Bella POV
Es gab mal eine Zeit, in der ich die glücklichste Person war, die man sich hätte vorstellen können und ich war so verdammt naiv zu glauben, dass diese Zeit nie enden würde. Ich fand meine große Liebe und lebte gute zwei Jahre einen Traum, der mein Leben für immer bestimmen sollte. Natürlich wusste ich, dass es nicht ständig unkompliziert verlaufen könnte und Probleme überwunden werden müssten. Doch nie hätte ich Gedacht, dass unsere kleine, gemeinsam aufgebaute Welt so unerklärlich und vor allem so überraschend zu Ende gehen würde. Sicherlich war mir bewusst, dass die Collegezeit anstand, aber ich nahm an, dass wir das eine Jahr überstehen würden. Wir liebten uns beide. Ja, er liebte mich; dies war unbestritten, denn seine Augen strahlten nie das Gegenteil aus, auch wenn man sein Handeln anders deuten konnte.
Und ich liebte ihn. Er hatte zwar eine Weile zu knabbern gehabt, da mein Interesse an ihm erst nach und nach heranwuchs, aber letztlich gewann er mein Herz für sich.
Für immer ... für ewig!
Es waren jetzt knapp über dreißig Stunden seit meine kleine Tochter - na gut, so klein war sie nicht mehr, um ehrlich zu sein, war sie bereits erwachsen, doch dies wollte ich nicht wahr haben - nicht mehr bei mir war. Sie fehlte mir so unendlich sehr. Die halbe Nacht hatte ich kein Auge zu gemacht.
Bereits um vier in der Früh war ich hellwach und spazierte durch das menschenleere Haus.
Meine kleine Tochter fehlte mir ungemein. Sie war mein halt im Leben. Antonella war die Person, die mir zeigte, dass es Sinn machte, nicht alles hinzuschmeißen.
Bevor ich wusste, dass ich sie unter meinem Herzen trug, kam ich an einen Punkt, wo ich fest davon überzeugt war, mein Leben zu beenden. Es war nachdem er, ihr Vater, mich verlassen hatte. Anfangs versuchte ich stark zu sein und redete mir ein, ich könnte ihn vergessen. Doch das konnte ich nicht. Mit jedem weiteren Tag, der verging, wurde meine Sehnsucht nach ihm stärker, bis die Verzweiflung an mir nagte. Ich versuchte ihn zu finden und bettelte sogar meinen Vater an, ihn ausfindig zu machen, da ich keinerlei Ahnung hatte, wohin er gegangen war. Aber mein Dad war wütend auf Edward. Wütend darüber, dass er mich einfach unwissend hatte stehen lassen und verschwand.
Irgendwann war es dann soweit. Ich versteckte mich in meinem Zimmer, hatte alle Fenster abgedunkelt und las mir nur immer und immer wieder seine Briefe durch, die er mir geschrieben hatte, als er um meine Liebe kämpfte.
Genau acht Wochen nach dem meine Welt zerbrach konnte ich einfach nicht mehr. Mein Innerstes war betäubt, mein Herz in tausend kleine Teile zersprungen und mein Lebenswille war zerstört.
Mit einer Flasche Vodka, von der ich wusste, dass mein Dad sie im Keller hinter dem Werkzeugschrank versteckt hielt und seinen Schlaftabletten, welche er wegen seiner Schlafstörungen verschrieben bekommen hatte, die ihn seit der Trennung von meiner Mutter plagten, schloss ich mich wieder einmal in meinem Zimmer ein.
Dad fand mich am Abend, als meine Mutter anrief und unbedingt mit mir reden wollte. Es war knapp, doch ich überlebte. Im Krankenhaus wurde mir dann offenbart, dass ich schwanger war und das mein Kind ebenso wie ich meine kleine Verzweiflungstat nur um ein Haar überlebt hatte. Zuerst wollte man mich aufgrund meines Suizidversuchs in die Psychiatrie stecken, allerdings konnte ich die Ärzte davon überzeugen, dass ich nun unter den gegebenen Umständen nicht mehr im geringsten vor hatte, ein zweites Mal mein Leben zu beenden.
Zwar war die Nachricht, dass ich ein Baby bekommen würde, ein weiterer riesiger Schock für mich, allerdings machte es mich auch glücklich. Glücklich, etwas von ihm zu haben, für immer.
Etwas, das mir keiner nehmen konnte ...
Nachdem Charlie von meiner Schwangerschaft erfuhr, war er dann derjenige, der Edward ausfindig machen wollte, jedoch stoppte ich ihn. Ich wollte nicht, dass er nur wegen unseres Kindes zu mir zurück käme. Edward sollte seinen Weg gehen. Und ich hatte nun ebenfalls wieder eine Zukunft, ein Ziel, welches ich erreichen musste. Ich wollte für mein Kind da sein, wollte ihm etwas bieten können. Also raufte ich mich zusammen, machte meinen High Schoolabschluss mit einem Einser-Durchschnitt und zog danach zu meiner Mutter nach Pasadena, Californien, um dort studieren zu können, während sie mich in Sachen Kindererziehung unterstütze.
Es wäre gelogen, würde ich behaupten, dass es durch die Hilfe meiner Mutter einfacher für mich wurde. Denn das war es nicht, nie. Die ersten zwei Jahre war ich zu Hause geblieben und konzentrierte mich vollständig auf meine Tochter. Ich wollte nichts von der allerwichtigsten Zeit verpassen, in der sich so schnell, soviel veränderte.
Als Baby sah sie ihrem Vater ja so ähnlich und eine lange Zeit hatte ich sogar Probleme sie anzusehen, aber ich liebte sie über alles und versuchte mein Bestes.
Meine Studienzeit gestaltete sich sicherlich anders, als die von Studenten, die kein Kind hatten, welches sehnsüchtig, zu Hause, auf seine Mutter wartete. Ich weiß nicht, wie oft ich nachts in meinem Bett gelegen hatte und mir die Augen aus dem Kopf heulte, weil ich, obwohl meine Mutter für Antonella da war, mich einfach schlecht dabei fühlte, nicht ausreichend Zeit für sie zu haben.
Es war unheimlich schwer, mit aufgeschlagenen Büchern am Esszimmertisch zu sitzen und nebenbei Antonella zu beschäftigen oder zu füttern.
Und trotzdem habe ich mein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen, trotz der ganzen Schwierigkeiten hatte ich es bis zu diesem Tag geschafft, Antonella bei ihren wichtigsten Schritten zu begleiten. Bei jedem wichtigen Ereignis, stand ich ihr sowohl als Mutter, wie auch als Vater zur Seite.
Je älter sie wurde, umso mehr sah sie aus, wie ich in ihrem Alter. Bis auf die Mundpartie und die Farbe ihrer Augen – diese waren nach wie vor Dinge, die sie von Edward geerbt hatte.
Edward…sicherlich hatte ich in all den Jahren, die Möglichkeit, mich bei ihm zu melden, doch ich wusste nicht, wie er reagieren würde. Würde er mich dafür hassen, dass wir ein Kind zusammen hatten? Oder wäre es die Tatsache, dass ich es solange vor ihm geheim gehalten hatte? Andererseits, schien ich doch nicht wichtig genug für ihn gewesen zu sein, denn auch er hatte nie Anstalten gemacht, sich bei mir zu melden.
Vor Antonella redete ich nicht oft von ihm, es tat einfach noch unsagbar weh, auch wenn es schon so lange her war. Aber meine Gefühle für ihn hatten sich nie geändert, ich lernte lediglich damit umzugehen.
Natürlich hatte meine Tochter Fragen. Mit jedem weiteren Jahr, welches verging, wurde sie neugieriger und aufmerksamer. Sie fragte mich, wer ihr Daddy sei und weshalb er nicht bei uns wäre.
Sie sah ein paar ihrer Freundinnen, wie sie oft mit ihren Vätern spielten oder Ausflüge mit ihnen machten. Und natürlich fragte sie sich, warum ihr dieses Glück verwehrt blieb ... warum sie keinen Daddy hatte, der ihr Zuckerwatte auf dem Jahrmarkt kaufte oder mit ihr auf den Spielplatz ging.
Natürlich wollte sie wissen, warum ihr Daddy nicht bei uns war. Und was für ein Mensch er überhaupt gewesen war.
Oft wich ich ihren Fragen aus. Nie brachte ich es über mich viel von ihm zu reden. Ab und an erzählte ich ihr Geschichten aus unserer Schulzeit und wie schön es mit ihm war, jedoch wusste ich, dass ihr das nie ganz ausreichte. Meine Mutter Renée übernahm dann diese Art von Aufklärung, wenn ich nicht in der Nähe war.
Gegen sechs Uhr in der früh hielt ich es dann einfach nicht mehr aus. Ich musste mein kleines Mädchen anrufen und zwar jetzt.
In meinem Kopf rechnete ich mir schnell aus, dass es in London jetzt ungefähr um Zwei Uhr Nachmittag war. Also durchaus eine annehmbare Zeit.
Das Gespräch verlief recht kurz, doch ich konnte hören, dass es ihr gut ging. Leider konnte ich nicht wirklich lange mit ihr telefonieren, da sie sich wohl gerade in einem wichtigen Gespräch mit ihrem Gastvater befand. Allerdings versprach mir meine Tochter, mich zurück zurufen.
Ohne wirklich zu wissen, was ich nun mit mir anfangen sollte – schließlich war es gerade einmal kurz nach Sechs – setzte ich mich in die Wohnstube um fernzusehen.
Ich zappte eine Zeitlang mehr oder weniger ziellos durch die Kanäle und bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging.
Ein Klingeln riss mich aus meiner gezwungenermaßen morgendlichen Ruhe. Ich legte die Fernbedienung beiseite und machte mich auf den Weg in Richtung Tür, an der mittlerweile ein unerbittliches Klopfen zu dem Klang der Türklingel ertönte. Ein wenig verwundert darüber, da es ja – wie ich nach einem kurzen Blick auf die Uhr feststellte – gerade mal kurz vor acht Uhr morgens war, öffnete ich sie und erstarrte….
Noch bevor ich reagieren konnte, schlangen sich zwei dünne Ärmchen um meinen Hals und ich wurde in eine feste Umarmung gezogen.
„Oh Momma…ich bin wieder daaa!“, drangen die Worte an mein Ohr. Ich erwiderte die feste Umarmung der kleinen, zierlichen Person, die mich noch immer fest in ihrem Griff hielt. Tränen schossen mir in die Augen und ich fühlte mich glücklich.
„Tut mir Leid, dass ich so früh hier herein platze, aber offensichtlich lag ich mit meiner Vermutung richtig, dass du wach sein würdest.“, entschuldigte sie sich bei mir.
„Meine kleine Leo.“, schluchzte ich und presste die beste Freundin von Tony, die wie eine zweite Tochter für mich war, an mich. Leonida war seit der Krabbelgruppe mit Antonella befreundet, bis sie vor drei Jahren, nach dem Tot ihrer Mutter, zu ihren Großeltern nach Italien musste. Lucia, ihre Mutter, war ebenfalls alleinerziehend und wir beide waren, so wie unsere Kinder, sehr gut miteinander befreundet. Jedoch erkrankte sie vor etwas mehr als vier Jahren an Brustkrebs, der leider zu spät diagnostiziert wurde und starb letzten Endes. Damals wollte ich Leo adoptieren, doch ihre Großeltern wollten das nicht und rissen sie stattdessen aus ihrer gewohnten Umgebung und holten sie zu sich, obwohl sie vorher nie wirklich Kontakt gehabt hatten. Lucia war mit Leo, als diese noch ein Säugling war, von Europa nach Amerika ausgewandert, nachdem sie sich von ihrem damaligen Mann und Vater der Kleinen getrennt hatte. Sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben, nachdem er sie mehrmals betrogen und geschlagen hatte.
Vor knapp vier Jahren brach der Krebs vollends aus und neben meiner Arbeit als Chefsekretärin in einem Handelsunternehmen kümmerte ich mich um Lucia und den beiden Kindern. Lucias Tod war ein herber und schwerer Schlag für uns alle. Lange Zeit waren wir ein tolles Quartett.
Für Leo wurde ich zur Momma aber so wie Tony nannte sie mich meistens dann doch Bella.
Als wir uns wieder von einander gelöst hatten, hielt ich sie an den Schultern von mir gestreckt fest und betrachtete sie mir genauer. Sie hatte sich wahrlich verändert in den letzten drei Jahren.
„Wow…du bist ja eine richtige Frau geworden“, staunte ich nicht schlecht und konnte meine Augen nicht von ihr wenden. Zwar hatte sie noch ihre langen braunen Haare, allerdings waren diese nun von dünnen, blonden Strähnen durchzogen. Ihre Figur wirkte um einiges weiblicher und auch ihr Gesicht hatte die kindlichen Rundungen verloren. „Was machst du überhaupt hier?“, fügte ich fragend hinzu.
„Ich bin 18 und kann tun und lassen was ich will.“, war ihre schlichte Antwort, dann stemmte sie die Hände in die Hüften und schaute mich gespielt pikiert an. Das braun ihrer Augen glitzerte und man konnte den Schalk darin erkennen. „Freust du dich etwa nicht, dass ich wieder da bin?“
„Doch natürlich…“, sagte ich schnell. „Komm her meine Kleine“, erwiderte ich und zog sie nochmals an mich heran. Und sogleich kam mir ein Gedanke. Es war schon merkwürdig: kaum, dass meine eine kleine Tochter in das entfernte Europa gegangen war, kam die andere plötzlich und überraschend von genau dort zu mir zurück.
„Tony schläft sicher noch.“, mein Körper versteifte sich ein wenig, Leo schien dies zu bemerken und wieder trennten wir uns voneinander. Ich fasste sie an der Hand und zog sie ins Wohnzimmer auf die Couch. „Momma?“
„Tony ist gestern Vormittag nach England geflogen für ein Jahr. Ich dachte sie hätte dir davon erzählt, bei eurem letzten Telefonat?“, fragte ich sie überrascht. Ihr letztes Telefongespräch lag erst zwei Wochen zurück, soweit ich wusste, von daher machte es mich jetzt umso nachdenklicher, dass Leo nichts von dem Au-pair-Job zu wissen schien.
„Piccola schifosa mentitrice“, flüsterte sie mehr zu sich selbst, als dass sie auf meine Frage einging. Ich verstand es leider nicht, obwohl Lucia mir immer versucht hatte, die italienische Sprache nahe zu bringen, stellte ich mich ehrlich gesagt zu doof dafür an und behielt nur vereinzelt ein paar Worte im Gedächtnis….bevorzugt Schimpfwörter.
„Wie bitte?“, fragte ich deshalb nach.
„Ach, schon gut. Ich hatte es wohl nur vergessen“, sagte meine Zweittochter kopfschüttelnd und grinste mich schelmisch an. Allein an ihrem Blick, mit dem sie mich anschaute, erkannte ich, was ihr Anliegen war.
„Ja, Leonida, du kannst hier bleiben, solange du möchtest“, grinste ich zurück und beantwortete somit ihre unausgesprochene Bitte. „Ich werde gleich Tonys Bett frisch beziehen, dann kannst du es dir in ihrem Zimmer gemütlich machen.“
„Danke, Momma. Ich werde dir auch nicht zur Last fallen“, bedankte sie sich, doch schnell winkte ich ab. „Du bist mir keine Last.“, entgegnete ich.
Während ich das Zimmer für Leo herrichtete, holte sie ihr Gepäck, welches noch vor dem Haus stand und in der Zeit, in der sie auspackte, machte ich mich in der Küche daran, uns etwas zum Frühstück zu zaubern. Gerade als ich die Muffins in den vorgeheizten Ofen schob, öffnete sich die Küchentür. Ich blickte in die Richtung und sah Leonida, die mich bei meinem Tun beobachtete und sichtlich angestrengt nachdachte.
„Hey Piccolina, alles in Ordnung?“, fragte ich sie lächelnd. Diesen Kosenamen, der soviel wie Kleine bedeutete, bekam sie früher von ihrer Mutter, da sie wirklich immer recht klein gewesen war, was sich nicht geändert hatte. So über den Daumen gepeilt würde ich sie auf knappe 1. 63m schätzen. Tony und ich hingegen hatten die gleiche Größe und waren schon über dem Durchschnitt, da wir die Grenze von 1.70m mit weiteren fünf Zentimetern überragten.
„Ja, Bella. Ich freu mich nur, dass ich endlich wieder hier bin, raus aus diesem Irrenhaus.“
„So schlimm?“
„Naja, es war okay, aber ehrlich, diese Italiener haben ein paar Moralvorstellungen, die sind unmöglich. Tu dies nicht, tu das nicht. Leonida so verhält sich keine Dame…bla bla bla.“, zitierte sie mit nasaler Stimme. „Ich kam mir vor wie eine Principessa im goldenen Käfig. Aber jetzt bin ich erwachsen und kann meine eigenen Entscheidungen treffen und das habe ich auch.“, erklärte sie mir mit Nachdruck.
„Und die wären?“, interessiert betrachtete ich sie mit hochgezogener Augenbraue.
„Na, als erstes denke ich, sollten wir ein wenig Spaß haben“, ihr Grinsen wurde immer breiter, dann drehte sie sich auf der Schwelle um und verschwand im Wohnzimmer. Gleich darauf hörte ich auch schon die Musik, die in voller Lautstärke durchs Haus dröhnte. Ich erkannte das Lied. Es war einer unserer Gute-Laune-Songs.
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Belustigt den Kopf schüttelnd trat ich ebenfalls ins Wohnzimmer und sah Leo lachend durch den Raum tänzeln. Dies war so ansteckend, dass ich ohne groß darüber nachzudenken mitmachte. Wir fassten uns an den Händen, drehten uns, hüpften und sangen lauthals den Text mit. Es war überwältigend, all meine Gedanken waren wie weggeblasen und vorhanden war einfach nur noch ein schönes, glückliches, befreites Gefühl.
Nachdem das Lied geendet hatte, fielen wir nach Luft schnappend auf die Couch und lachten eine Zeit lang, wie Hühner, bevor sich die Stille im Zimmer ausbreitete und wir beide gedankenverloren aus dem großen Fenster uns gegenüber starrten.
„Leonida Liliana Montebello…du könntest meine Tochter sein und eigentlich sollte ich mich verhalten wie eine Mutter…“, fing ich an zu sprechen, wurde aber sofort unterbrochen.
„Bella, du warst nie die typische Mutter. Du warst immer mehr unsere Freundin und bitte, versuch dies nicht zu ändern. Es passt einfach nicht zu dir, dafür wirkst du zu jung.“
Es stimmte, ich verhielt mich nie wirklich wie eine Mutter. Um ehrlich zu sein, fühlte ich mich auch nie wie eine, immer nur wie eine Freundin. Ob dies wohl der Grund war, weshalb Antonella, Leo und ich so ein tolles Verhältnis miteinander hatten? Na ja, die meisten Leute, die uns nicht kannten, hielten Tony und mich ohnehin immer für Schwestern, was mir gewissermaßen schmeichelte.
„Nun werd' mal nicht frech, Piccolina…“, startete ich einen neuen Versuch, ein wenig wie eine Autoritätsperson zu handeln, doch wieder kam ich nicht weiter, denn ich verstummte, als mir der Geruch von Verbranntem in die Nase stieg. „Verdammt…mein Essen“, schrie ich und rannte in die Küche.
Schnell schnappte ich nach den Topflappen und riss die Ofentür auf, holte die verkohlten Muffins heraus, stellte diese auf der Küchentheke ab und starrte wie gebannt darauf.
„Na super“, murmelte ich stöhnend und strich eine Haarsträhne, die mir ins Gesicht gefallen war, zurück. Durch unsere kleine Party hatte ich völlig die Zeit vergessen. Dabei war es mir vorgekommen, als seien nur wenige Minuten vergangen.
So etwas war mir schon ewig nicht mehr passiert.
„Also, ich wäre ja für Starbucks“, holte mich das Gekicher von Leo aus meinen Gedanken. Ruckartig schoss mein Kopf in die Richtung, aus der ich dieses vernahm und augenblicklich musste ich auch wieder lachen.
„Okay, dann wird es eben ein etwas späteres Frühstück mit belegten Bagels “, gluckste ich.
„Gut, ich fahr schnell zu dem um die Ecke und hol uns etwas, ja?“, sagte meine kleine Italienerin und hatte bereits meine Autoschlüssel in den Händen. „Den gibt es doch noch oder?“
„Ja, klar! Im Handschuhfach müsste noch Geld liegen, das kannst du nehmen. Ich räume in der Zeit hier auf.“, erwiderte ich und griff nach der Backform, deren Inhalt ich im Abfalleimer entsorgte.
Leo war bereits seit gut zehn Minuten unterwegs, ich räumte derweil den Geschirrspüler ein und versuchte den Ofen zu reinigen, dessen Boden voll mit angebranntem Teig war, als das Telefon klingelte. Ich wollte gerade abnehmen, doch es verstummte wieder, noch ehe ich es erreichte.
„Hm…komisch“, dachte ich und lief zur Spüle, um den Lappen auszuwaschen. Gerade als ich das Wasser wieder abstellte, klingelte erneut das Telefon. Diesmal beeilte ich mich ran zu gehen.
„Isabella Swan“, meldete ich mich wie üblich. Doch nichts. Niemand sagte etwas, allerdings konnte ich leises Atmen am anderen Ende der Leitung vernehmen.
„Hallo? Wer ist denn da?“, fragte ich, aber noch immer sagte keiner etwas. Die Atmung der Person wurde schneller und schien ebenso lauter zu werden. Langsam machte es mich wütend. Ich hatte wahrlich keine Lust auf Spielchen.
„Ich kann sie atmen hören, also sagen sie doch was.“, forderte ich ein weiteres Mal, es gelang mir jedoch nicht ganz, die Wut in meiner Stimme zu unterdrücken. Dann hörte ich die Haustür und wollte schon mit dem Telefon aus der Küche laufen, blieb aber stehen, denn auf einmal erklang ein leises „Hallo, Bella!“ von der wohl schönsten Stimme, die ich je in meinem Leben gehört hatte.
Ich erstarrte.
Scharf sog ich die Luft ein. Das konnte doch nicht wirklich…?
Wie lange war es her, als meine Ohren sie zum letzten Mal vernahmen? Ich erkannte sie auf Anhieb, wie auch nicht? Schließlich verging seit gut neunzehn Jahren nicht ein Tag, an dem ich nicht an ihn dachte. Ich hatte noch nicht einmal einen anderen Mann je wieder in mein Leben gelassen ... mal abgesehen von einem ganz bestimmten Tag im Jahr. Aber dieser zählte für mich nicht.
Nie wieder hatte ich mich emotional an jemanden gebunden. Wieso meldete er sich ausgerechnet jetzt? Warum nach so langer Zeit? Meine Gedanken überschlugen sich. So viele Fragen, die sich in meinen Kopf drängten und keine einzige kam mir über die Lippen. Alles in mir zog sich schmerzhaft zusammen, mir wurde übel und schnell schlug ich mir die Hand vor den Mund.
„Bella?“, erklang erneut die warme, weiche Stimme, von der ich dachte, sie nie wieder zu hören. Die Stimme eines Mannes, von dem ich dachte, dass er für immer aus meinem Leben verschwunden war. Plötzlich schoss ein weiterer Gedanke wie ein Stromschlag durch mein Gehirn. Das musste ein Witz sein. Das konnte nicht echt sein. Mit einem mal fing ich lauthals an hysterisch zu lachen und zwischendurch, immer wenn ich nach Luft schnappte, entwichen meiner Kehle Worte wie: Halluzination, Scherz und unwirklich.
Leo erschien durch die Küchentür und sah mich mit geweiteten Augen entsetzt an. Sofort wurde ich wieder ernst.
„Wenn das ein Scherz sein soll, dann finde ich ihn nicht besonders witzig“, fauchte ich ins Telefon, mein Blick lag noch immer auf Leonida, deren Augen sich nun zu Schlitzen geformt hatten.
„Oh Bells, es tut mir so Leid…“, flüsterte die raue, engelsgleiche Stimme Edwards durch den Hörer….und da erkannte ich, dass es keine Halluzination war. Er war es wirklich. Tränen schossen mir in die Augen. Ich konnte es nicht fassen und schüttelte wild meinen Kopf, hauchte immer wieder ein „Nein“, bevor mich der Abgrund in die Tiefe zog. All meine Gefühle, die ich in den ganzen Jahren gelernt hatte, unter Kontrolle zu bringen, stürzten mit einem Mal wieder auf mich ein. Bilder von ihm und mir schoben sich vor mein inneres Auge….dann Leere…völlige Leere. Meine Beine wurden weich und ich bemerkte, wie ich in mich zusammensackte. Das letzte, das ich mitbekam, waren die beiden Stimmen von Edward und Leo gemischt. Während er immer wieder meinen Namen wiederholte, schrie sie „Merda“, dann umfing mich die Schwärze vollends.
Dunkelheit umhüllte mich. Es kam mir vor, als würde ich in dem Strudel der Zeit verschwinden, der mich an den Ort zurück brachte, an dem alles angefangen und zugleich geendet hatte.
Ich stand wieder auf den Klippen, ließ meinen Blick schweifen und alles war grau, wie in einem Schwarz-Weiß-Film. Von hier oben sah ich auf das Meer und den Strand hinab, entdeckte zwei Personen, die Hand in Hand durch die seichten Wellen spazierten. Ein Mädchen und einen Jungen, sie sahen beide so verliebt aus ... Diese Blicke, die sie miteinander austauschten. Schrecken und Sehnsucht machten sich in mir breit, als ich erkannte, wer diese beiden waren. Das Paar, auf welches ich nieder blickte, waren Edward und ich. Es war der Tag, an dem er es nach Wochen des Kämpfens endlich geschafft hatte, mein Herz zu erobern. Der Tag, an dem auch ich ihm meine Liebe gestand.
Dann kam die Schwärze zurück, wieder dieser Strudel, nur dieses Mal ein anderer Schauplatz.
Nun stand ich in meinem Zimmer am Fenster und sah auf mein Bett. Edward und ich saßen darauf und führten eine hitzige Diskussion. Selbst nach zwanzig Jahren konnte ich mich noch an jedes einzelne Wort erinnern. Es ging darum, dass sein Vater etwas gegen unsere Beziehung hatte. Er war der Meinung, ich sei nicht gut genug für seinen Sohn. Doch damals stellte er sich gegen ihn. Edward hatte mir an diesem Tag versprochen, egal was passieren würde, nie könnte uns jemand trennen. Ich glaubte ihm!
Plötzlich stand ich wieder in La Push auf dem Felsen, auf dem wir uns ein letztes Mal geliebt hatten. Wo alles endete.
„Ich liebe dich.“ hauchte er mir leise ins Ohr und verschloss meine Lippen mit den seinen, als er langsam und zärtlich in mich eindrang.
Unter ihm liegend stöhnte ich seinen Namen in den Kuss hinein und klammerte mich mit all meiner Kraft an ihm fest. Seine Hände schoben sich unter meinen Rücken und drückten mich so nah an ihn, dass ich seinen Herzschlag spüren konnte. Er…er war alles, was ich brauchte, was ich wollte. Er war mein Leben. Und doch fühlte es sich so sehr nach Abschied an.
Erneut erfasste mich die Dunkelheit und dieses Mal blieb sie. Umwickelte nicht nur meinen Körper, sondern auch meine Seele und meinen Verstand. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Nichts war zu sehen. Nichts war zu hören.
~*~
Tony POV
Wütend stapfte ich aus seinem Büro, Alice folgte mir einen Augenblick später. Toll Tony, du hast es voll verkackt…
So sauer wie ich auch war, wusste ich, dass mein Verhalten falsch war. Ich hätte ihm keine Ohrfeige verpassen dürfen. Schließlich war er offiziell mein Chef und es war nicht eindeutig, ob er mich Küssen wollte. War es doch nicht, oder?
Deprimiert ließ ich mich auf einen der Stühle, neben Alice Schreibtisch fallen und vergrub mein Gesicht kopfschüttelnd in meinen Händen.
Was hatte ich nur getan?
„Ist alles in Ordnung, Maria?“, hörte ich die Stimme von Dads Assistentin und spürte eine Hand auf meinem Knie. Ich blickte auf. Sie kniete vor mir und schaute mich mit traurigen Augen an. „Keine Ahnung, was er nun wieder angestellt hat, aber soviel kann ich sagen, er ist eigentlich ein netter Kerl, wirklich.“, beteuerte Alice und versuchte mich somit zu beruhigen.
„Himmel, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, Alice. Ich habe ihm eine geknallt…den Job kann ich vergessen.“, erklärte ich fast schreiend.
„Oh“, war ihre einzige Reaktion darauf. Dann fing sie an zu grinsen. Ungläubig starrte ich sie mit offenem Mund an. Warum zur Hölle grinste mich diese Frau jetzt an?
„Das ist toll, Maria“, waren ihre nächsten Worte und ich glaubte mich verhört zu haben.
„Bitte was?“ Wenn mein Unterkiefer nicht fest gewachsen wäre, dann müsste ich den sicherlich irgendwo auf dem Boden aufsammeln. „Das ist nicht dein ernst, Alice?!“
„Und wie es das ist“, kicherte sie und verdrehte belustigt die Augen. „Mach dir keine Gedanken, er wird sie verdient haben und er wird das auch wissen“ Das Grinsen, welches ihr Gesicht zierte, wollte gar nicht mehr verschwinden. „Weißt du was?“ Immer noch geschockt, schüttelte ich mit dem Kopf. „Ich zeige dir jetzt erstmal dein Appartement und später hol ich dich ab und wir gehen etwas essen, wie klingt das?“ Ihre Augen waren flehend auf mich gerichtet und irgendwie….oh Mist….sie war eine derjenigen, die so richtig diesen Du-kannst-mir-eh-keinen-Wunsch-abschlagen-Blick drauf hatten.
„Aber…aber…ich, aber ...“, war mein letzter kläglicher Versuch, mich gegen sie zu wehren.
„Nichts aber, los komm!“, sagte sie bestimmt, packte mich an den Händen und zog mich mit sich.
Alice führte mich aus dem großen Firmengebäude heraus und direkt in ein anderes, welches genau gegenüber davon lag. Es war ebenfalls im neoklassizistischen Stil und ähnelte dem Firmengebäude immens. Sie schleifte mich durch die Eingangstür, die hier jedoch aus Glas bestand und zerrte mich zum Fahrstuhl. Dieser öffnete sich und wir stiegen ein. Alice drückte den Knopf für die zweite Etage, und da fiel es mir auf.
„Ähm, Alice? Wo ist eigentlich mein Gepäck?“
„Das ist schon im Appartement. Ich habe es von Richard, dem Chauffeur, dorthin bringen lassen“, sie klang lässig, als ob das alles normal wäre. Aber vielleicht war es das ja auch, schließlich kannte ich mich in der Hinsicht nicht aus. Denn wenn man es genau betrachtete, sollte ich in einem Collegewohnheim sein und anfangen zu studieren, anstatt hier auf erfahrene Marketingleiterin zu machen, die ich bei weitem nicht war. Dies würde noch einige Probleme mit sich bringen.
Im zweiten Stock angekommen traten wir aus dem Fahrstuhl in einen langen, hellen Flur hinaus. Und während ich hinter Alice her stöckelte, fing ich wieder an zu plappern.
„Wieso bist du dir eigentlich so sicher, dass ich den Job trotzdem bekomme?“, fragte ich sie.
„Ganz einfach, ich kenne deine Bewerbungsunterlagen und Edw…ehm, Mr. Cullen wäre verrückt, jemanden wie dich, mit diesen Zeugnissen, nicht zu nehmen.“, Wir blieben vor einer weißen Holztür am Ende des Flures stehen und verlegen schaute ich zu Boden. Wenn sie wüsste, dass dies nicht meine Unterlagen waren und ich sie nur gefälscht hatte….
Das schlechte Gewissen hatte mich gepackt, denn Alice war so eine verdammt nette Person und es missfiel mir, sie so belügen zu müssen. Deinen Dad belügst du auch…
Das ist doch was ganz anderes, schnauzte ich meine Gedankenstimme an.
Das kleine Persönchen neben mir zückte eine Schlüsselkarte aus ihrer hinteren Hosentasche und schob diese durch das Scannerschloss, welches neben der Tür befestigt war. Ein Klicken erklang, dann drehte sie an dem runden Türknauf und schon öffnete sich die Wohnungstür und wir traten hinein.
Neben dem Eingang sah ich sofort meinen Koffer stehen. Das Appartement selbst hatte eine normale Größe und war mit einem hellen Hochflor-Teppich ausgelegt, die Möbel waren in sanften Beige- und Brauntönen gehalten und sahen normal aus. Nichts war hier, dass auf übermäßigen Luxus hindeuten könnte.
„Mach es dir bequem, Maria. Ich muss leider wieder hinüber, aber ich bin spätestens um 18 Uhr hier und dann gehen wir schick etwas essen, okay?“ Sie drehte sich auf der Schwelle wieder um und bevor ich überhaupt meinen Mund aufmachen konnte, rief sie noch: „Keine Widerrede!“ und verschwand. Die Schlüsselkarte hatte sie auf das kleine Tischlein neben der Couch gelegt, wo auch eine Stadtkarte von London lag. Wie aufmerksam…
Ich schaute mich ein wenig in der Wohnung um und sah erst nach wenigen Minuten das große Fenster an der Südseite des Raumes. Neugierig stellte ich mich davor und wollte sehen, wohin diese Aussicht führen würde, als ich bemerkte, dass der Ausblick direkt auf dem Firmengebäude lag. Seufzend lief ich zur Couch zurück und ließ mich darauf nieder. Mit den Fingern trommelte ich neben mir auf das weiche braune Leder und dachte angestrengt nach, was ich nun tun könnte. Die Uhr zeigte gerade mal 15.30 Uhr an, also hatte ich noch gute zweieinhalb Stunden Zeit, bis Alice wieder hier auftauchen würde und mir vermutlich mitteilte, dass ich morgen wieder verschwinden könnte, da ich die Jobsache wirklich vergeigt hatte.
Die Haare raufend wanderte mein Blick neben die Appartementtür, wo mein Gepäck stand….Duschen…ja das wäre jetzt toll. Schnell erhob ich mich, schnappte mir meinen Koffer und machte mich auf den Weg ins Schlafzimmer, welches ich nach zwei Fehlversuchen gefunden hatte. Zuerst erwischte ich die Tür, die zur Küche führte und dann die zur Gästetoilette. Aber wie erwähnt fand ich dann doch mein eigentliches Ziel…das Schlafzimmer. Dort legte ich das schwere Teil auf dem großen Bett ab und öffnete diesen. Wie schon Stunden zuvor sprang er auf und all die Klamotten, die ich hineingeworfen hatte, kamen mir entgegen. Ich sollte wirklich an meinen Verpackungskünsten arbeiten.
Nach kurzer Suche, griff ich nach der schwarzen Unterwäsche, einem blauen Rollkragenpullover, einer schwarzen Weste und einer ebenso schwarzen Röhrenjeans, die ich ordentlich auf die Matratze drapierte. Dann drehte ich mich um und spazierte durch eine Tür, die, wie ich vermutete ins Bad führte. Auch dieses war nicht sehr groß, jedoch mit einer Badewanne und einer separaten Dusche ausgestattet. Gegenüber davon befand sich der Waschtisch mit einem riesigen Spiegelschrank. Kurz erkundete ich alles, fand recht zügig die Handtücher und die anderen Waschsachen, inklusive eines Föhns.
Nachdem ich das warme Wasser der Dusche eingeschaltet hatte, entkleidete ich mich und stellte mich unter den entspannenden Wasserstrahl. Das Gefühl der Tropfen auf meiner Haut tat gut und für einen Moment vergaß ich, wo ich war und stellte mir vor, zu Hause zu sein. Meine Mutter würde jeden Augenblick nach mir rufen und es wäre so wie sonst auch. Wir würden einen gemeinsamen DVD Abend machen, uns selbst gemachtes Popcorn rein schaufeln und einfach nur unseren Spaß haben. Irgendwie vermisste ich sie.
Als ich fertig war mit duschen, schlang ich mir eines dieser großen, weißen Badetücher um meinen Körper und ging zurück ins Schlafzimmer, wo ich mich abtrocknete und meine zurechtgelegten Klamotten anzog.
Auf dem Bett sitzend starrte ich in den Spiegel, der zugleich die Tür des Kleiderschranks war. Wie ich mich darin so musterte, mit meinen nassen Haaren und mein ganzes Selbst, überrollten mich aufs Neue die Gedanken. War es richtig hier her zu kommen? Vor allem mit diesem Aufwand und dem Theater, dass ich hier versuchte zu spielen? Wäre es nicht vielleicht besser, einfach zu ihm zu gehen und zu sagen, wer ich wirklich war? Dass ich seine Tochter war, die er mit seiner High School Liebe gezeugt hatte? Selbst wenn er es nicht glauben sollte, die Fakten sprachen doch eigentlich für sich. Wie blind war dieser Kerl eigentlich? Ich sah meiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten und er schien absolut nichts bemerkt zu haben. Immer mehr verworrene Gedanken schlichen sich in meinen Kopf und je länger ich über das Aufeinandertreffen nachdachte, umso wütender wurde ich.
Dann fasste ich einen Entschluss.
Ich ging zurück ins Bad, föhnte meine Haare trocken, ließ sie naturgelockt über meine Schultern, bis zu meinen Hüften fallen, tuschte mir ein wenig die Wimpern und zum Abschluss trug ich noch farblosen Lipgloss auf meine Lippen. Nach einem weiteren, allerdings nur kurzen Blick in den Spiegel, stapfte ich wieder ins Schlafzimmer, holte meine weißen Chucks aus dem Koffer und zog sie an.
Im Wohnzimmer richtete ich meine Augen auf die Uhr…es war bereits kurz nach 17 Uhr. Ich packte meine Handtasche und gerade als ich zur Wohnungstür raus wollte, fiel mir ein, dass ich ja noch diese komische Schlüsselkarte brauchte. Als ich diese in meine hintere Gesäßtasche steckte, klingelte mein Handy. Der Song „Tigerlily“ von La Roux ertönte und ich wusste sofort, wer der Anrufer war.
„Hey Tigerlily“, begrüßte ich meine beste Freundin Leo, die diesen Spitznamen vor gut zehn Jahren von mir bekam, als ihre Mutter sie in ein Tigerkostüm zu Halloween gesteckt hatte. Seither nannte ich sie fast nur noch so.
„Porca puttana, wo steckst du?“, schrie sie mich durchs Telefon an. Okay, ich kannte ihr Temperament, aber mit solch einer netten Begrüßung hatte ich wahrlich nicht gerechnet.
„Ja, ich hab dich auch vermisst“, war meine grandiose Antwort. „Und was heißt hier, wo ich stecke? Ich bin in England, ich hatte dir doch davon erzählt.“
„Ganz Prima, Tony. Ich dachte nicht, dass du das wirklich durchziehen würdest. Soll ich dir verraten, wo ich bin? Ich bin vor wenigen Stunden in LA gelandet und wollte dich überraschen.“
„Wie, du bist in LA? Bei Mum?“, völlig perplex, ließ ich mich auf die Couch sinken und fuhr mir mit der Hand über mein Gesicht. „Wieso hast du mir nicht gesagt, dass du wieder nach Amerika kommst, Leo?“, fragte ich sie nun.
„Hallooo…klopf, klopf. Sagte ich nicht gerade, dass ich dich überraschen wollte?“, sie war wirklich ziemlich wütend und das kam bei ihr nicht sehr oft vor. Eigentlich war sie eine Frohnatur, hatte immer gute Laune und die schlechtesten Witze auf Lager, die einen trotzdem zum Lachen bringen konnten.
„Lill, hör zu, ich musste das tun, bitte sei nicht sauer, bitte“, flehte ich sie an.
„Und wie stellst du dir das bitte vor, Antonella Maria Swan? Hast du dir überhaupt Gedanken gemacht, wie das ganze dort bei dir in England ablaufen soll? Denn ich glaube nicht, dass das, was du vor hast, funktionieren wird.“, Uhh jetzt waren wir also schon beim vollen Namen.
„Also eigentlich…“
„Was eigentlich?“, unterbrach sie mich schon fast schreiend.
„Hör auf mich anzuschreien und hör mir endlich zu“, blaffte nun ich zurück.
„Okay, gut, sprich!“, forderte Leo, aber ich hörte aus ihrer Stimmlage heraus, dass egal, was ich ihr erzählen würde, sie sowieso dagegen wäre. Und trotzdem erzählte ich ihr das bisher erlebte in der Kurzfassung, ließ allerdings die Ohrfeige aus und die Tatsache, dass ich den Job womöglich versiebt hatte.
Schweigen!
„Tony, du glaubst doch wohl nicht, dass ich dieses Spiel mitspiele?“
„Bitte Leo, nur für ein paar Monate. Ich will ihn kennenlernen als Menschen“, flehte ich sie erneut an.
„MONATE? Bist du vollkommen irre geworden? Solange kann ich Bella nicht belügen und ich will es auch gar nicht.“, wieder wurde sie mit jedem Wort, das sie sprach lauter. „Ich gebe dir höchstens vier verdammte Wochen, mehr nicht. Regel es, Tony“, im Hintergrund hörte ich eine Frauenstimmte fragen: “Was darf es sein?“
„Sag mal, wo steckst du gerade?“, fragte ich ruhig und verwundert. Doch statt einer Antwort, vernahm ich nur: „Zwei belegte Bagel, zwei Schoko- und zwei Blaubeermuffins, bitte.“, Ich denke nicht, dass dies an mich gerichtet war.
„Bist du bei Starbucks?“
„Ja, bin ich, hole für Bella und mich Frühstück. Ihr sind die Muffins vorhin verbrannt“, kicherte sie, wurde aber sofort wieder ernst.
„Bitte Tony, klär das auf. Keine Spielchen!“, forderte meine beste Freundin. Im Grunde hatte sie ja Recht und eigentlich war es auch das, was ich vorhatte. Noch bevor sie mich anrief, hatte ich den Entschluss gefasst, Edward einfach die Wahrheit zu sagen.
„Versprochen!“, entgegnete ich und dann beendeten wir das Gespräch.
Auf den Weg in die Firma dachte ich noch einmal nach. Ich hatte sowieso keine andere Wahl mehr, ich musste ihm alles gestehen, den Job konnte ich eh vergessen nach der Aktion. Oh Gott…ich hab meinen Vater geschlagen…meinen eigenen Dad. Schmerzhaft kehrte die Erinnerung in mein Gedächtnis, als er wie versteinert da stand, sich die Wange hielt und mich mit seinen Blicken verfolgte. Wie ich ihn runter gemacht hatte und mein Temperament mit mir durch ging. Verdammt…ich musste mich entschuldigen…
Ich beschleunigte meine Schritte und rannte die Treppen zum Eingang hoch, ohne anzuhalten an Jasper vorbei und die weiteren Stufen hinauf in die zweite Etage. Keuchend nach Luft ringend stoppte ich vor Alice Schreibtisch. Nach vorne gebeugt, mit den Händen auf den Knien abstützend, reckte ich meine Kopf in die Höhe und blickte direkt in ihr Gesicht. Sie hatte ihre Augenbrauen zusammen gezogen und sah mich ungläubig an.
„Ahl…Al…Alice, ich muss mit ihm reden.“, schnaufte ich und zog immer wieder Luft in meinen ausgepowerten Körper. „Wenn es um deinen Arbeitsvertrag geht, den wollte ich dir eigentlich gleich mitbringen, damit du ihn unterschreiben kannst.“, sie hob einige Akten, die auf ihrem Tisch lagen an und zerrte einen etwas dickeren Stapel Blätter heraus.
„Arbeitsvertrag?“, fragte ich verdutzt, mit hochgezogener Braue. „Ja, das Teil, das man benötigt, damit du offiziell hier anfangen kannst.“, Wow, ihr Sarkasmus war ja fast so schlecht, wie der meine. Moment…
„Wie? Heißt das ich hab den Job?“, wieder einmal klappte mir der Mund auf und ich war wie erstarrt. Alice verdrehte ihre Augen und grinste mich dann an. „Jaaaa hast du, wovon rede ich denn die ganze Zeit?“
Plötzlich ertönte ein Quietschen und vor meinen Augen schwang alles auf und ab. Dads Assistentin erhob sich von ihrem Platz, kam um den Schreibtisch herum, hielt mich fest und legte ihre Hand auf meinen Mund. „Ich verstehe ja deine Freude, aber würdest du aufhören hier rum zu hüpfen und zu quieken wie ein Schweinchen?“, lachte sie und schüttelte den Kopf. Erst da bemerkte ich, was ich gerade tat. Abrupt hörte ich auf und nickte, da sie noch immer ihre kleinen Finger über meine Lippen hielt.
„Okay, kann ich dich jetzt los lassen oder schreist du dann weiter?“ Sie sprach jedes Wort ganz langsam aus, als hätte sie eine Begriffsstutzige vor sich, aber ich verübelte es ihr nicht. Wieder nickte ich, dann ließ sie mich los. „Gut, ich räume hier noch fix zusammen, dann können wir los.“
„Wohin?“
„Na, essen. Es ist 18 Uhr…Feierabend für heute.“, antwortete sie und schnappte sich die ganzen Akten, anschließend, wollte sie die ins Büro meines Dads bringen. Doch noch bevor sie den Türknauf berühren konnte, sprang diese auf und Alice einen Schritt zurück. Zum Glück, sonst hätte sie das schwere, dunkle Holz, voll gegen den Kopf geschlagen bekommen.
„Alice, buch mir sofort einen Flug nach Pa…“, sogleich als er mich erspähte, verstummte er und schluckte den Rest des Satzes hinunter. Sein Blick glitt über meine Gestalt und ich sah, wie er etwas sagen wollte, denn sein Mund öffnete und schloss sich jedoch sofort wieder.
„Danke, Mr. Cullen! Ja, mir geht es gut. Nein, sie haben mich nicht verletzt.“, schnaubte die kleine Schwarzhaarige und drückte ihm wütend die Akten in die Hand. Edward zuckte zusammen, als würde er aus einer Art Trance erwachen.
„Wie bitte?“, er schaute auf seine Arme, dann zu Alice. „Ähm..ja danke, Ms. Brandon“ Himmel, war der durcheinander. Doch das war mir egal…in der ganzen Zeit hafteten meine Augen an ihm. Meine Beine machten sich selbstständig, aber dies bemerkte ich erst, als ich direkt vor ihm zum stehen kam.
„Ja, Ms. Masen?“, fragte er mich, seine Stimme so sanft und weich.
Minutenlang stand ich vor ihm und sah ihm tief in die Augen. Zumindest kam es mir so lange vor, ehe ich meinen Mund aufbekam und ein leises „Tut mir Leid“, hauchte.
Das Grün in ihnen war noch immer intensiv, doch da war noch mehr, soviel mehr.
„Können wir los?“, fragte Alice. Mein Kopf ruckte nach rechts, wo sie fertig bekleidet und einer Tasche über der Schulter auf mich zu warten schien. Ich hob einen Finger, um ihr zu deuten, dass ich noch einen Augenblick benötigte. Dann wandte ich mich wieder meinem Dad zu. Doch der war so schnell wieder in seinem Büro verschwunden, dass ich es nicht mitbekommen hatte, wie er sich zurück zog. Achselzuckend und seufzend widmete ich mich Alice, bei der ich mich einhakte und wir ein weiteres Mal das Gebäude verließen. Am liebsten wäre ich wieder umgedreht, doch was hätte ich dieses Mal sagen sollen? Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Irgendwas lief verdammt falsch und es lag nicht an der Tatsache, dass ich mich an meinen schauspielerischen Künsten versuchte. Es war etwas, das in seinen Augen lag, was mir dieses Gefühl bescherte.
Doch was war es? Angst? Sehnsucht? Hilflosigkeit? Schmerz?
Übersetzung:
piccola schifosa mentitrice = kleine, miese Lügnerin
Piccolina = Kleine
Principessa = Prinzessin
merda = scheiße
porca puttana = verdammte Schlampe
Mittwoch, 24. März 2010
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