg mehr Geheimnisse als man hätte ahnen können.
„Tut mir Leid, aber da muss ich ran gehen“, informierte ich meinen Dad, zückte mein Handy, drückte auf die grüne Taste und drehte mich mit geröteten Wangen ein wenig Abseits. Es war mir schon ein wenig peinlich, dass ausgerechnet bei meinem Vorstellungsgespräch mein Handy anfing zu klingeln und auch noch mit diesem Klingelton. Aus dem Augenwinkel erkannte ich, dass er noch blasser wurde, als er ohnehin schon war.
„Hey Bel…ehm…Mum, was gibt’s?“, begrüßte ich diese fröhlich. Aus dem Augenwinkel erkannte ich, wie Edward stocksteif und noch immer leichenblass in seinem Sessel verweilte.
„Antonella, du wolltest dich melden, sobald du angekommen bist. Ich warte bereits seit Stunden auf deinen Anruf.“ Tadelte mich Bella besorgt.
„Sorry Mum, aber das ist gerade wirklich schlecht, ich führe gerade ein wichtiges Gespräch mit Ed…mund, meinem Gastvater“, murmelte ich ins Telefon und hoffte darauf, dass Edward die letzten getuschelten Worte nicht verstand. „Ich ruf dich nachher zurück, versprochen!“, fügte ich noch hinzu und legte auf.
Ich wandte mich wieder Edward zu, welcher nun die Augenbrauen zusammen gezogen hatte und einen Wütenden Gesichtsausdruck zeigte. „Sind sie nun fertig?“, schnaubte er genervt und klopfte mit den Fingern auf dem Schreibtisch herum.
„Es tut mir Leid“, entschuldigte ich mich nochmals. „Aber sie wissen ja, wie Mütter so sind, immer besorgt um einen, vor allem bei solch einer Distanz“ Auf die Unterlippe beißend, sah ich ihn mit einem von mir üblichen Hundeblick an. Diesen wendete ich ständig bei Bella an, als ich noch klein war und nicht das bekam, was ich wollte, sie sagte dann jedesmal, ich sei wie mein Vater. Auf Anhieb änderte sich der Ausdruck seiner Augen von hart und zornig zu verstehend und warm.
„Möchten sie denn noch immer, dass ich ihnen die vier Stufen erläutere?“ die gerade entstandene Situation war in gewisser Weise viel zu emotional, sodass ich nun versuchte, diese wieder auf eine geschäftigere Ebene zu lenken. Edward blätterte zügig meine Bewerbungsunterlagen durch, auf einer Seite verharrte sein Blick länger. Da ich mich zu auffällig hätte nach vorne beugen müssen, um zu sehen, welche es war, verkniff ich es mir, jedoch machte es mich neugierig und zugleich ein wenig nervös.
Nach unzähligen Minuten des Schweigens, durchbrach ich die Stille, die sich über uns gelegt hatte.
„Mr. Cullen?“ Doch er reagierte nicht.
Er starrte einfach nur auf die aufgeschlagene Seite und er machte den Eindruck, als ob er dabei seinen Gedanken nachhinge.
„Edward, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, probierte ich es noch einmal, seine Aufmerksamkeit wieder auf mich zu lenken, aber nichts geschah Außer einem verträumten Lächeln, das sich auf seinen Lippen ausbreitete und perfekt zu seinem verklärten Blick passte.
Jetzt, wo ich ihn so vor mir sah, konnte ich meine Mutter voll und ganz verstehen. Er sah so wahnsinnig niedlich aus, wie er so vor sich hin träumte. Wie wäre es wohl gewesen, wenn Edward und Bella sich nie getrennt hätten? Ob er einer der Väter gewesen wäre, der jede freie Minute mit seinem Kind genutzt, es nach Strich und Faden verwöhnt und mit so viel Liebe überhäuft hätte, dass man ihn als Gockel würde bezeichnen können? Wäre ich eine andere geworden, als die, die ich jetzt war? Hätte ich vielleicht sogar Geschwister gehabt? Nicht, dass ich keine ausgefüllte Kindheit hatte, denn Bella, Renée und sogar Charlie haben sich wunderbar um mich gekümmert und ließen es mir an nichts fehlen. Ich kannte es ja nicht anders und nach vielen Erzählungen meiner Freunde, von denen die meisten Väter sich einen Dreck um sie scherten oder gar zu Gewalt neigten, war ich manchmal ganz froh, keinen gehabt zu haben.
Was mich letztendlich dazu bewogen hatte, trotzdem nach meinen Vater zu suchen, war wohl die Tatsache, dass meine Mutter regelmäßig an einem bestimmten Tag im Jahr verschwand und erst vierundzwanzigstunden später wieder auftauchte. Früher hatte ich da nie wirklich drauf geachtet, weil ich annahm, dass sie arbeiten würde, aber kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag, war ich mal wieder mit meinem Kumpel Jason verabredet. Er verkehrte nicht gerade in den besten Kreisen und Bella wusste nichts von meiner Freundschaft zu ihm.
Ja, so brav war ich nicht, wie man vermuten könnte.
An besagtem Tag, war ich also mit Jason unterwegs, Bella ging davon aus, dass ich bei Jane, einer Schulfreundin übernachten würde, diese erzählte ihrer Mutter das genaue Gegenteil, so hatten wir die fast perfekte Ausrede. Da meine Freunde und ich absolut keine Lust auf einen DVD Abend hatten, machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt LA's. Wir lachten eine Menge, hatten Spaß und ahnten nichts Böses - wir fühlten uns sicher mit dieser Lüge. Also betraten wir eine Bar, die ja eigentlich erst ab 21 war. Aber wie gesagt, es war kein Problem irgendwelche Ausweise zu fälschen, zumindest nicht für UNS.
Gemütlich saßen wir an einen der Tische, Jane und ich tranken Cocktails und Jason begnügte sich mit Bier vom Fass, als die Tür des Schuppens schwungvoll aufgetreten wurde und ein Pärchen herein kam. Vor Schreck verschluckte ich mich an meinem Long Island Icetea. Zuerst dachte ich, ich würde halluzinieren, dass mir der Alkohol die Sinne vernebelte, aber nachdem mich Jane darauf ansprach, ob das nicht meine Mutter sei, die da mit einem fremden Kerl wild knutschend durch den Laden in Richtung Tresen marschierte, rieb ich mir die Augen um mich nochmals zu vergewissern, dass ich mich nicht täuschte. Entsetzt starrte ich die beiden mit offenstehendem Mund an. Der Grund, weshalb mich dieses Bild so schockierte, war nicht der, dass sie mit einem Mann auf die Art und Weise verkehrte, sondern die tatsächliche Ursache bestand darin, dass dieser Typ gewisse Merkmale aufwies, die mich an meinen Dad erinnerten. Er war groß, hatte rotbraune Haare, die total unkoordiniert seinen Kopf bedeckten und sein Gesicht wurde von einer geraden Nase geziert. Seine Augenfarbe konnte ich nicht erkennen, dafür waren sie einfach zu weit weg und bei dieser schummrigen Beleuchtung wäre es wohl auch dann nicht möglich gewesen, wenn er direkt vor mir stehen würde. Aber ich hätte darauf wetten können, dass sie grün waren. Dieser Typ hatte nicht wirklich Ähnlichkeit mit meinem Vater, aber diese wenigen Merkmale schienen für meine Mutter ausschlaggebend zu sein. Nun war mir auch klar, wieso andere Männer keinerlei Chancen bei ihr hatten.
Wieso ich das damals schon SO genau sagen konnte, lag daran, dass ich Renée gelöchert hatte, mir ein Foto von meinem Vater zu zeigen, lange bevor ich den Fund auf dem Dachboden machte.
Trotz dieser absurden Situation, verließen meine Freunde und ich die Bar so unauffällig wie nur möglich, denn den Ärger, den ich für meine Lüge und den „Ausbruch“ erhalten hätte, wollte ich vermeiden. Als meine Mum am darauf folgenden Tag wieder zu Hause war, fragte ich, warum sie immer genau an diesen einen Tag verschwand. Ich war verblüfft darüber, dass Bella keinerlei Ausreden suchte oder ich ihr gar die Erklärung aus der Nase hatte ziehen müssen. Doch was sie mir erzählte, hatte gereicht.
Dieses unscheinbare Datum, der 10.11 ein Tag wie jeder andere, nur nicht für meine Mutter. Es war der Tag, an dem ihre Welt zusammenbrach, an dem ER sie verlassen hatte. Was genau Bella immer da trieb wollte ich nicht wissen, aber dies zeigte mir, wie sehr sie ihm in gewisser Hinsicht noch immer nachtrauerte. Und somit war es für mich beschlossene Sache. Da wusste ich, dass ich meinen Vater finden musste. Finden und ihn – mit ein klein wenig Glück- zu ihr zurückbringen. Ich wusste damals noch nicht viel über ihn, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass so eine Liebe – wie sie mir meine Mutter immer und immer wieder geschildert hatte – keine zweite Chance haben könnte. Es musste einfach klappen.
Es war im Grunde ein leichtes ihn ausfindig zu machen, doch alles weitere und die Tatsache, dass ich erst 16 war, erschwerten das Ganze erheblich. Aber ich hatte es geschafft. Und jetzt saß ich hier. Praktisch am anderen Ende der Welt, in einem schicken Büro in London. Möglicherweise die zukünftige Marketingchefin eines großen Bauunternehmens ... und was noch viel wichtiger war: ER saß mir gegenüber.
Ich war im gleichen Raum wie mein Dad. Konnte endlich mit ihm reden, ihm von Angesicht zu Angesicht in die strahlend grünen Augen blicken, die meinen so sehr ähnelten.
Ich war noch nicht am Ende meines Ziels angelang – lange nicht – aber die erste Hürde hatte ich definitiv gemeistert. Ich war HIER.
Die verrucht, rauchige Stimme von Axel Rose und die Zeilen „I know it's hard to keep an open heart when even friends seem out to harm you” aus dem Song “November Rain” holten mich aus meiner kleinen Reise in die Vergangenheit und meine Gedanken, zurück in die Gegenwart. Jetzt war es an mir, die Stirn zu runzeln.
Während Edward nach seinem Handy suchte, das dieses emotionale Lied spielte, versuchte ich die Bedeutung hinter diesen wenigen Worten zu analysieren. Doch ich scheiterte kläglich, als ich leise die Worte „Tanya, es ist mir egal, welchen Hochzeitsplaner du engagierst, für dich ist mir nichts zu teuer.“ vernahm. Unwillkürlich stieg die Wut in mir hoch, was ich absichtlich nicht zu verstecken versuchte. Mit zu Schlitzen verengten Augen, schoss ich gedanklich lauter Giftpfeile auf ihn ab, welche er nur mit einer hochgezogenen Braue und einem amüsierten Grinsen abwehrte. Mistkerl! Na warts nur ab, dir wird das Grinsen noch vergehen…schrie ich in meinen Gedanken und riss ihm jedes Haar seiner ausgeprägten und doch wohlgeformten Augenbrauen, einzeln aus.
Tanya ... wer ist denn schon Tanya? ... Du gehörst zu meiner Mum, verdammt!
Mit jedem weiteren Satz, den er mit dieser Person am Telefon austauschte, dachte ich mir eine andere Foltermethode aus. Ich hatte gerade das Bild vor Augen, wie ich mit einem heißen Brandzeichen, das die Initialen I.S. trug, sein Hinterteil markierte, als er das Gespräch beendete und mich wieder ungläubig musterte.
„Ist irgendwas, Ms. Masen?“, fragte er langsam und eindringlich. So war das also, nun waren wir wieder bei unseren Nachnamen angekommen…
Ich räusperte mich und versuchte die Wut, die noch immer heftig in mir brodelte zu zügeln. NOCH musste ich freundlich sein, denn ich wollte hier bleiben.
„Nein…Mr. Cullen. Alles in bester Ordnung.“ Zischte ich, den Namen extra betonend, wobei ich mein Temperament nicht ganz zurückhalten konnte. In dieser Hinsicht kam ich eindeutig zu sehr nach meiner Mum ... ein bisschen mehr von seiner teils schon stoischen Ruhe hätte mir sicher gut getan.
Er betrachtete mich eine Weile ausdruckslos und ich ärgerte mich derweil über mich selbst. Verdammt! Konnte ich nicht einmal die Klappe halten? Tief durchatmend setzte ich mein freundliches, schiefes Lächeln auf, was MR. CULLEN zum erneuten Male alle Farbe aus dem Gesicht weichen ließ. Ich denke nach diesem Tag musste der Gute echte Durchblutungsstörungen haben.
Durch ein nochmaliges Räuspern, schaffte ich es, mir wieder die volle Aufmerksamkeit seinerseits zu sichern.
„Ok, also nach ihren Unterlagen zu urteilen, könnte ich wohl niemand besseren für die Stelle finden…“ sein Gesichtsausdruck zeigte keinerlei Regung. Verflucht, das war einer dieser ABER-Sätze…Bitte, bitte...keine Absage...schoss es mir immer wieder durch den Kopf.
„…allerdings sollten sie lernen, ihre Kompetenzen nicht zu überschreiten, zumindest was die berufliche Ebene angeht.“, beendete er mit leichten zucken um die Mundwinkel herum seine Zusammenfassung.
„Heißt das, ich krieg die Stelle also wirklich?“, fragte ich flüsternd nach. Edwards Grinsen wurde breiter und schließlich nickte er. Vor Freude sprang ich von meinem Sitzplatz auf, umrundete den Schreibtisch, fiel ihm euphorisch und hysterisch lachend um den Hals.
„Danke, danke, danke“ während meiner festen und ungestümen Umarmung, holte er tief Luft und erstarrte sofort zur Statue, was mich dazu veranlasste, mich sogleich wieder von ihm zu lösen.
Selbst von meinem Verhalten überrascht, trat ich einen Schritt zurück, murmelte ein leises „Entschuldigung“ und senkte den Blick.
Ich wollte mich gerade umdrehen und wieder hinsetzen, als er mich am Handgelenk packte, was mich ehrlich gesagt, einem Herzinfarkt nahe brachte. Erschrocken keuchte ich auf und starrte mit geweiteten Augen auf diese Verbindung. Zwar hatte ich mit vielen Reaktionen gerechnet, jedoch nicht mit dieser. Das traf mich, wie ein Sprung ins kalte Wasser.
Dann erhob er sich aus seinem Sessel, ohne mich los zu lassen. Edward, stand so dicht bei mir, dass ich all die Wärme, die von seinem Körper ausging spüren konnte. Langsam wanderte mein Blick von meinem Handgelenk nach oben zu seinem Gesicht, bis unsere Augen aufeinander trafen. Minutenlang verharrten wir in dieser Position und mit jeder weiteren Sekunde, die verstrich, musste ich gegen die Versuchung ankämpfen, mich an ihn zu schmiegen und seine Nähe zu genießen, die mir achtzehn Jahrelang vergönnt geblieben war. Er schien das ähnlich und doch anders zu sehen, denn sein Gesicht kam den meinem verdächtig näher. Er wollte doch nicht etwa? NEIN…
Reflexartig schoss meine freie Hand in die Höhe und landete mit einem lauten Knall auf seiner Wange.
„Was bilden Sie sich eigentlich ein?“, schrie ich ihn an, entriss meinen Arm aus seiner Umklammerung und ging aufgebracht und wild mit den Händen in der Luft fuchtelnd, durch den Raum. Zur Hölle noch eins, ich bin doch seine Tochter…dieser Vollidiot…spürte er das denn nicht?
Außerdem hatte er doch grad mit Tina ... oder Tabea oder welcher blöden Schlampe auch immer übers heiraten geredet....?!
„Gehen Sie mit all Ihren Angestellten auf eine solche Tuchfühlung? Mag ja sein, dass sich andere Ihrem Charme nicht entziehen können, aber ich bin dann ja wohl die Ausnahme, merken sie sich das. Und wenn das dann alles war, würde ich gerne gehen.“, schnaubte ich wütend.
Das Adrenalin, das durch meinen Körper floss, brachte mein Blut in Wallung und bescherte mir ein lautes Rauschen, das durch meinen Kopf dröhnte. Gedanklich betitelte ich ihn mit all möglichen Schimpfwörtern, die mir in alphabetischer Reihenfolge in den Sinn kamen. Arschloch, Blödmann, Depp, egozentrischer Frauenverführer…
Wäre meine stumme Schimpftirade nicht durch das Klopfen an der Bürotür unterbrochen worden, hätte ich sicherlich noch weitere Stunden damit verbracht.
Es war Alice, die eintrat und uns merkwürdig beäugte, es musste ein merkwürdiges Bild abgeben, wie ich so durch den Raum tigerte, während Edward mich Wange haltend mit den Augen verfolgte. Anschließend fragte sie, ob alles Okay sei, da sie mein Geschrei vernommen hatte.
„Ja Alice, alles in Ordnung. Ich war gerade dabei zu gehen.“ gab ich ihr als Antwort und stolzierte aus dem Büro, ohne einen weiteren Blick auf Edward, meinen Dad, zu werfen.
Mittwoch, 24. März 2010
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